Das Westfernsehen und der
revolutionäre
Umbruch in der DDR im Herbst
1989
Magisterarbeit im Fach
Geschichtswissenschaft an der Universität Bielefeld,
Fakultät für Geschichtswissenschaft
und Philosophie
Vorgelegt von Lars Brücher
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Das Westfernsehen und der revolutionäre
Umbruch
in der DDR im Herbst 1989
Magisterarbeit
im Fach Geschichtswissenschaft an der Universität Bielefeld,
Fakultät
für Geschichtswissenschaft und Philosophie
Vorgelegt
von:
Lars
Brücher
Stresemannstr.
79
22
769 Hamburg
1.
Korrektorin: Prof. Dr. Gilcher-Holtey
2.
Korrektor: Prof. Dr. Rohlfes
II.
Die Berichterstattung des westdeutschen Fernsehens über die DDR bis 1989
1. Der staatliche Auftrag
zur Berichterstattung und feste Sendeplätze
2. Arbeitsgrundlage und
Arbeitsbedingungen westdeutscher Journalisten in der DDR
3. Entwicklung und Beispiele
der Berichterstattung bis 1989
III.
Rahmenbedingungen der Rezeption in der DDR
1. Nutzung des Mediums
Fernsehen in der DDR allgemein
2. Empfangsmöglichkeiten und
Nutzung des Westfernsehens in der DDR
3. Die politische
Berichterstattung des DDR-Fernsehens
IV. Die Berichterstattung des Westfernsehens
über Flucht und Opposition im Jahr 1989
1. Fluchtbewegung: „Endlich
Freiheit, wunderbar!“
2. Die Berichterstattung
über die Opposition bis zum kritischen Moment (9. Oktober 1989)
3. Der 9. Oktober in Leipzig
und der Beginn des sichtbaren Machtverfalls
Wer erinnert sich nicht an die Fernsehbilder vom Balkon der Prager
Botschaft im Spätsommer des Jahres 1989, von wo aus der damalige
Bundesaußenminister Genscher den Botschaftsflüchtlingen die Bewilligung ihrer
Ausreise bekannt gab? Wer hat nicht mehr die durch das abendliche Leipzig
ziehenden Demonstranten vor Augen, die mit der einfachen Losung „Wir sind das
Volk!“ den Umbruch in der DDR begründeten? Wer kennt nicht den Satz „Wer zu
spät kommt, den bestraft das Leben.“ Gorbatschows, welchen dieser westlichen
(Fernseh-)Journalisten gegenüber äußerte?
Es ist dem Fernsehen zu verdanken, dass die Bevölkerung an diesen historischen Ereignissen zumindest medial teilhaben konnte. Jedoch übernahm das Fernsehen nicht nur eine Chronistenpflicht für die Bürger in der Bundesrepublik. Vielmehr war es für die breite Bevölkerung der DDR oft die einzige Informationsquelle über die fortschreitenden politischen Ereignisse in ihrem Staat. Das Westfernsehen hatte dadurch, dass das staatlich gelenkte DDR-Fernsehen die Proteste bis Mitte Oktober nahezu ignorierte, de facto das Informationsmonopol über diese Ereignisse und bot zudem den Oppositionellen eine Plattform.
Es war diese, nicht nur
passive Berichterstattung des Westfernsehens, die - so die zentrale These
dieser Studie - einen großen Anteil am schnellen Zusammenbruch des sozialistischen
Systems in der DDR hatte. Es bleibt dabei unbestritten, dass sich der Zusammenbruch
des real existierenden Sozialismus in Osteuropa in keinem Land lediglich auf
eine Ursache zurückführen lässt. Vielmehr sind die Gründe vielfältig und die
wissenschaftlichen Thesen dazu konkurrierend -
die wichtigsten seien hier vorweg genannt:
Die Staaten des Warschauer
Paktes, die einen politischen, von der Sowjetunion geführten Staatenbund
bildeten, waren ökonomisch schon seit vielen Jahren in der Krise. So sank in
der Sowjetunion schon ab den siebziger Jahren die Zuwachsrate des Nationaleinkommens,
und die Fünfjahrespläne wurden nicht erfüllt, wie auch die Sowjetführung selbst
zugab[1].
Hinzu kam eine große – für die ideologische Glaubwürdigkeit fatale -
finanzielle Abhängigkeit von westlichen Devisen und damit den westlichen
Geldgebern. Einige Länder wie Rumänien und Polen waren am Rande der
Zahlungsunfähigkeit, da sie viel mehr importierten, als sie durch Exporte
ausgleichen konnten[2]. Nicht
zuletzt musste man Lebensmittel auf dem Weltmarkt kaufen, da die eigene
Landwirtschaftsindustrie zu unproduktiv war.
Vor allem das Wettrüsten mit dem ökonomisch stärkeren Westen stellte den Warschauer Pakt vor schwerwiegende Probleme. So liegt die Vermutung nahe, dass die Abrüstungsbestrebungen der UdSSR besonders ab Mitte der 1980er Jahre nicht allein der neuen Entspannungspolitik zu schulden sind, sondern auch die Möglichkeit eröffnen sollte, die Produktion auf Konsumgüter umzulenken und damit der vorhandenen Unzufriedenheit in der Bevölkerung entgegenzuwirken.
Die ökonomische
Lage in den wirtschaftlich als „Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe“ (RGW)
miteinander verbundenen sozialistischen osteuropäischen Ländern führte auch zu
einer Unterversorgung der Bevölkerung mit Konsumgütern, in einigen Ländern auch
mit lebensnotwendigen Nahrungsmitteln (z.B. Rumänien)[3].
Ebenso problematisch war die
Bürger- und Menschenrechtssituation in diesen Ländern. Gründungen von Parteien
neben den Einheitsparteien oder sogenannten Blockparteien wie in der DDR waren
nicht erlaubt, und auch andere politische oder gesellschaftliche Kräfte waren
in jeweils einer mit dem Staat gleichgeschalteten Organisation zusammengefasst.
In den Ländern, in denen es zu Gründungen von unabhängigen Organisationen kam,
z.B. der Gewerkschaft „Solidarność“ in Polen, wurden diese folgerichtig
bekämpft und ihre Aktivisten mussten jeden Tag mit Repressionen rechnen.
Wahlen waren, wie mittlerweile am Beispiel der Kommunalwahl 1989 in der DDR gerichtlich nachgewiesen, gefälscht und boten darüber hinaus auch keine wirkliche Alternative: Entweder traten solche Parteien oder Kandidaten gegeneinander an, die politisch eine Einheit darstellten, oder es gab gar keine Auswahl.
Trotz der allgemeinen
Unzufriedenheit, deren Grad die einzelnen Regierungen z.T. anhand von Meinungsumfragen oder mittels Bespitzelung herauszufinden
suchten, konnte keine oppositionelle Vereinigung oder gar Bewegung nach 1968
und dem Prager Frühling außer Nadelstichen nennenswerte Erfolge erreichen - die
Repressionen waren noch zu stark und die
Voraussetzungen für einen durchschlagenden Erfolg in ihrer Vielzahl noch nicht gegeben.
Mit Michael Gorbatschow kam
nach den zwei nur kurzzeitig amtierenden Tschernjenko und Andropov Mitte der
achtziger Jahre jedoch ein relativ junger Generalsekretär in der UdSSR an die
Macht, der mit seinen unter den Schlagworten Perestroika und Glasnost
bekannt gewordenen politischen Vorstellungen, die eine vorsichtige Öffnung gen
Westen und eine langsame Pluralisierung und Demokratisierung der sowjetischen
Gesellschaft vorsahen[4], das Machtmonopol der realsozialistischen
Parteien auch in allen anderen Warschauer-Pakt-Staaten in Frage stellte - nicht
zuletzt in der DDR.
Alle diese in der Forschung
dargestellten, entweder konkurrierenden oder sich ergänzenden Thesen haben ihre
Berechtigung. Jedoch soll in der vorliegenden Untersuchung der besonderen
politischen und geographischen Lage der DDR Rechnung getragen werden, denn
diese nahm in mehrfacher Weise eine Sonderrolle unter den Satellitenstaaten der
Sowjetunion ein. Die DDR war - genauso wie die westintegrierte Bundesrepublik -
ein künstliches Gebilde der Besatzungsmächte, welches durch den kalten Krieg
verfestigt wurde. Für die DDR gab es als Daseinsberechtigung letztendlich nur
die Legitimation durch die Manifestation eines der BRD entgegengesetzten
politischen Systems[5]. Auf der
anderen Seite profitierte die DDR auch von diesem Nebeneinander: Die Bundesrepublik
versuchte - insbesondere seit der Brandt‘schen Ostpolitik - die Beziehungen zum zweiten deutschen
Staat zu normalisieren, was vor allem wirtschaftliche und finanzielle
Vorteile für die DDR hatte. Dadurch galt sie zeitweise als das wirtschaftlich
am erfolgreichste Land des RGW, da die vielfältigen wirtschaftlichen
Verbindungen zum westlichen Nachbarn dringend benötigte Devisen einbrachte, von
deren Akquirierung in dieser Höhe andere sozialistischen Staaten weit entfernt
waren[6].
Eine weitere Besonderheit
der DDR, auf welche die vorliegende Untersuchung fokussierend eingehen wird,
bestand darin, dass sie nicht über ein staatliches Informationsmonopol
verfügte. Während in anderen Ostblockstaaten die Bevölkerung einseitig nur von
regierungsgesteuerten Rundfunksendern Informationen über die Vorgänge in ihrem
und in anderen Ländern erhielt, war man in der DDR in der Lage, auch das -
gleichsprachige - westdeutsche Rundfunkangebot als Vergleich zu dem im
DDR-Rundfunk gesendeten hinzuzuziehen. Zwar gab es in
den fünfziger und sechziger Jahren seitens der DDR-Regierung noch Versuche, die
Benutzung dieser Informationsquelle zu verhindern, jedoch war dies auf Dauer
weder durchsetzbar noch kontrollierbar, und wurde ab den siebziger Jahren auch
offiziell toleriert.
Es ist diese
medienspezifische Besonderheit, die, so die Prämisse dieser Studie, eine wichtige
Rolle bei der Wende 1989/90 spielte. Geprüft und entfaltet werden soll, ob und
inwieweit die Mobilisierung der Bürgerbewegung insbesondere in den Monaten September
und Oktober 1989 durch die Westmedien beeinflusst wurde. Die zentrale Hypothese
dabei ist, dass insbesondere das Westfernsehen
eine bedeutende Rolle spielte, weil die vermeintliche Authentizität der
Fernsehbilder, aber auch der zunehmende Wandel der westlichen Medien vom
Betrachter zum Akteur einen bedeutenden Einfluss auf die Entwicklung des politischen
Protestes und den daraus resultierenden Veränderungen in der DDR hatte. Die Bürgerbewegung
brauchte das Westfernsehen, um überhaupt diese Popularität und
Mobilisierungspotenz zu erreichen. Gleichzeitig wurde sie abhängig von den
Gesetzen der Dramaturgie des Fernsehens.
Um Missverständnissen
vorzubeugen, sei vorweg klargestellt, dass die „Wende“[7]
in der DDR in dieser Studie nicht als reine „Medienrevolution“ gesehen und
gezeichnet werden soll. Viele Einzelheiten wie die eingangs erwähnte
wirtschaftliche Situation, die unflexible Staats- und Parteiführung, der Druck,
den die Flüchtlingsbewegung auf die DDR ausübte, die ganz Osteuropa
beeinflussenden politischen Neuerungen in der Sowjetunion und nicht zuletzt die
Aktivisten, die sich zunächst innerhalb von Kirchenkreisen und später dann auch
auf der Straße versammelten, waren Teile eines Puzzles, das aus heutiger
analytischer Sicht die Wende in der DDR zeigt. Das Fernsehen war also auf der
eine Seite nur ein Katalysator der schon entstehenden Proteste, auf der anderen
Seite aber auch, was in dieser Abhandlung ebenfalls gezeigt werden soll, Akteur,
der den Fortgang der Veränderungen in der DDR wesentlich beeinflusste.
Um die tatsächliche Rolle
des Westfernsehens zu untersuchen, soll daher zunächst systematisch die
bisherige Forschung zu sozialen Bewegungen für die Konstruktion eines analytischen
Bezugsrahmens herangezogen werden, um dortige Theorien zur Bedeutung von Medien
bei durch ebensolche Bewegungen herbeigeführten politischen Umbrüchen zu
beleuchten und in den Zusammenhang dieser Untersuchung zu stellen. Als methodische
Ergänzung folgt eine kommunikationssoziologische Diskussion und begriffliche
Schärfung des Themas, insbesondere um über eine Grundlage für die Betrachtung
der für die Entfaltung der Bürgerbewegung wichtigen historischen Ereignisse der
Fluchtbewegung und ihrer Rezeption zu verfügen.
Anschließend soll zur wissenschaftlichen Einordnung dieser Untersuchung näher auf den allgemeinen Forschungsstand zum Thema Medien und Wende in der DDR eingegangen werden. Untersuchungen, die als argumentative Unterstützung für die eingangs aufgestellte These dienen können, sollen hier vorgestellt und darüber hinaus verwandte Untersuchungen kritisch beleuchtet werden. Eine Übersicht über die Quellenlage (hier vorrangig: Fernsehberichte) und ihre Kritik schließt den methodischen Vorspann schließlich ab.
Der analytische
Teil skizziert zunächst die Berichterstattung des Westfernsehens über die DDR
einschließlich ihrer Besonderheiten in den Jahren 1949-1989, um die nachfolgenden
Veränderungen mit diesem Vorlauf zu kontrastieren.
Anschließend soll das Fernsehverhalten des DDR-Zuschauers und hiermit des Rezipienten der westlichen Fernsehsendung reflektiert werden. Hierbei sollen Informationen zu Sehgewohnheiten im allgemeinen sowie Interesse an Fernsehsendungen und deren Einfluss im speziellen gebündelt und bewertet werden. Dadurch soll ermöglicht werden, Schlüsse über die tatsächliche Rezeption der Ereignisse seitens der DDR-Bürger mittels Westfernsehen zu ziehen, um im späteren Verlauf dieser Studie eine daraus resultierende Beeinflussung diskutieren zu können.
Um die These, dass das
Westfernsehen eine solch wichtige Rolle gespielt hat, untermauern zu können,
wird im Anschluss daran die politische Berichterstattung des DDR-Fernsehens vornehmlich
in den Monaten August-Oktober 1989 auf ihre Informationsvielfalt hin
untersucht. Denn nur mit dem Beleg, dass die Opposition und die Flüchtlingswelle
in den DDR-Medien nicht oder nur verfälscht thematisiert wurden, bzw. diese
abweichend zu den westlichen Medien berichteten, kann die daran anschließende
Untersuchung des Westfernsehens in Bezug auf die Hauptthese der Untersuchung Erfolg
haben.
Diese folgt als zweiter Schwerpunkt des
analytischen Teils. Ausgangspunkt ist dabei, wie auch bei der Betrachtung des
DDR-Fernsehen selbst, der 18. Oktober, das Datum des Rücktrittes von Erich
Honecker sowie der Wahl seines Nachfolgers Krenz. Ab diesem Datum näherte sich
die Berichterstattung des DDR-Fernsehens zumindest in ihrem Bestreben nach
Objektivität der des Westfernsehens erstaunlich schnell an. Damit hatte das
unmittelbare Gegeneinander ein Ende - und somit kann ein weiterer Einfluss des
Westfernsehens nur noch schwerlich belegt werden, wenngleich es beim Thema Wiedervereinigung
sicher eine Rolle spielte[8].
Ein Fazit inklusive einer
Diskussion des im analytischen Bezugsrahmen aufgestellten Theoriegerüsts und
den daraus formulierten Thesen schließt die Arbeit ab.
a)
Soziale Bewegungen in West- und Osteuropa
Bevor der analytische
Bezugsrahmen auf das Thema Soziale
Bewegungen und Medien eingegrenzt wird, gilt es zunächst den Begriff
soziale Bewegung analytisch zu definieren und zugleich die Problematik der
relativen Einseitigkeit, die in der Bewegungsforschung zu beobachten ist, zu
problematisieren.
Betrachtet man die
vorhandene Literatur und insbesondere die theoretischen Publikationen zum Thema
Soziale Bewegungen, so ist markant,
dass sich der Großteil der Soziologen, Politikwissenschaftler und Historiker
den sozialen Bewegungen Westeuropas, und hier vornehmlich den sogenannten Neuen
Sozialen Bewegungen (Frauen,- Friedens-, Umweltbewegungen etc.) widmet. Selbst
viele der nach dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus
publizierten Essays, Artikel und Monographien orientieren sich weitestgehend
westlich[9],
obwohl doch spätestens seit 1989 evident ist, dass die sozialen Bewegungen in
Osteuropa eine Macht entfalten konnten, die
mit den Erfolgen der westlichen Bewegungen nicht zu vergleichen ist. In
Westeuropa erreichten die neuen sozialen Bewegungen, bestimmte Themen auf die
politische Agenda zu setzen, in Osteuropa bewirkten die Proteste der
Bürgerbewegungen in allen Ländern Systemzusammenbrüche - was gleichwohl weit
über das hinaus ging, was am Anfang der Proteste als politisches Ziel definiert
wurde[10].
Die wenigen nach der Wende
erschienenen Ausnahmen von dieser einseitigen Forschungsorientierung spiegeln
nicht die wirkliche Bedeutung der Bewegungen innerhalb des Umbruchprozesses
wider und thematisieren sogar selbst, die Sprengkraft, welche die Gruppen über
Jahre aufgebaut haben und dann innerhalb von wenigen Monaten und z.T. Wochen
zur Explosion bringen konnten, unterschätzt zu haben[11].
Trotz der geschilderten
Unzulänglichkeiten dieser einseitigen Bewegungsforschung verfügt diese aufgrund
ihrer breiter gestreuten wissenschaftlichen Debatte jedoch über die genauere
Begrifflichkeit für dieses Gebiet. So soll insbesondere Joachim Raschkes
detaillierte Abhandlung „Soziale Bewegungen. Ein historisch-systematischer Grundriss“[12]
hier für den analytischen Bezugsrahmen herangezogen und seine Definition von
sozialen Bewegungen in den Mittelpunkt gestellt werden.
Raschke definiert soziale
Bewegungen allgemein und kurz gefasst
folgendermaßen:
„Soziale Bewegung ist ein mobilisierender kollektiver Akteur, der mit
einer gewissen Kontinuität auf der Grundlage hoher symbolischer Integration und
geringer Rollenspezifikation mittels variabler Organisations- und Aktionsformen
das Ziel verfolgt, grundlegenderen sozialen Wandel herbeizuführen, zu verhindern
oder rückgängig zu machen.“
Diese Definition, auf die
sich auch andere Bewegungsforscher beziehen[13], beschreibt zunächst einen mobilisierenden kollektiven Akteur. Dieser kollektive Akteur, ein
viele Individuen umfassender kollektiver Handlungszusammenhang ist nicht nur
ein Medium in Konflikten, sondern ist aktiv am Geschehen beteiligt, um Einfluss
zu bekommen[14]. Dazu
benötigt er ständig Zuwachs an aktiven Individuen, welche die Bewegung am Leben
erhalten - er muss also mobilisierend
tätig sein, um die eigene Berechtigung und die durch Protest erreichte
Machtposition nicht zu verlieren.
Die gewisse Kontinuität des Mobilisierungsprozesses, die Raschke als
zentrales Kriterium sozialer Bewegungen unterstreicht, lässt sich einerseits
bei der DDR-Bürgerbewegung erkennen, da deren Wurzeln weit in die achtziger
Jahre, z.T. sogar in die siebziger Jahre zurückreichen[15].
Andererseits war die Aktivität, die das System ins Wanken und letztlich zum
Zusammensturz brachte, nur von kurzer Dauer und widerspricht damit Raschkes
Erläuterung, dass eben diese Kontinuität einen Aktionszeitraum von mehreren
Jahren umfassen müsse[16].
Dieser Widerspruch vermag aber nicht den Nutzen der Definition für den
analytischen Bezugsrahmen zu schmälern. Eine These
der vorliegenden Arbeit ist schließlich die Behauptung, dass die Wende in der
DDR durch Medien eine unglaubliche und in dieser Form vorher nie da gewesene
Beschleunigung erhalten hat - Ausnahmen bestätigen hier also eventuell die
Regel.
Die hohe symbolische Integration („Wir-Gefühl“), von der Raschke
spricht, lässt sich im Falle der DDR-Bürgerbewegung nahezu idealtypisch an den
Rufen konstatieren, die bei den Demonstrationen durch die Straßen hallten: „Wir sind das Volk!“[17].
Dieses war eben jenes abgrenzende Wir,
das nach Raschkes Ansicht als Grundlage der Unterscheidung zwischen denen „die
‚dafür‘, und denen, die ‚dagegen‘ sind“ dienen muss[18].
Die geringe Rollenspezifikation und die variable Organisations- und Aktionsform war ebenfalls
charakteristisch für die Aktivisten der Wende, denn aufgrund der vielfältigen
Repressalien mussten sie sich vielfältige Aktionswege ausdenken, um einerseits
unbehelligt zu bleiben, andererseits die Bewegung aber trotzdem am Leben zu
halten. Dabei spielte bekannter Maßen die Kirche eine wichtige Rolle. Denn auch
wenn die einzelnen Oppositionsgruppen der Kirche formal nicht untergliedert
waren, so bot sie ihnen doch einen gewissen Freiraum für ihre Aktivitäten, die
der Staat ebenfalls bis zu einem gewissen Grade duldete, solange es
kontrollierbar (mittels informeller Mitarbeiter der Staatssicherheit) und
überschaubar war[19].
Nicht zuletzt kann die
Tatsache, dass -
als Bestätigung des letzten Definitionsmerkmals - die Bürgerbewegung das Ziel verfolgte, grundlegenderen sozialen Wandel herbeizuführen, wohl kaum bestritten
werden. Auch wenn der organisatorische Kern der Bürgerbewegung vor allem im September
und Oktober 1989 noch nicht (und z.T. gar nicht) die Absicht hatte, „eine
Veränderung des gesamten Systems“ zu bewirken, so wird die von Raschke als
Mindestmaß verlangte Forderung nach der Veränderung „wichtiger einzelner
Elemente“ des Systems fraglos erfüllt. Ganz davon abgesehen übertrumpften die Demonstranten
auf der Straße die Forderungen der organisierten Oppositionellen sehr
schnell bzw. lenkten diese später gar
in eine ganz andere Richtung[20].
Auch wenn Raschke bei der
Definition eher die sozialen Bewegungen des Westens vor Augen hatte, so lässt
sich seine analytische Definition sozialer Bewegungen auch auf die
DDR-Bürgerbewegung anwenden.
Dennoch soll auf die
Problematik hingewiesen werden, die durch die Benutzung des westlichen
Instrumentariums insbesondere in der Forschung bezüglich der Neuen Sozialen
Bewegungen bei der Betrachtung der ostdeutschen und osteuropäischen Bürgerbewegungen
entstehen kann. Nicht ganz zu Unrecht weist Helmut Fehr darauf hin, dass dieses
Vorgehen die Besonderheiten der osteuropäischen Demokratiebewegung und vor
allem ihrer Entstehungsumstände und ihrer Aktionsmöglichkeiten nicht genügend berücksichtigt[21].
Besonders der Versuch, die Wesensarten der Neuen
Sozialen Bewegungen auch in den einzelnen Bürgerinitiativen der DDR
wiedererkennen zu wollen, sei zu kritisieren[22].
In der Tat erscheint es
nicht sinnvoll, die theoretischen Deutungsmuster der Neuen Sozialen Bewegungen
auf die Opposition in der DDR zu übertragen. Da sie jedoch die einzigen
Versuche der Bewegungsforschung waren, sich mit den Gruppen in Osteuropa
auseinander zusetzen, seien sie hier erwähnt.
Es treffen oberflächlich gesehen immerhin einige Eigenschaften wie die
Heterogenität der politischen Schwerpunktsetzungen (Frieden, Ökologie etc.) und
die Sozialstruktur der Aktiven (meist Fachhochschul- oder Hochschulabschluss)
auf die Initiativen in Ost- und Westdeutschland zu[23]. Dennoch lässt sich nicht leugnen, dass im Gegensatz
zu den westlichen Vertretern die osteuropäischen Bürgerbewegungen jedes Mal,
wenn sie öffentlich politische Veränderungen in Teilbereichen forderten,
zugleich das gesamte System, in dem sie agierten, in Frage stellten. Dies
geschah nicht immer explizit und war zudem oft nicht beabsichtigt. Dennoch
stellte der Wunsch nach Partizipation am politischen Geschehen in einem totalitären
System automatisch die Machtfrage. Selbst wenn die betreffenden Gruppen sich
nicht so begriffen - die realsozialistischen Regierungen qualifizierten die
Aktivitäten der oppositionellen Gruppen als staats- oder systemfeindlich und
reagierten dementsprechend. Schließlich war eine freie politische
Meinungsäußerung und Mitwirkung außerhalb dieser Herrschaft nicht vorgesehen.
Zugleich, und dies ist im Rahmen dieser Arbeit nicht unerheblich und wird noch
des öfteren aufgegriffen, hatte die Opposition in den osteuropäischen Ländern
bei weitem nicht die Möglichkeit zu Mobilisierung und Aktion wie die westeuropäischen
Initiativen. Über die sozialen Bewegungen des Westens wurde in den dortigen
Medien - wenn auch nicht immer wohlgesonnen - berichtet, und die freie Meinungsäußerung
war in den meisten Fällen gewährleistet. Selbst die durch brutale
Auseinandersetzungen mit der Polizei gekennzeichneten Demonstrationen gegen Atomkraft
oder Nato-Doppelbeschluss waren nicht mit den Repressalien zu vergleichen, die
den osteuropäischen Bürgerrechtlern
drohten - Ungarn 1956 und vor allem Prag 1968 sowie Polen 1980/81 waren den
Menschen dort noch gut im Gedächtnis[24].
Zudem hatten die westlichen (Neuen) Sozialen Bewegungen auch die Möglichkeit,
sich innerhalb des bestehenden politischen und parlamentarischen Systems zu
bewegen und dort für ihre Ziele zu kämpfen, wie es z.B. in Westdeutschland ein
nicht unwesentlicher Teil mit Gründung der Grünen tat[25].
Darüber hinaus waren die
osteuropäischen Gruppen entsprechend der beschriebenen Problematik auch
inhaltlich und organisatorisch anders strukturiert und ausgerichtet. Dort wurde
das Konzept der unabhängigen Öffentlichkeit (auch Konzept der Zivilgesellschaft
genannt)[26] verfolgt,
anhand derer sich die Oppositionellen eine Gegenöffentlichkeit samt
„informeller Strukturen des politischen Lebens“ aufbauten, die den Vorläufer
einer Infrastruktur einer demokratischen Ordnung darstellten[27].
Diese Infrastruktur umfasste persönliche Netzwerke, Clubs, Untergrundzeitungen
in kleiner Auflage sowie andere Formen unabhängiger Gegenkultur, auf die 1989
insbesondere in Polen, Ungarn und der CSSR zurückgegriffen werden konnte[28].
In der DDR spielte diese im September und Oktober trotz aller organisatorischen
Schwächen ebenfalls eine Rolle[29].
Ein weiterer eklatanter
Unterschied zu den zur gleichen Zeit im Westen aktiven Sozialen Bewegungen war
zudem, dass ihnen die Kapitalismus- und Imperialismuskritik, die feministischen
Ideen, sowie der ausgeprägte Individualisierungsdrang der westlichen Gruppen
fremd waren[30]. Vielmehr
waren es nicht selten materielle Bedürfnisse, die die Menschen dazu bewogen,
sich oppositionell zu betätigen. Deutlichster Beweis hierfür dürften die unter
gewissen Bedingungen ebenfalls als soziale Bewegung zu verstehenden
Ausreisewilligengruppen sein, die sich als Sammlung der Ausreisewilligen wie andere
Gruppierungen gleichermaßen unter dem Schutz der Kirche trafen[31].
Selbst wenn die anderen Oppositionsgruppen zu einem großen Teil bis in das Jahr
1990 „lediglich“ den Sozialismus reformieren und demokratisieren wollten, waren
die Forderungen doch z.T. aufgrund der eigenen Lage ganz anders ausgerichtet
als die oft linksradikalen der westlichen Bewegungen.
b)
Soziale Bewegungen und Medien
Nach dieser allgemeinen Betrachtung der Problematik Bewegungsforschung und osteuropäische Bürgerbewegung soll der analytische Bezugsrahmen nun auf das eigentliche Thema eingegrenzt und auf die in der Einleitung formulierte Fragestellung zugespitzt werden: Soziale Bewegungen und Medien.
Die Herstellung von
Öffentlichkeit
ist bei der Mobilisierung von sozialen Bewegungen unabdingbar. Gerade weil
soziale Bewegungen meist nicht über große finanzielle und organisatorische
Ressourcen verfügen können, müssen sie dieses Defizit mittels Mobilisierung von
Mitstreitern und der Erlangung öffentlicher Aufmerksamkeit ausgleichen[32].
Nicht zu vernachlässigen ist dabei, dass das Bestreben von Bewegungen, die Öffentlichkeit zu
erreichen, nicht das eigentliche Ziel der Bewegung ist, sondern lediglich Mittel
zum Zweck - nämlich der Einflussnahme auf politische Entscheidungen[33],
für deren Erlangung die Massenmedien eine hohe Relevanz besitzen.
„Eine Bewegung, über die nicht
berichtet wird, findet nicht statt“ formuliert Raschke, die Bedeutung der
Massenmedien für die Vermittlung der Inhalte und der Mobilisierung der Anhänger
von sozialen Bewegungen betrachtend[34].
Massenmedien sind für ihn dabei in erster Linie nicht die von den Bewegungen
selbst in Umlauf gebrachten Schriften, Flugblätter etc., sondern vielmehr die
bewegungsunabhängigen Medien, die als „Vermittlungsorgane gesellschaftlicher
Aktivität“ angesehen werden können[35].
Beispiele gebe es, so führt er aus, in der Geschichte dafür genug: sei es die
Ausbreitung der Arbeiterbewegung Zeitungendurch Nutzung der
Presse, die Gleichschaltung der öffentlichen Meinung durch den
nationalsozialistischen Rundfunk[36]
oder die rasche Vergrößerung der Studentenbewegung Ende der sechziger Jahre
über das Fernsehen[37].
Raschkes vertritt die These,
dass Soziale Bewegungen auf die Medien angewiesen sind, um die eigenen
Forderungen an die Öffentlichkeit zu transportieren und andere Menschen davon
zu überzeugen, sich ebenfalls der Bewegung anzuschließen (Mobilisierung). Dabei
dürfte das Fernsehen mittlerweile die größte Bedeutung haben. Ohne Mobilisierung
und Plausibilisierung ihrer Standpunkte vor einem größeren Publikum fehle der
Bewegung das „Bewegungskapital“, mit dem sich Druck auf die konventionelle
Politik ausüben lässt, formuliert die Thesen Raschkes ergänzend Dieter Rucht[38].
Selten treffen die Akteure
einer Bewegung jedoch auf Medien, die ihre politischen Forderungen teilen - im
besten Fall bemühen sich die Medien um Objektivität. Im häufigeren Fall haben
die Massenmedien aber andere Interessen als die Bewegung, seien es solche
privatkapitalistischer Art (d.h. den Schwerpunkt der Medienproduktion immer in
Hinblick auf viel Profit mittels Werbung) oder gar ideologischer Art (z.B.
staatliches Informationsmonopol inklusive Zensur) [39].
Wenn die Bewegung also nicht gar ignoriert wird, so wird ihre Botschaft doch in
den seltensten Fällen so beim Medienrezipienten ankommen, wie es die Akteure
der Bewegung wünschen, denn die Selektions- und Filtermechanismen der Medien
sind vielfältig[40].
Wenn jedoch über eine
soziale Bewegung - und sei es noch so verzerrt - berichtet wird, kommt auch ihr
Gegner - in den meisten Fällen der Staat, die Regional- oder die Kommunalexekutive,
nicht umher, zu den von der Bewegung gestellten Forderungen Position zu beziehen und damit die Bewegung
(meist widerwillig) ernst zu nehmen und ihr noch mehr Gewicht zu verleihen; ein
Gewicht, das sie
aufgrund der Abgeschlossenheit des Zugangs zu den normalen politischen
Entscheidungsprozessen nicht erlangt hätte[41].
Medien können jedoch diesen
Einfluss auf die öffentliche Meinung wieder verringern, in dem der der Bewegung
zugrunde liegende Forderungskatalog für nicht mehr relevant gehalten wird und
dementsprechend der Zugang zur Öffentlichkeit via Massenmedien wieder versiegt.
So kann es vorkommen, dass die tatsächliche Größe einer Bewegung und ihre
Darstellung in den Medien in keiner Weise in einem adäquaten Verhältnis zueinander stehen. Vielmehr
ist es oft so, dass soziale Bewegungen am Anfang trotz relativ geringer Größe
wegen der Thematisierung eines gesellschaftlichen Problems einen sehr großen -
meist journalistisch gefilterten - Raum zur Darstellung in den Medien zur Verfügung
gestellt bekommen, während sie in der Hochphase ihrer Bewegung (was die
Mobilisierung betrifft) nur noch in den hinteren Meldungen der Nachrichten
platziert werden[42].
Jedoch hat nicht nur die
Häufigkeit der Medienpräsenz eine wichtige Funktion bei der Mobilisierung, bzw.
Stabilisierung der Bewegung. Vielmehr muss der Inhalt, der von den Medien
transportiert wird, motivierend auf bisher inaktive, aber mit der Situation
hinsichtlich des von der sozialen Bewegung thematisierten Problems unzufriedene
Individuen und Gruppen wirken. Dazu muss die Bewegung Protestformen entwickeln,
die nach Möglichkeit schon eine mediale Inszenierung beinhalten: Die Proteste
dürfen nicht zu phantasielos oder alltäglich sein, auf der anderen Seite aber
auch nicht abschreckend gewaltsam[43].
Dabei und bei der
grundsätzlichen Medialisierung des Protestes und der Bewegung spielen laut
Rüdiger Schmitt- Beck diejenigen Fernsehsender (bzw. Medien im Allgemeinen)
eine wichtige Rolle, die in der Thematisierung der Bewegung eine Vorreiterfunktion
übernehmen[44]. Meist
geschieht dieses durch Medien und manchmal auch nur einige Journalisten, die
der Bewegung nicht ablehnend oder gar mit Sympathien gegenüberstehen. Wenn nun
in einem Teil der Medienlandschaft eine Bewegung zum Thema von Berichten wird,
dann werden - wenn auch mit Verzögerung - die den Bewegungen nicht wohlgesonnenen
Zeitungen und Rundfunksender folgen.
Es ist allerdings
offensichtlich, dass diese für demokratische Gesellschaften richtigen Feststellungen
nicht ohne weiteres auf die Verhältnisse in der DDR zu übertragen sind - schließlich
handelt es sich hier um den schon beschriebenen Sonderfall. Andererseits haben
auch die DDR-Medien - wenngleich recht spät, wie in Kapitel III noch auszuführen
sein wird - nach diesem Prinzip gehandelt: Sie haben dem Druck der Westberichterstattung
Mitte Oktober nicht mehr standhalten können.
Medien stehen aber nicht nur
bei den Mobilisierungsbemühungen der Bewegungen im Mittelpunkt. Vielmehr üben
sie auch Einfluss auf die innere Entwicklung der Bewegungen selbst aus. So
werden aufgrund der zu großen Abstraktheit der Themen meist Akteure, die sich
in wie auch immer gearteter Weise innerhalb der Bewegung profiliert haben (z.B.
als Redner oder Organisator) oder sich schon vor der Etablierung der Bewegung
innerhalb der Gesellschaft Ansehen auf einem wohlmöglich ganz anderen Gebiet
(z.B. in der Wirtschaft, der bildenden Kunst, der Literatur, dem Film oder auch
der institutionalisierten Politik) erworben haben, von den Medien herangezogen,
um der Bewegung ein „Gesicht“ zu verleihen[45].
Diese von den Medien erkorenen Führer sind aber nicht immer mit den Personen,
welche die Bewegung tatsächlich führen, identisch oder sie sind, wie z.B. in
basisdemokratisch orientierten Bewegungen, gar nicht gewünscht und/oder vorhanden[46].
Jedoch haben die öffentlich
als Führer geltenden Personen meist auch einen großen Einfluss innerhalb der
Bewegung, da sie letztlich als Vermittler benötigt werden. Hinzu kommt, dass
neu hinzu gewonnene Aktivisten eher den Forderungen eben dieser von den Medien
aufgebauten Führer (aber innerhalb der heterogenen Bewegung vielleicht in einer
Minderheit befindlichen Aktivisten) nahe stehen, da sie durch diese zum Mitmachen
mobilisiert wurden - was wiederum zur Folge hat, dass sich politische Schwerpunktsetzungen
innerhalb einer Bewegung durch den medialen Eingriff nicht selten radikal
ändern können.
Wenn jedoch die von den
MedienPresse,
Funk und Fernsehen etablierten Führer durch ihre ständige Präsenz in den Medien
eine Art
Eigenleben entwickeln, d.h. politische Forderungen mehr und mehr ohne
Rückkopplungen an die „unterstellte“ Bewegung entwickeln, kann es
entgegengesetzt auch zu einer Entfremdung zwischen Führer und Bewegung kommen.
Diese Entfremdung kann die Marginalisierung entweder der Bewegung oder der
Führungspersönlichkeit, im ungünstigsten Fall die Bedeutungslosigkeit
beider nach sich ziehen[47].
Ausgehend von diesem
analytischen Bezugsrahmen sollen in der vorliegenden Abhandlung die
Berichterstattung des Westfernsehens im September und Oktober 1989 und ihr Einfluss
auf die Flüchtlingswelle, die Bürgerbewegung und die Proteste untersucht und
bewertet werden.
Dazu sollen die Aktivitäten
der einzelnen Bürgerrechtsgruppen zur Mobilisierung mittels Medien dargestellt,
die Entwicklung und Themensetzung des Westfernsehens herausgearbeitet, die
Differenz zwischen Fernsehberichterstattung und Realität kritisch reflektiert
und der unmittelbare Zusammenhang zwischen Berichterstattung und Entwicklung
von Flüchtlingsbewegung und Protest geschildert werden.
c)
Das suggestive Wirkung des Mediums Fernsehen
Neben dem analytischen
Bezugsrahmen bedarf es eines angemessenen methodischen Instrumentariums,
welches die Besonderheiten des Untersuchungsgegenstandes berücksichtigt. Dazu
sollen im Folgenden einige medientheoretische Überlegungen entfaltet und
Problemfelder des Bereiches Medien und Realität beleuchtet werden.
Bei Fernsehsendungen und
insbesondere Nachrichten, die in dieser Studie die entscheidende Quellenform
darstellen, handelt es sich um technische Abbildungen von Ereignissen, welche
die Realität nur unvollkommen reproduzieren können. Dennoch haben die Nachrichten
in demokratischen Systemen einen hohen Glaubwürdigkeitsgrad: Auch wenn es sich
bei Fernsehberichten aus der Perspektive des Zuschauers um sogenannte
Fremderfahrungen handelt, so werden sie gerade durch die Wirkung der scheinbar
authentischen und untrüglichen Bilder für glaubwürdig gehalten. Der oftmals
dazugehörige halbwissenschaftliche Duktus zumindest seriöser bzw. seriös
wirkender Nachrichtensendungen führt nicht selten gar zu einer Präferenz der
Fremderfahrung vor der Selbsterfahrung[48].
Darüber hinaus haben
verschiedene Untersuchungen gezeigt, dass das subjektive Empfinden und Erfahren
eines Ereignisses häufig nicht mit der im Fernsehen präsentierten „Realität“
übereinstimmt. Die Kameras vermitteln den Eindruck, einen größeren Überblick
über ein bestimmtes Geschehen bieten zu können, als die persönliche Anwesenheit
dies erlaubt. Fernsehbilder können in letzter Konsequenz ganz andere Stimmungen
erzeugen, als die bei einem Ereignis durch die Teilnehmer wahrgenommene[49].
Das Verlangen nach
Objektivität und Realitätsabbildung von Berichterstattung ist jedoch
unerfüllbar. Nachrichten sind schon allein deswegen konstruierte Realität, weil
Realität grundsätzlich unbeschreibbar ist. Jeder Beobachter eines Ereignisses
hat eine eigene subjektive Realität, die selten mit der anderer übereinstimmt.
Eine tatsächliche, wenn überhaupt verbalisierbare Übereinstimmung wäre in
diesem Zusammenhang schon fast ein Zufall[50].
Die Problematik der nicht
beschreibbaren Realität führt auch ein methodisches Problem mit sich: Ein
Vergleich von Nachrichtensendungen mit der
Realität ist unmöglich, da kein Wissenschaftler bei noch so großer methodischer
Präzision vermag, intersubjektiv diese Realität exakt zu schildern[51].
Dennoch kann und muss mit Annäherung an tatsächlich Geschehenes dieses Defizit
umgangen werden. Dabei sind Fakten in Form von Zahlen in der Regel eher zu
verifizieren als Stimmungen. Letztlich bleibt es aber bei der Feststellung,
dass „Nachrichten eine Interpretation unserer Umwelt sind, eine Sinngebung des
beobachtbaren und vor allem auch des nicht beobachtbaren Geschehens“[52].
Problematisch ist, dass
diese Reflexion bei der Lektüre eines Zeitungsberichtes leichter fällt, als bei
der Rezeption eines Fernsehberichtes. Fernsehbilder werden quasi als selbst
erlebt empfunden, da das vermeintlich Geschehene „mit eigenen Augen“ gesehen wurde[53].
Der eher diskursive Charakter von Tageszeitungen wird hier zudem durch einen
sehr plakativen ersetzt, was den tatsächlich verwertbaren Inhalt erheblich
verringert[54]. Trotz
dieser Unzulänglichkeiten ermöglicht das Fernsehen mittels visueller Informationen
die Beteiligung an einer gemeinsamen Realität. Dabei ist die
„Sofort-Integration“, d.h. die Einbindung des Zuschauers selbst in kleinste
Begebenheiten (Gespräch zwischen zwei Politikern, Demonstration an einem
abgelegen Ort), von der er sonst nie Notiz hätte nehmen können, ein wichtiger
Bestandteil[55].
Zudem ist auf den
gravierenden Unterschied zwischen der Wirkung von Bild und Ton hinzuweisen:
Während das Bild Wahrheit optisch vorgibt, lässt sich dieses Bild verbal auch
kommentieren und damit in einen ganz anderen Sinnzusammenhang stellen. Das hat
im Extremfall zur Konsequenz, dass Bild und Ton objektiv gesehen nicht miteinander
korrespondieren[56].
Eine weitere Problematik
beinhaltet das Prinzip der Selektion in den Nachrichten der Massenmedien und
insbesondere der des Fernsehens. Aufgrund der notwendigen Reduzierung von
Komplexität müssen durch die Redaktionen einige wenige Ereignisse aus dem
Weltgeschehen herausgesucht werden, um die Nachrichtensendung nicht aus ihrem
meist festgelegten Format herausfallen zu lassen. Diese Selektion wird durch
Faktoren wie Überraschung und Neuheit (Brechung bestehender Erwartungen),
Quantitäten, lokalem Bezug (Inlandsberichterstattung ist proportional stärker
vertreten), Auftreten von Normverstößen, schwelenden Konflikten und nicht
zuletzt von Aktualität bestimmt[57].
Das bedeutet z.B., dass wiederkehrende Proteste mit immer gleichen Forderungen
nur dann medial von Interesse sind, wenn sich die Zuspitzung eines Konfliktes
konstatieren lässt oder sich - wie im Fall des Niedergangs der DDR - die Anzahl
der Demonstranten und auch der Flüchtlinge wöchentlich steigert. Diese
Selektion ist nicht nur wegen der Ausblendung bestimmter, scheinbar
nachrangiger Entwicklungen innerhalb der Öffentlichkeit problematisch, sondern
auch deshalb, weil Fernsehsender - wie im Verlauf der Studie noch gezeigt wird
- oftmals aus rein dramaturgischen Gründen diese Faktoren durch ihre
Berichterstattung erst konstruieren oder zumindest verstärken. Wenn auch nicht
in dieser scharfen Form auf die DDR anwendbar, bewirkt diese Vorgehensweise in
ihrer Extremform, dass soziale Bewegungen oder Konflikte erst durch eine entsprechende
Berichterstattung hervorgerufen werden[58].
Die DDR ist wegen der
eingangs erwähnten geographischen und politischen Lage vor dem Hintergrund
dieser medientheoretischen Prämissen ein attraktiver, wenngleich auch diffiziler
Untersuchungsgegenstand. Hier treffen bei der Realitätswahrnehmung des
DDR-Bürgers verschiedene Ebenen aufeinander:
·
Das Selbstwahrnehmung des
DDR-Bürgers:
Die Wahrnehmung, die sich durch den Alltag im Staat DDR und im Umgang mit
diesem sowie mit den anderen Bürger entwickelt hat.
·
Die Fremdwahrnehmung durch
die DDR-Medien:
Information durch eine Berichterstattung, die politischen und
systemstabilisierenden Prämissen folgte und in diesem Sinne stark selektiv und
manipuliert war.
·
Die Fremdwahrnehmung durch
die Westmedien:
Information durch ein im Prinzip dem eigenen Staat gegenüber negativ
orientierten Medienapparat (nur Fernsehen und Radio), der jedoch relativ frei
über die Vorkommnisse in der DDR berichten konnte, solange einzelne Recherchen
nicht durch die DDR-Staatssicherheit behindert wurden.
·
Die fehlende Selbstwahrnehmung
der BRD:
Den meisten DDR-Bürgern, die sich noch nicht im Rentenalter befanden, war es
verwehrt, die Bundesrepublik zu besuchen und das Bild der Westmedien
hinsichtlich der Verhältnisse innerhalb der BRD zu verifizieren.
Der Zuschauer in der DDR
musste folglich versuchen, sein Wissen über die tatsächlichen Vorgänge in
seinem Land aus persönlich Erlebtem, vorwiegend politisch manipulierter
Information (DDR-Medien) und der Berichterstattung des Westfernsehens, dass
sich zwar weniger politischen, dennoch aber wirtschaftlichen Zwängen beugen
musste, zusammenzustellen.
Diese Komplexität von Besonderheiten gilt es bei der Analyse der Wirkung des Westfernsehens auf die Ereignisse in der DDR im September und Oktober 1989 zu berücksichtigen.
Die im weitesten Sinne in
den Kontext der vorliegenden Abhandlung zu stellende, bisher erschienene
wissenschaftliche Literatur ist vielfältig. Sie ist im Wesentlichen in drei
Zeitabschnitte einzuordnen:
Den ersten bilden diejenigen
Essays und empirischen Untersuchungen, die vor 1989 erschienen sind und damit
eher die Unterschiede zwischen Ost- und Westmedien an sich protokollieren.
Angesichts der Marginalität der Opposition bis in das Jahr 1989 hinein konnte
dort die Rolle des westlichen Rundfunks bei der Forcierung systemkritischer
Bestrebungen nicht Thema der Analyse sein. Vielmehr wurde - wenn überhaupt -
lediglich gemutmaßt, welchen Einfluss die Westmedien bei der Meinungsbildung
der DDR-Bürger hatten. Besonders die empirischen Arbeiten waren von der
diffizilen Genese des für eine plausible Argumentation notwendigen
Datenmaterials geprägt. Um die für Empiriker fatale Problematik zu umgehen,
über keine offiziellen Daten aus der DDR zu verfügen, aber auch keine direkten
Befragungen der im Mittelpunkt des Forschungsinteresses stehenden Rezipienten
durchführen zu können, wurden zu diesem Zweck in einigen Fällen Übersiedler und
Besucher aus der DDR befragt - nicht immer mit dem nötigen Bewusstsein der Besonderheit
dieser Gruppe[59].
Den zweiten Zeitabschnitt
stellt eine breite Palette von Analysen dar, die während oder kurz nach den
revolutionären Ereignissen in der DDR verfasst wurden. Sie konzentrieren sich
aktualitätsbedingt auf die Wirkung des Fernsehens bei der Wende. Dabei können
die Autoren auf eine Vielzahl nun öffentlich zugänglicher Informationen des
DDR-Wissenschafts- und Medienapparates zurückgreifen und sich zudem auf freie
und direkte Befragungen aller Zuschauer stützen. Die Untersuchungen sind meist
kommunikations-, politik-, oder sozialwissenschaftlicher Art und nicht selten
von emotionalen Bewertungen geprägt. Die Zeitnähe bewirkt neben diesem
gelegentlichen Distanzverlust aber eine für die Bewertung vorteilhafte
umfassende Verfügbarkeit der Quellen[60],
da diese ohne jeglichen Aufwand geradezu „zum Greifen nah“ waren.
Der dritte Zeitabschnitt der
Forschung wird durch wissenschaftliche Publikationen geprägt, die eine größere
Distanz zum Geschehen aufzeigen. Da sich die DDR-Wende im Zustand ihrer
Historisierung befindet, sind diese - im Vergleich zum zuvor beschriebenen
Zeitraum wenigen - Untersuchungen eher der geschichtswissenschaftlichen Forschung
zuzuordnen. Dieter Wiedemann stellte 1990 in diesem Zusammenhang zutreffend
fest, dass es „der zukünftigen Geschichtsschreibung [...] vorbehalten bleibe[n],
die Anteile der Massenmedien an den politischen Veränderungen und insbesondere
dem Tempo dieser Veränderungen exakter zu bestimmen ...“[61].
Insofern reiht sich die vorliegende analytische Arbeit zeitlich und in ihrer
wissenschaftlichen Kanonisierung in diese Phase ein.
Vielfältiger und damit
bedeutender für die Einordnung dieser Studie ist aber die thematische Streuung,
die es im Bereich „Medienforschung und DDR“ (im weitesten Sinne) gibt. Dabei
sollen im Folgenden der jetzige Stand der einzelnen Teilbereiche der den Fokus
dieser Studie berührenden Forschung in konzentrierter Form vorgestellt werden,
um einerseits den Nutzen dieser Untersuchungen für die in den weiteren Kapiteln
folgende Argumentation einer Prüfung zu unterziehen, und andererseits eine
inhaltliche Abgrenzung zu ermöglichen.
Die verschiedenen
Publikationen lassen sich, unter Beachtung einiger Überschneidungen, in drei
Bereiche differenzieren:
Untersuchungen zum Inhalt von Fernsehinhalten und insbesondere
Nachrichten in Ost und West: Wichtig für die Bedeutung des bundesrepublikanischen
Fernsehens in der DDR ist die Feststellung, dass sich die westlichen
Nachrichten nicht nur vom ideologischen Standpunkt aus
gesehen von der einzigen
Nachrichtensendung im DFF, der Aktuellen
Kamera unterschieden, sondern auch inhaltlich-thematisch von dieser
abwichen. Aufwendige Studien zum Vergleich der Nachrichtensendungen beider
Systeme vor der Wende arbeiteten diesen einerseits zu erwartenden, aber dennoch
empirisch zu belegenden Fakt deutlich heraus[62].
Anthony John Goss dokumentiert ausführlich „Fremd- und Eigenbilder“ im ost- wie
westdeutschen Fernsehen und erörtert die daraus resultierende Problematik, dass
die DDR-Bürger zu einem Großteil das ihnen bekannte Fremdbild von der BRD durch
Ost- und insbesondere Westfernsehen nicht validieren konnten. Abgesehen von der
theoretischen Einordnung, die für die vorliegende Analyse irrelevant ist und
zudem in Zweifel gezogen werden kann[63],
bietet Goss einen für diesen Forschungsbereich frühen und substantiellen Überblick
über die unterschiedliche Nachrichtenproduktion in der BRD und der DDR. Die
darauf aufbauende Untersuchung des von 1988 in Zusammenarbeit mit Petra S. Hartmann-Laugs
veröffentlichten zweiten Bandes stellt im Wesentlichen eine Verfeinerung der
methodischen Ansätze und einen darüber hinausgehenden Vergleich dar. Zudem
werden die aufschlussreichen Interaktionen zwischen DDR- und BRD-Fernsehen
charakterisiert.
Einen Überblick über die
Berichterstattung im allgemeinen und deren Bedingungen beschreibt aus journalistischer
Sicht Thomas Bellut in seiner Monographie „Die DDR-Berichterstattung in den
Nachrichtenmedien der Bundesrepublik Deutschland“ von 1983[64].
Der heutige Innenpolitikchef des ZDF
beschreibt in dieser Veröffentlichung die Geschichte der bundesdeutschen
Berichterstattung über die DDR, die verschiedenen Sendeformate zu diesem Thema
und die Probleme der Korrespondenten in der DDR. Schwerpunkt seiner
Untersuchung ist eine inhaltliche Analyse der Themen in ausgewählten Nachrichtensendungen
und Zeitungen des Jahres 1979. Dabei arbeitet er vor allem, ähnlich wie schon
Goss, die negative Grundstimmung der westdeutschen DDR-Berichterstattung
heraus.
Eine ähnlichen Abriss der
Arbeitsbedingungen und der Vorgeschichte der Korrespondententätigkeit in der
DDR beinhaltet eine Untersuchung von Volker Herres, der dabei jedoch in den
Mittelpunkt seiner Analyse die Magazinsendung Kennzeichen D stellt[65].
Er gibt, wie auch Bellut, viele, für die vorliegende Untersuchung wertvolle
Hinweise über die Möglichkeiten einer kritischen Berichterstattung aus der und
über die DDR.
Eine ähnliche Zielrichtung
haben auch einige analytischen Studien nach der Wende, die aufgrund der
Geschehnisse jedoch von anderen Forschungsinteressen ausgehen. Hier steht nicht
mehr der Unterschied zwischen Ost und West im Vordergrund, sondern eine
Charakterisierung der einzelnen Nachrichtensendungen in Bezug auf die
Berichterstattung während der Wende. Peter Ludes zeichnet dabei die Geschichte
der Aktuellen Kamera nach, bevor er
konkret einzelne Sendungen aus der Wendezeit beleuchtet und deren Wandel aufzeigt[66].
Auch Kurt R. Hesse nutzt 1990 in einem Artikel einen kurzen Rückblick auf
frühere Fernsehereignisse (hier jedoch vorwiegend westliche Fernsehnachrichten),
um darzulegen, dass die Thematisierung oppositionellen Aufbegehrens im
Westfernsehen eine auf niedrigen Niveau befindliche konstante Linie besaß, die
1989 jedoch exponentiell in die Höhe ging[67].
In einer sehr umfangreichen
empirischen Studie beschreiben Udo Michael Krüger und Bodo Rinz detailliert,
wie sich die Berichterstattung über die Ereignisse in der DDR im Westfernsehen
darstellt. Dabei erarbeiten sie eine inhaltliche Aufschlüsselung aller
Nachrichten- und Sondersendungen sowie einen Vergleich der Schwerpunkte des öffentlich-rechtlichen
und des privaten Fernsehens. Diese Studie vermittelt so einen guten Eindruck,
wie das Westfernsehen bei diesem Großereignis für die Nachrichtenwelt gearbeitet
hat. Analytischen Wert hinsichtlich der Fragestellung dieser Studie hat die Untersuchung
aber nur bedingt, da sie sich auf den Zeitraum nach der Grenzöffnung (10. - 19.
November 1989) beschränkt und die historisch wichtige Phase im Oktober 1989 vernachlässigt[68].
Eine andere Auswahl und
einen anderes Erkenntnisinteresse hat Dietrich Leder: Ihm geht es bei der
Analyse von westlichen Fernsehberichten des 8.8., 8.9. und 8.10.1989 und der
Gegenüberstellung dort publizierter Inhalte zu persönlichen Erinnerungen verschiedener
Prominenter um eine Sichtbarmachung der Macht, die das Fernsehen auf
persönliche Erinnerungen hat[69].
Fernsehverhalten und Rezeption der westlichen Berichterstattung in der
DDR: Die
wichtigste Hypothese der vorliegenden Studie, das Westfernsehen habe in der DDR
die Expansion oppositionellen Handelns gefördert und den Sturz des DDR-Regimes
damit beschleunigt, impliziert die Prämisse, dass die DDR-Bürger dieses
Informationsangebot aus dem benachbarten Staat auch genutzt haben. Diese
Ansicht wird von diversen Autoren gestützt:
Schon 1971 stellt Karolus
Heinz Heil in einer Befragung von Besuchern aus der DDR fest, dass die Nutzung des Westfernsehens in der DDR weit verbreitet
war[70]. Einer ähnliche
Methodik bedient sich Kurt R. Hesse 1988 in seiner umfangreichen Analyse von
Interviews mit DDR-Übersiedlern im Übergangslager Gießen[71].
Er kommt dabei zu dem Befund, dass in dieser untersuchten Gruppe das Westfernsehen
in hohem Maße rezipiert wurde (80%), für viele war es zudem das vorrangige
Informationsmedium[72].
Trotz der Relevanz dieser Daten darf jedoch die zu unterstellende Westorientierung
unter den Befragten nicht übersehen werden. Folglich ist Berücksichtigung aller
Rezipienten, also auch jener, die dem realsozialistischen System positiv
gegenüberstanden, methodisch zutreffender. Untersuchungen, die diese Vorgabe
erfüllen, gab es einerseits in abgeschwächter Form in der DDR selber,
andererseits nach der Wende, als ein solcher methodischer Zugriff nicht mehr behindert
wurde.
Zu den wenigen im Kontext
der Wissenschaft der DDR verwertbaren Untersuchungen[73]
gehört die Langzeitstudie des Leipziger Zentralinstitutes für Jugendforschung,
welches in anonymer Weiseeiner anonymen
Befragung unter Jugendlichen nach deren
allgemeinen Einstellungen sowie derenm
Lebenswandel recherchierte
befragte. Dabei arbeitete das Institut in einem Teilbereich auch
heraus, in wie fern die Jugendlichen und jungen Erwachsenen das westliche Fernsehen
dem eigenen vorzogen. Diese Untersuchungen waren jedoch nicht zur Veröffentlichung,
sondern lediglich zur Information des Politbüros vorgesehen. Folglich wurden
die Ergebnisse der wissenschaftlichen Öffentlichkeit erst 1990 bekannt[74].
Auch wenn die untersuchte Population nur eingeschränkt Aufschluss über die
Gesamtpopulation der DDR-Bürger geben kann, bestätigt sich auch hier die schon
vermutete Westpräferenz im Fernsehverhalten, insbesondere, was die
politische Information betreffendbetraf.
Untersuchungen nach der
Wende gibt es nur wenige, die sich im wesentlichen der Methode der
rückblickenden Befragung bedienen. Auch dabei stehen Jugendliche im Vordergrund,
vornehmlich wird die Veränderung ihrer Einstellungen und ihres Fernsehverhaltens
nach der Wende kontrastiert[75].
Berichterstattung im DDR-Fernsehen und deren Rezeption: In dieses Gebiet fallen neben
den frühen, schon erwähnten Studien[76]
und der Analyse von Peter Ludes vornehmlich Abhandlungen und Untersuchungen zum
Fernsehverhalten der DDR-Bürger bezüglich ihrer staatseigenen Programme, die in
der vorliegenden Studie die unterschiedliche Relevanz der gegensätzlichen
Fernsehsysteme beim DDR-Bürger unterstützend verdeutlichen werden[77].
Darüber existieren
verschiedenen Untersuchungen zu den Themen Arbeit der Journalisten in der
DDR, Reaktion der DDR-Regierung auf die „Westeinstrahlung“ sowie
hier aufgrund der Fülle des Materials nicht zu diskutierende Literatur zu den Vorgehensweisen
der DDR-Bürgerbewegung, die an opportuner Stelle in dieser analytischen
Studie verwendet werden.
Neben diesen unterstützenden
Untersuchungen gibt es einige wenige Abhandlungen, die eine ähnliche
Zielrichtung wie der hier vorliegende Überblick haben. Dieses ist zum einen
Kurt R. Hesse, der 1990 noch sehr zeitnah einen Zusammenhang zwischen der
Berichterstattung des Fernsehens und der „Revolution“ (Hesse) herstellt[78].
Dabei kann er bezüglich des Rezeptionsverhaltens auf Erfahrungen aus der
vorhergehenden, von ihm vorgenommenen Studie zurückgreifen. Eine erneute
empirische Untersuchung nimmt er aber nicht vor. Bei der Analyse des
Fernsehmaterials stützt er sich vornehmlich auf die schon erwähnte Studie von
Krüger und Rinz, die jedoch außerhalb des Forschungsinteresses dieser Arbeit
liegt. Auch wenn seine Mutmaßungen bezüglich der Folgen der (im Fernsehen
übertragenen) Ereignisse schlüssig klingen, so verzichtet er auf eine
weitergehende Analyse des dazugehörigen Fernsehmaterials. Zudem legt er einen
zweiten Schwerpunkt seines Artikels auf die in Zusammenhang mit der vorliegenden
Abhandlung irrelevanten Veränderungen, welche die Wende für das DDR-Fernsehen
nach sich zog.
Zum anderen ist bei den im
thematischen Umfeld dieser Untersuchung liegenden Aufsätzen der von Monika
Lindgens und Susanne Mahle mit dem Titel „Vom Medienboom zur Medienbarriere“[79]
zu erwähnen. Sie versuchen mittels Befragung einiger prominenter Bürgerrechtler
eine Entwicklung der Bedeutung der Medien für die Bürgerbewegung aufzuzeigen.
Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Betrachtung des Zeitraumes, der den
Niedergang des Einflusses der Bürgerbewegung kennzeichnet und sich damit
außerhalb des Untersuchungszeitraumes der vorliegenden Studie bewegt. Auch
werden von Lindgens und Mahle keine Fernsehaufnahmen zur Unterstützung der
sonst ebenso hier vertretenen These benutzt, dass das westliche Fernsehen
großen Einfluss auf die Ereignisse in der DDR hatte. Dennoch können und werden
die Statements der ehemaligen Bürgerrechtler im weiteren Verlauf dieser Studie
zur Bekräftigung bestimmter Aussagen dienen.
Eine weitere vergleichbare
Arbeit ist der Artikel „Medien und Wende in der DDR“ von Bernd Okun, der in
einigen Teilen sehr zutreffend schildert, welche Sprengkraft das Westfernsehen
im Laufe der Wende entwickelte[80].
Zudem wird in diesem Abriss im Gegensatz zu allen anderen Abhandlungen auch die
Bedeutung der Bürgerbewegung thematisiert, wenngleich auf relativ
oberflächlicher Weise und eher spekulativ. Schon publizierte empirische
Ergebnisse zu Fernsehverhalten oder Berichterstattung nutzt er kaum, eigene
Untersuchungen stellt er nicht an. Insofern handelt es sich bei dieser Arbeit
vielmehr um einen Gedankenanstoß, dem die vorliegende Arbeit in einigen Teilen
auch folgt.
Weniger zutreffend ist Okuns
Aufsatz jedoch, wenn er die DDR-Wende auch dafür nutzt, um grundsätzlich die
Macht der Medien - hier insbesondere hinsichtlich des 2. Golfkrieges 1991 - zu
thematisieren. Die beiden Themen mögen in der unmittelbaren Gegenwart ihres
Geschehens den Eindruck erweckt haben, einen Bezug zueinander zu haben, im
historischen Rückblick jedoch erscheint diese These abwegig.
Abschließend sei angefügt,
dass allen vorgestellten Abhandlungen die für diese analytische Studie zentrale
Einbindung von Theorien über die Mobilisierung und das Agieren von sozialen
Bewegungen mittels und via Medien fehlt.
Quellen sind im Zusammenhang
dieser Arbeit hauptsächlich Fernsehquellen, also Originalmitschnitte von
Sendungen im ost- wie westdeutschen Fernsehen. Sie stammen vornehmlich aus den
Monaten August, September und Oktober 1989, da dieser Zeitraum im Mittelpunkt
der Untersuchung steht. Sendungen des Fernsehens als historische Quelle zu
nutzen, ist in der Geschichtswissenschaft noch wenig verbreitet[81].
In etlichen Zusammenhängen ist eine Analyse schriftlich vorliegender Quellen
zwar auch weiterhin sinnvoll, da z.B. viele politische Entscheidungen in
nichtöffentlichen, und damit nicht telegenen Gremien gefasst werden und
lediglich als Protokolle vorliegen. Im Kontext der Wende in der DDR ist das
Fernsehen aber nicht nur Berichterstatter von Ereignissen, die auch schriftlich
fixiert sind, sondern greift als Akteur und Katalysator in das Geschehen ein.
Da diese These in der vorliegenden Studie belegt werden soll, ist es folglich
zwingend, das Fernsehen als wichtigste historische Quelle zu verwenden. Davon
unberührt bleibt, dass einige Zusammenhänge erst mittels schriftlicher Quellen
aus Tageszeitungen oder Regierungsdokumenten deutlich werden. Die Quellenkritik
und -herkunft der Fernsehsendungen soll aber aufgrund der zentralen Bedeutung
im Mittelpunkt der folgenden Anmerkungen stehen.
Die Quellenlage im Bereich
der für diese Studie in Frage kommenden Fernsehsendungen ist im Prinzip nahezu
unerschöpflich. Äußerlich betrachtet sind alle Fernsehsendungen des Jahres 1989
eine potentielle Quelle. Daher gilt es, diese Vielfalt auf ein Destillat der
wichtigsten Quellen methodisch nachvollziehbar zu reduzieren.
Die größte Divergenz
zwischen Ost- und Westfernsehen bestand zweifelsfrei in der politischen Berichterstattung.
Alle anderen Sendeformate hatten, bis auf systembedingte kulturelle Eigenarten,
Ähnlichkeiten miteinander. So gab es in Ost und
West Verbrauchermagazine, Sportsendungen, Spielfilme und Fernsehserien, die
meist unpolitisch waren und damit für die Bearbeitung der in dieser Studie
maßgebenden Fragestellung unerheblich sind[82].
Zwar wurde das Bild der Ostdeutschen über ihre westlichen Nachbarn auch durch
diese Sendungen geprägt, jedoch dürfte dieses keinen direkten Anstoß zu
politischer Betätigung gegeben haben. Es wird in der Literatur gelegentlich
sogar vermutet, die Möglichkeit zur medialen Flucht in den Fernsehwesten habe
lange Zeit zur Stabilisierung beigetragen[83].
Die Tatsache, dass Serienproduktionen und Spielfilme auch zwischen west- und
osteuropäischen Fernsehanstalten ausgetauscht wurden, unterstützt die Annahme,
dass die sozialistischen Regierungen unterhaltsame Produktionen aus dem anderen
politischen System für keineswegs systemdestabilisierend hielten[84].
Untersuchungen zur Nutzung
des Westfernsehens in der DDR, auf die im weiteren Verlauf der vorliegenden
Studie noch vertiefend eingegangen wird, haben zudem herausgearbeitet, dass die
DDR-Bürger das Westfernsehen vorrangig zur politischen Information genutzt
haben. Dabei fällt insbesondere die - auch durch die Möglichkeiten des technischen
Empfangs bedingte - häufige Nutzung der Tagesschau (ARD) auf. Sie war
mit Abstand die am meisten gesehene Nachrichtensendung in der DDR, rund 65% der
von Hesse befragten Übersiedler sahen regelmäßig die 20-Uhr-Ausgabe[85].
Die beliebteste Magazinsendung war Kennzeichen D (ZDF), das mit seiner
inhaltlichen deutsch-deutschen Ausrichtung offensichtlich eine wichtige
Informationsquelle über die Ereignisse im eigenen Land darstellte[86].
Daher werden diese beiden Sendungen – in gewisser Weise exemplarisch - auch den
Hauptteil des analytischen Teils ausmachen. Hinzugenommen werden, falls für
notwendig erachtetsie im Sinne der Fragestellung dieser Untersuchung
von Aussagekraft besonderer Relevanz sind,, zudem
die Nachrichtensendungen des ZDF (heute und
heute-journal) sowie Sondersendungen zum Thema DDR aus der Zeit zwischen
Anfang September und Mitte Oktober.
Grundsätzlich stehen alle
Sendungen in den Rundfunkarchiven zur Verfügung. Eine Ausnahme bildet lediglich
ein Teil des Archivmaterials von Kennzeichen D, da die Originalmaterialien am
22. August 1999 bei einem Brand im Verwaltungsgebäude des ZDF in
Berlin-Tempelhof, in dem auch das Studio und das Archiv von Kennzeichen D
untergebracht waren, vollständig vernichtet worden sind. Andere - nicht zuletzt
aus Kostengründen - verwendbare Quellen sind Zweitverwertungen[87].
Dabei verdient insbesondere die von der ARD produzierte Sendung Chronik der Wende Erwähnung, in der für
jeden Tag der Wendezeit Fernsehmaterialien zu einer kommentierten Collage zusammengefügt
wurden[88].
Die Problematik der Eingrenzung durch Auswahl, der Möglichkeit von Irrtümern
und der Manipulationen muss bei Verwendung dieses Materials jedoch beachtet
werden. Das gleiche gilt für die im Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) gesendete
wöchentliche Zusammenfassung und Gegenüberstellung der Aktuellen Kamera und der Tagesschau
namens „Vor zehn Jahren“.
Ergänzend werden auch
Sendepläne von Sendungen Tagesschau
hinzugezogen, die strukturiert darüber Auskunft geben können, wie sich die
Thematik innerhalb der betreffenden Monate entwickelt hat und welcher
Zeitanteil ihr in der Nachrichtensendung eingeräumt wurde[89].
Bei allen Quellen ist über
die Authentizität der Aufnahme hinaus auch jene des dafür verwendeten Materials
kritisch zu hinterfragen. Nicht selten bedienten sich westliche Journalisten
Fernsehmaterials ungeklärter Herkunft, um überhaupt über Bilder von Demonstrationen
in ihnen unzugänglichen Regionen zu verfügen. Noch bedenklicher ist die Verwendung
des Materials im DDR-Fernsehen. Dort wurden Bilder oft bewusst in einen
falschen Kontext gestellt, um einen propagandistischen Erfolg zu erzielen. Auf
diese Problematik wird bei den verwendeten Fernsehaufnahmen bei Bedarf noch einmal
speziell hingewiesen, da die Wirkung bewusst oder versehentlich in Umlauf gesetzter
Falschmeldungen für die Untermauerung der These nicht unerheblich ist.
Insgesamt soll das Material auf die Betrachtung einiger ereignisreicher und politisch folgenreicher Tage eingegrenzt werden, um einen etwaigen Einfluss am konkreten Beispiel deutlich machen zu können.
Die Berichterstattung über
die DDR hatte im Jahr 1989 trotz aller Aktualität schon eine lange und
wechselvolle Geschichte. Sie reichte von staatlich verordneter Berichterstattung
über Gegenpropaganda bis hin zu selbstkritischer und Teilen des DDR-Systems
positiv gegenüberstehender Berichterstattung. In diesem Kapitel soll auf die deren mediale Vorgeschichte
und ihre Hintergründe eingegangen werden. Dazu soll zunächst auf die
politischen Fundamente der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten hingewiesen
werden, in denen die Berichterstattung über die DDR schon verwurzelt ist.
Diese Staatsverträge waren
letztlich die Daseinsberechtigung für etliche Sendeplätze im westdeutschen
Fernsehen, deren Entwicklung die Geschichte der deutsch-deutschen Beziehungen
widerspiegelt. Ein Überblick über diese Sendungen im darauffolgenden Abschnitt
soll diese Geschichte nachzeichnen und insbesondere die politische Propaganda,
die es gerade in Zeiten des kalten Krieges auch in Westdeutschland gab, veranschaulichen.
Eine Betrachtung der Arbeitsmöglichkeiten und des Schaffens von westdeutschen
Korrespondenten in Ostdeutschland, die das Bindeglied zwischen ostdeutscher
Realität und westdeutscher DDR-Medienrealität darstellten, rundet den ersten
Teil ab.
Im zweiten Teil steht die
Entwicklung der DDR-Berichterstattung bis 1989 im Mittelpunkt. Dazu soll der
grundsätzliche Tenor der Sendungen thematisiert werden, aber auch einige
konkrete Ereignisse herausgesucht werden, um diesen Tenor zu illustrieren.
Dieses Kapitel dient, genau
so wie das folgende, der genaueren Analyse der Voraussetzungen, auf welche die
Ereignisse des Spätsommers und des Herbstes des Jahres 1989 trafen.
Die Berichterstattung über
die DDR, bzw. in früherer Terminologie „Sowjetische Besatzungszone (SBZ), fußte
nicht allein auf einem journalistischen Interesse der einzelnen Fernsehsender,
dieser Thematik einen besonderen Schwerpunkt im Programm zu verleihen. Vielmehr
finden sich in den Rundfunkstaatsverträgen vor allem des ZDFs Passagen, die von
einem bei der Verabschiedung dieser Verträge bestehenden politischen Anliegen
zeugen. So heißt es beispielsweise in § 2 Satz 1 des ZDF-Staatsvertrages[90]:
„In den Sendungen der Anstalt soll den Fernsehteilnehmern in ganz
Deutschland ein objektiver Überblick über das Weltgeschehen, insbesondere ein
umfassendes Bild der deutschen Wirklichkeit vermittelt werden.“
Dabei umfasst das Wort
„ganz“ ohne Zweifel auch die Gebiete jenseits der Zonengrenze[91].
Politisch eindeutiger heißt es in Satz 2:
„Diese Sendungen sollen vor allem auch der Wiedervereinigung
Deutschlands in Frieden und Freiheit und der Verständigung unter den Völkern
dienen.“
Noch konkreter formuliert
ist der Wunsch der Politik, das Informationsmonopol des DDR-Fernsehens zu
brechen, in den „Richtlinien für die Sendungen des ‚Zweiten Deutschen
Fernsehens‘“ vom 11. Juli 1963 (Abschnitt IV.3)[92]:
„Das Programm soll der Wiedervereinigung Deutschlands in Frieden und
Freiheit und der Erhaltung der Freiheit Berlins dienen. Es sind Sendungen zu
veranstalten, die über die Lage in der sowjetisch besetzten Zone Deutschlands
und in den Gebieten hinter der Oder und Neiße mit dem Willen zur Objektivität
unterrichten.“
Diese Regelungen in den
Richtlinien und Staatsverträgen, die nicht nur von Politikern verabschiedet,
sondern darüber hinaus von diesen in den Rundfunkräten überwacht wurden, fanden
in der Programmgestaltung ein entsprechendes Echo.
Seit den Anfängen der
Bundesrepublik gab es Rundfunksendungen, die dieser Intention folgten. So
begann der Süddeutsche Rundfunk (SDR) am 12. Oktober 1949, lediglich fünf Tage
nach Gründung der DDR mit der Ausstrahlung einer in ihrer politische Eindeutigkeit
leicht zu identifizierenden Sendung namens Wir
denken an Mittel- und Ostdeutschland[93].
Die Sendung verfolgte, wie der damalige SDR-Intendant erklärte, „den doppelten
Zweck, die Bevölkerung im Westen über die Verhältnisse in der Sowjetzone und
Berlin aufzuklären, und der Bevölkerung dort zu zeigen, dass sie nicht
abgeschrieben ist“.[94]
Auch die anderen Sender
schlossen sich diesem Weg an und produzierten Sendungen, die über die DDR
berichteten, aber auch für die in der DDR lebenden Menschen sendeten. Der WDR
begann mit einer Radiosendung namens Gruß
an die Zone, die „meinungs- und willensbildend auf die 18 Millionen in der
Zone einwirken“ sollte, wie im WDR-Jahrbuch 1956/57 hervorgehoben wurde[95].
Der Südwestfunk sendete So sieht es der
Westen, der Hessische Rundfunk Deutsche
Fragen. Veränderungen des Titels, wie im Falle der Sendung Gruß an die Zone, ab 1961 Wir sprechen zur Zone und ab 1965 noch
neutraler Ost-West-Aktuell geben
dabei die Entwicklung der deutsch-deutschen Verhältnisse wider[96].
1971 wurde die inhaltliche Begrenzung ganz aufgehoben und auch andere
Radiosendungen mit innerdeutschem Bezug wurden eingestellt, da die Orientierung
an einer möglichen Wiedervereinigung als utopisch deklariert wurde[97].
Das Fernsehen spielte im ersten Jahrzehnt nach dem Krieg keine Rolle, zumal
gerade in der DDR der Wirtschaftsaufschwung bei weitem nicht solche Ausmaße
annahm wie in der Bundesrepublik und somit der Besitz eines Fernsehgerätes
einen noch größeren Luxus darstellte als in Westdeutschland. Im Gegensatz zur
Empfangsmöglichkeit stand jedoch das Niveau des damaligen DDR-Fernsehens. Es
wurde in der BRD als Konkurrenz betrachtet, da es Programmangebote machte, die
im Westen fehlten (Kindersendungen, Vormittagsprogramm) und daher von den
Bürgern der Bundesrepublik im großen Umfang genutzt wurden. Diese Tatsache
veranlasste westliche Verantwortliche in den Rundfunkanstalten mehrfach, sich
besorgt über diese Wettbewerbssituation zu äußern. So stellte ein SFB-Mitarbeiter
fest, „daß der ‚Deutsche Fernsehfunk‘ mit
einem gesamtdeutschen Angebot auftritt und ständig das Bestreben hat, nicht nur
die mitteldeutschen Fernsehteilnehmer am Gerät zu halten, sondern darüber
hinaus möglichst viele Zuschauer aus Westberlin und der Bundesrepublik
hinzuzugewinnen“[98].
Diese Problematik wurde
jedoch nicht nur unter einem rein wettbewerblichen Gesichtspunkt diskutiert,
sondern man befürchtete auch indoktrinäre Auswirkungen dieses Zustandes. So
wurde, als Pendant zur Sendung Der
schwarzen Kanal, die im DFF das westdeutsche Fernsehen und die
gesellschaftlichen Verhältnisse in propagandistischer Form thematisierte, in
der ARD 1958 die Sendung Die rote Optik
gestartet, die ähnliches aus westlicher Sicht tat - auch mit der in der
Hochphase des kalten Krieges üblichen Rhetorik[99].
Erst ab 1962 setzten sich sachlichere
Sendungen wie Diesseits und
jenseits der Zonengrenze (ARD) und drüben
(ZDF) durch, die sich um eine sachliche Berichterstattung bemühten und der
gesamtdeutschen Problematik annahmen. Diese waren nicht nur an die DDR-Bürger
gerichtet, sondern versuchten auch, den Westdeutschen die DDR mit weniger
Stereotypen zu beschreiben[100].
Der als problematisch
empfundenen Abwanderungen der westlichen Zuschauer zum DFF-Angebot konnte durch
Anpassungen des westdeutschen Fernsehprogramms an die Zuschauerbedürfnisse im
Westen begegnet werden[101].
In den letzten beiden
Jahrzehnten des Bestehens der DDR waren nur noch zwei Sendungen im
westdeutschen Fernsehen mit der Aufgabe betraut, sich innerdeutscher Themen
anzunehmen: Kennzeichen D im ZDF und Kontraste vom Sender Freies Berlin (SFB), ausgestrahlt im Gemeinschaftsprogramm
der ARD.
Kontraste war (zunächst) bis
Ende der siebziger Jahre eine auf ganz
Osteuropa ausgerichtete Sendung, die eher Spezialisten ansprach, als das
allgemeine Publikum. Um der im ZDF erfolgreichen Sendung Kennzeichen D
etwas entgegen zu setzen, beschloss die ARD, die Nischensendung in das
Hauptprogramm zu platzieren, auf deutsch-deutsche Themen zu beschränken und
einem breiteren Publikum zu präsentieren[102].
Das auch heute noch, wenngleich unter anderen Voraussetzungen gesendete
politische Magazin pflegte gute Kontakte zur noch marginalen
DDR-Bürgerrechtsbewegung, verfügte immer wieder über Videomaterial von
oppositionellen Geschehnissen in der DDR und erregte zuweilen mit Aktionen wie
der Durchführung einer telefonischen Meinungsbefragung in der DDR erheblichen
diplomatischen Unmut auch bei der bundesdeutschen Regierung[103].
Trotz des, zumindest in der Selbsteinschätzung wahrgenommenen, im Vergleich zu Kennzeichen D aggressiveren Journalismus
gegenüber Institutionen der DDR und damit einher gehenden, vielfachen
Drehverboten genoss das Magazin nach Hesses Studien bei weitem nicht die Beliebtheit
des Konkurrenten[104]
Mit der Ausstrahlung von Kennzeichen D wurde 1971 begonnen. Es
unterschied sich inhaltlich von der damals noch existierenden ZDF-Sendung drüben dadurch, dass von der einseitigen
Thematisierung der DDR Abstand genommen wurde. Man verstand sich vielmehr als
gesamtdeutsches Magazin, das sich kritisch und kommentierend zu verschiedenen
Fragestellungen in Ost- und Westdeutschland äußerte, und dabei das Nebeneinander
der deutschen Staaten akzeptierte[105].
Auch hier zeigte sich eine Parallele zur damaligen Deutschlandpolitik der
Bundesregierung, in der Willy Brandt diesen Kurs des „geordneten Nebeneinanders“
einschlug. Kennzeichen D war zur
damaligen Zeit aber auch aus anderen Gründen ein Politikum, da es von
sozial-liberaler Seite im Verwaltungsrat als Korrektiv zum konservativ
geprägten ZDF-Magazin Gerhard Löwenthals
durchgesetzt wurde[106].
Den Programmauftrag von
Kennzeichen D formulierte der damalige ZDF-Chefredakteur Wolf Dietrich 1971
unter anderem folgendermaßen:
„Unvoreingenommene Unterrichtung der Zuschauer mit dem Ziel umfassender
Information über die deutsche Wirklichkeit und der Stärkung des
Zusammengehörigkeitsgefühl der Deutschen.“[107]
Die Sendung erhielt zudem
den Untertitel „Deutsches aus Ost und West“, um auch im Titel den Schwerpunkt
zu verdeutlichen. Die Propaganda der fünfziger und sechziger Jahre sollte trotz
der gesamtdeutschen Perspektive aber nicht mehr die Intention des Magazins
sein. Der langjährige Redaktionsleiter Hans Werner Schwarze stellte dazu 1980
fest: „Wir haben es immer abgelehnt, bloß als Lautsprecher zur anderen Seite zu
dienen. Propagandaansprachen an die Brüder und Schwestern lehne ich ab.“[108]
Vielmehr sollten auch positive Elemente der DDR hervorgehoben werden.
Die tatsächlich vorgenommene
inhaltliche Ausrichtung entsprach jedoch nur bedingt den Vorgaben der Politik.
Es standen rein bundesrepublikanische Themen im Vordergrund, die
Berichterstattung über Ereignisse und Entwicklungen in der DDR standen erst
weit dahinter an zweiter Stelle, was vom „Ausschuss für Politik und Zeitgeschehen“
des ZDF-Fernsehrates, einer Art Kontrollgremium mit Vertretern der politischen
Parteien auch kritisiert wurde[109].
Dies lag vor allem an der Konkurrenzsituation zum ZDF-Magazin, dem man die bundespolitische Berichterstattung
offensichtlich nicht überlassen wollte, zum anderen aber auch an dem nachlassenden
Interesse der Westdeutschen an der innerdeutschen Thematik, die man in der
Redaktion zu erkennen meinte[110].
Dennoch war Kennzeichen D neben Kontraste die einzige Sendung im
westdeutschen Fernsehen, welche die DDR überhaupt noch in den Mittelpunkt des
journalistischen Interesses stellte. Vermutlich vor allem, weil Kennzeichen D sich thematisch oft mit
den eher alltäglichen Problemen des DDR-Bürgers auseinander setzte und aufgrund
seiner Berücksichtigung auch positiver Eigenarten des realsozialistischen
Systems einen objektiveren Eindruck vermittelte, erlang es innerhalb der DDR
eine wesentliche höhere Beliebtheit als andere Sendungen[111].
Dennoch berichtete Kennzeichen D auch, ähnlich wie Kontraste, über die
„Gegenöffentlichkeit“ in der DDR, die jenseits des Staatsapparates unter dem
Dach der Kirche politisch aktiven Bürgerrechtler, Umwelt- und Friedensgruppen
und zog sich deshalb vielfach Kritik der DDR-Politik und der DDR-Medien zu[112].
Zusammenfassend lässt sich
konstatieren, dass der bundesdeutsche Rundfunk, nicht zuletzt gelenkt durch
politische Eingriffe, zu jeder Zeit Sendeformate für und über die sowjetische
Besatzungszone bzw. später die DDR anbot, die immer auch den politischen
Zeitgeist in der Bundesrepublik im Verhältnis zur DDR widerspiegelten. In den
letzten Jahrezehnten des Bestehens der DDR hielten Kennzeichen D und Kontraste
mit ihrer Berichterstattung das Bewusstsein wach, dass es in der DDR eine
Bürgerbewegung und auch Proteste gab. Dies war besonders für die DDR-Zuschauer
die fast einzige Möglichkeit, jenseits von illegalisierten Kommunikationswegen
über Bürgerrechtsgruppen Informationen zu erhalten.
Um die Möglichkeiten der
Berichterstattung seitens des Westfernsehens näher zu beleuchten, soll im
Folgenden die rechtliche Grundlage der Arbeit von westlichen Fernsehjournalisten
sowie die tatsächlichen Arbeitsbedingungen betrachtet werden.
Während in den ersten Jahren
nach der Staatsgründung jeder westdeutsche Journalist ohne jegliche
Formalitäten in das Gebiet der DDR einreisen konnte, um dort journalistische
Vorhaben umzusetzen, änderte sich dieses 1952 gravierend. Am 26./27. Mai des
Jahres beschlossen der Ministerrat und das Ministerium für Staatssicherheit der
DDR, entlang der Demarkationslinie zwischen Ost- und Westdeutschland eine
Sperrzone zu errichten. Westdeutsche und vor allem Westberliner
Reporter durften nur noch mit Sondergenehmigungen in die DDR einreisen[113].
Zudem wurde die Telefonkommunikation zwischen Ost und West unterbrochen[114].
Wurde die journalistische Arbeit durch diese Beschlüsse bereits erheblich
eingeschränkt, so bedeutete der Bau der Berliner Mauer 1961 und der damit
einhergehenden Schließung aller Schlupflöcher für Informationsübermittlung von
Ost nach West die vollständige Ausgrenzung der westdeutschen Berichterstatter.
In den Folgejahren konnten
lediglich Zeitungsreporter als Reiseberichterstatter für einige Wochen in die
DDR reisen, um nach der Rückkehr die Eindrücke dieser Reise zu schildern[115].
Fernsehberichterstatter aus der BRD wurden lediglich bei der Leipziger Messe
oder bei Berichten über die Ostseewoche akkreditiert[116].
Folglich war es in diesen Jahren unmöglich, Kontakte zu möglichen
oppositionellen Gruppen zu suchen und mit diesen Gespräche über ihre Aktionen
und Forderungen zu führen.
Um den Mangel an selbst
produzierten Berichte in den politischen Magazinen und den Nachrichten des
Westfernsehens zu kompensieren, wurde oft auf Material ausländischer Fernsehsender
zurückgegriffen[117].
Darüber hinaus gab es die sogenannte Ost-Aufzeichnung, einer Institution des
ZDF, die für das westdeutsche Fernsehen regelmäßig die Sendungen des
DDR-Fernsehens mitschnitt[118].
Diese Aufnahmen wurden, oft in einer neuen Zusammenstellung und mit einem
anderen Kommentar im Westfernsehen gesendet, um dem Zuschauer neben den Wortbeiträgen
Bilder präsentieren zu können [119].
Zu einer grundlegenden
Änderung kam es erst im Zuge der Entspannungspolitik der Regierung Brandt. 1972
wurde zwischen der BRD und der DDR neben dem Grundlagenvertrag auf Druck der
bundesdeutschen Regierung auch eine Vereinbarung zum Austausch von fest
akkreditierten Journalisten vereinbart, was de facto nur für die westdeutsche
Seite von Bedeutung war, da ostdeutsche Korrespondenten der Nachrichtenagentur
ADN schon seit 1954 in Bonn ein Büro unterhielten[120].
Die Vereinbarung enthielt
Regelungen, die eine bedeutsame Ausweitung der journalistischen
Arbeitsmöglichkeiten implizierten. So wurde schriftlich und völkerrechtlich verbindlich
festgehalten, dass alle Korrespondenten „das Recht zur Ausübung der beruflichen
Tätigkeit und der freien Information und Berichterstattung“ erhalten, auch wenn
die daran angehängte Formulierung „im Rahmen ihrer geltenden Rechtsordnung“
Raum für Interpretationen ließ[121].
Weitere Neuerungen waren die Möglichkeit der Niederlassung bei gleichzeitiger
Möglichkeit jederzeitiger Ein- und Ausreise, der Bewegungsfreiheit innerhalb
der DDR, sowie der unbeschränkten und unzensierten Nachrichtenübermittlung in
die Bundesrepublik.
Die tatsächlichen
Verbesserungen auf dem Gebiet der Pressefreiheit fielen jedoch erheblich
geringer aus, als der Vertrag vermuten ließ. Zum einen bekamen nicht alle Zeitungsredaktionen
eine Akkreditierung, obwohl sie diese beantragt hatten und zum anderen
erstellte die DDR-Regierung 1973 Richtlinien, die nur bedingt mit den 1972 geschlossenen
Vereinbarungen in Einklang zu bringen waren[122].
Unter anderem hieß es in dieser „Verordnung über die Tätigkeit von
Publikationsorganen anderer Staaten und deren Korrespondenten in der Deutschen
Demokratischen Republik“ sowie in der dazugehörigen „Ersten Durchführungsbestimmung“:
„ [...] Verleumdungen oder Diffamierungen der Deutschen Demokratischen
Republik, ihrer staatlichen Organe und ihrer führenden Persönlichkeiten sowie
der mit der deutschen Demokratischen Republik verbündeten Staaten [sind] zu unterlassen.“[123]
Darüber hinaus verlangten
die DDR-Behörden von den westlichen Korrespondenten, „wahrheitsgetreu,
sachbezogen und korrekt zu berichten sowie keine böswillige Verfälschung von
Tatsachen zuzulassen“[124].
Diese vermutlich beabsichtigt unkonkreten Formulierungen grenzten die
Arbeitsmöglichkeiten gegenüber den Vereinbarungen am Rande des
Grundlagenvertrages noch einmal erheblich ein. Als Sanktionen bei Verstößen
gegen diese Verordnungen waren Verwarnungen, Entzug der Akkreditierung und als
letztes Mittel die Schließung des gesamten Büros vorgesehen[125].
Angesichts der Tatsache,
dass bis in die sechziger Jahre hinein Journalisten, die sich in der DDR oder
auch nur auf der Transitstrecke aufhielten, unter z.T. fragwürdigen Vorwürfen
zu Haftstrafen bis zu 15 Jahren verurteilt wurden, waren die Verbesserungen
dennoch evident[126].
Reisen innerhalb der DDR
waren zwar nicht jederzeit möglich, jedoch innerhalb von 24 Stunden nach
vorhergehender Information der DDR-Behörden. Drehgenehmigungen mussten
lediglich bei Aufnahmen in „staatlichen Organen und Einrichtungen, volkseigenen
Kombinaten und Betrieben sowie Genossenschaften“ eingeholt werden[127].
Somit bot sich für die westlichen Korrespondenten, die ab 1973 (ARD und ZDF: ab
1974) akkreditiert wurden zunehmend die Gelegenheit, trotz immer noch
vielfältiger Beeinträchtigungen auch längerfristige Kontakte zu Andersdenkenden
in der DDR aufzubauen, die 1989 - ein
Vorgriff sei hier erlaubt - noch eine große Rolle spielen sollten. Daran
änderte auch die nochmalige Verschärfung der Durchführungsbestimmungen der
presserechtlichen Verordnung im Jahre 1979 im Kern nichts.
Die Korrespondenten wurden,
bedingt durch ihre Bildschirmpräsenz, entgegen den Journalisten der Presse
schnell zu „Helden“ in der DDR[128].
Jeder Bürger erkannte sie auf der Straße sofort und gab ihnen freimütig
Interviews[129].
Die Kontakte zur noch
marginalen Opposition[130],
aber auch manch kritischer Bericht über die politischen Verhältnisse in der DDR
hatten jedoch einige Male Konsequenzen. So wurde 1975 der Spiegel-Korrespondent Jörg R. Mettke ausgewiesen, weil der Spiegel in einem nicht von ihm zu
verantwortenden Bericht die Zwangsadoption von Kindern Republikflüchtiger
thematisierte[131]. Die
Ausreise, die innerhalb von 48 Stunden zu erfolgen hatte, führte zur
vorübergehenden Schließung des Ostberliner Spiegel-Büros[132].
Der erste
Fernsehberichterstatter, der in den Augen der DDR-Behörden als nicht mehr
erwünscht galt und dementsprechend zur Ausreise gezwungen wurde, war der seit Beginn
der Akkreditierungsmöglichkeit in Ostberlin weilende ARD-Korrespondent Lothar
Loewe. Dieser hatte am 21.12.1976 in einem Tagesschau-Kommentar
die Situation an der innerdeutschen Grenze mit dem Satz „Hier in der DDR weiß
jedes Kind, dass die Grenztruppen den strikten Befehl haben, auf Menschen wie
auf Hasen zu schießen“ beschrieben[133].
Die DDR reagierte darauf nicht nur mit der Ausweisung Loewes, sondern auch mit
scharfen Kommentaren in den parteieigenen Zeitungen[134].
Der von Loewe später selbst als zu unüberlegt formulierte bewertete Satz war
aber letztlich vermutlich nur die vorgeschobene Begründung für den lange
gehegten Wunsch der DDR-Regierung, Loewe aus vermeintlich triftigem Grund
abzuschieben. Loewe hatte sich schon im Vorfeld durch die Berichterstattung
über oppositionelle Aktivitäten im Zusammenhang mit der Ausbürgerung Wolf
Biermanns beim SED-Regime unbeliebt gemacht[135].
Als weiterer
Fernsehjournalist bekam der ZDF-Korrespondent Peter van Loyen die scharfe
Auslegung der erwähnten Durchführungsbestimmungen zu spüren: Er wurde 1979
ausgewiesen, weil er eine Erklärung des dem SED-Regime kritisch gegenüberstehenden
Schriftstellers Stephan Heym für die heute-Sendung
vom 12.5.1979 mit der Kamera aufgenommen hatte[136].
Neben diesen spektakulären
Ausweisungen gab es zudem Behinderung auf einem niedrigeren Niveau. Oftmals
wurden Drehgenehmigungen nicht erteilt, bei unliebsamer Berichterstattung
wurden Rügen gegen Korrespondenten ausgesprochen und nicht zuletzt waren sich
die Journalisten der alltäglichen Überwachung durch die Staatssicherheit
bewusst, die einen vertrauensvollen Kontakt zu Oppositionellen erschwerte[137].
Insgesamt gesehen war der
bundesdeutsche Fernsehkorrespondent bei Kontakten mit der Opposition folglich
auf guten Willen der Behörden oder auf Einfallsreichtum angewiesen. Dennoch
konnten, wie im nächsten Abschnitt noch näher zu erläutern sein wird, eine
Vielzahl von Kontakten geknüpft werden, um einige Beispiele von Opposition, zuweilen
sogar von öffentlichem Protest im westlichen Fernsehen zu präsentieren.
Um die mediale Vorgeschichte
der Ereignisse im Jahr 1989 zu komplettieren, soll im Folgenden auf einige
Vorfälle eingegangen werden, die zur Zeit ihrer Ausstrahlung im Westfernsehen
für Aufsehen und gelegentlich auch diplomatische Verstimmungen gesorgt haben,
z.T. darüber hinaus nachhaltigen Eindruck auf die DDR-Bevölkerung ausgeübt
haben. Dabei soll nur der Zeitraum ab 1974, also seit dem Bestehen der Möglichkeit
zur ständigen Berichterstattung, berücksichtigt werden und hier, aufgrund der
zeitlichen Nähe zum Untersuchungszeitraum, der Schwerpunkt auf der Betrachtung
der achtziger Jahre liegen.
In den siebziger Jahren galt
ein hohes Interesse des Westfernsehens den prominenten Oppositionellen, die
vorwiegend dem künstlerisch-intellektuellen Bereich entstammten. Beispielsweise
wurde dem Musiker Wolf Biermann mehrmals im westlichen Fernsehen die
Möglichkeit gegeben, sich kritisch zu den Verhältnissen in der DDR zu äußern[138].
Auch die nicht zuletzt durch dieses oppositionelle und in den Augen der
DDR-Führung illoyale Verhalten ausgelöste Ausbürgerung Biermanns am 16.11.1976
fand einen starken Widerhall in den Medien der Bundesrepublik[139].
Robert Havemann und Rudolf Bahro nutzen ebenfalls die Westmedien für politische
Stellungnahmen. Bahros Schritt, das Buch „Die Alternative“, welches sich
kritisch mit dem politischen System der DDR auseinander setzte, in der
Bundesrepublik zu veröffentlichen, führte zwar zu einer Inhaftierung und
späteren Ausbürgerung Bahros, jedoch auch zu einer weiteren Verstärkung
oppositioneller Tätigkeiten. Kritische DDR-Bürger bildeten kleine Diskussionszirkel,
in denen das illegal beschaffte Buch gelesen und diskutiert wurde - von der Existenz
des Werkes hatten sie aus den Westmedien erfahren[140].
Eine andere Art des
Publizierens oppositioneller Gedanken über das Westfernsehen war die
Verbreitung anonymer Erklärungen. 1978 nutze der „Bund demokratischer Kommunisten“
diesen Weg, um Kritik und Reformvorschläge einerseits in der DDR-Bevölkerung
bekannt zu machen, andererseits aber auch die SED-Funktionäre zum Handeln zu
bewegen. Die Bund demokratischer Kommunisten, der sich als innerkommunistische
Opposition verstand, hatte - wie sich später herausstellte - auch kritische
SED-Mitglieder in seinen Reihen, welche die Erklärung mit brisantem
Insiderwissen anreichern konnten[141].
Interviews mit
Oppositionellen innerhalb der DDR waren grundsätzlich schwierig durchzuführen,
da sie genehmigt werden mussten - was in den seltensten Fällen geschah. Dennoch
versuchten die Korrespondenten immer wieder, die arbeitserschwerenden Regelungen
zu umgehen. So konnte das ZDF in der heute-Sendung
vom 12. Mai 1979 ein Statement des systemkritischen Schriftstellers Stefan Heym
präsentieren. Auch wenn der dafür verantwortliche Korrespondent van Loyen
argumentierte, nur für Interviews, nicht aber für ohne Fragestellung
aufgenommene Statements sei nach Durchführungsbestimmung eine Genehmigung
erforderlich, schütze ihn diese Interpretation der Regelungen nicht vor seiner
Ausweisung[142].
Auch Anfang der achtziger
Jahre wurde die Opposition medial nur am Rande wahrgenommen. Zu einem der
wenigen fernsehwirksamen Ereignissen gehörte im November 1983 der Versuch der
westdeutschen Bundestagsabgeordneten und grünen Politikerin Petra Kelly sowie
einiger ihrer Kollegen auf dem Alexanderplatz in Ostberlin zusammen mit
DDR-Oppositionsgruppen, die sich ab Ende der siebziger Jahre mehr und mehr im
Schutze der Kirche gründeten, mit einer Protestaktion auf die Menschenrechtssituation
in der DDR hinzuweisen. Zwar konnte die Staatssicherheit diese gemeinsame Demonstration
verhindern, jedoch nicht die ersatzweise, lediglich durch die Bundestagsabgeordneten
durchgeführte Aktion. Die Bilder dieser Aktion waren für die Westmedien
besonders interessant, weil sich erstmals auch westdeutsche Politiker medienwirksam
mit der DDR-Opposition auf dem Territorium der DDR solidarisierten. Dieses
spektakuläre Vorgehen hatte nicht nur zur Folge, dass die Opposition im Westen
bekannter wurde, sondern darüber hinaus, dass sich mehr DDR-Bürger dieser bewusst
wurden[143].
Ab Mitte der achtziger Jahre
wuchs in der DDR die Unzufriedenheit spürbar[144].
Zum einen stiegen die Ausreiseanträge überproportional an, zum anderen
radikalisierte sich auch die organisierte Opposition[145].
Mit der Gründung der „Initiative Frieden und Menschenrechte“ (IFM) wurde
thematisch der Schritt aus den Kirchenkreisen heraus gewagt, was innerhalb der
Opposition verschiedentlich Meinungsverschiedenheiten verursachte[146].
Aber auch die Ausreisewilligen, denen in einer Vielzahl der Fälle die Ausreise
nach einem für gewöhnlich mehrere Monate, teilweise auch Jahre währenden
Verfahren nicht gestattet wurde, waren als oppositionelle Gruppe organisiert
und damit in den Augen der politischen Führung eine Gefahr für die Stabilität
des sozialistischen Staates. Für sie, die nach Beantragung der Ausreise meist
ihre Arbeit verloren und darüber hinaus vielfältig diskriminiert wurden, war es
aufgrund ihrer schon ausweglosen Situation leichter, sich dem System
entgegenzustellen, da es kaum noch eine bürgerliche Existenz gab, die es zu
schützen galt[147].
Rückblickend ist erkennbar,
dass gerade diese Gruppe mit ihren spektakulären Aktionen, gleich ob innerhalb
oder außerhalb (mittels Flucht) der DDR, zu den Revolutionären der ersten
Stunde gehörten. Denn sie hatten im Gegensatz zu den Oppositionellen, die zunächst
lediglich Reformen des sozialistischen Staates forderten, schon mit dem System
gebrochen und stellten es somit gänzlich in Frage – entweder durch öffentlichkeitswirksame
Demonstrationen oder mittels „Emigration als Zeichen der Auflehnung“ (Meuschel)[148].
Besonders von erstem zeugen schon Aktionen aus der Zeit vor dem entscheidenden
Jahr 1989. So kam es Pfingsten 1987 während eines Rockkonzertes
in Westberlin am Brandenburger Tor zu Ansammlungen von mehreren tausend, z.T.
ausreisewilligen Jugendlichen auf der Ostberliner Seite. Die Versammlung ging
fließend in eine politische Demonstration über, woran sehr wahrscheinlich die
Mischung aus der provozierenden Anwesenheit von Staatssicherheit und
Volkspolizei auf der einen Seite, und einem ARD-Kamerateam, das sich direkt in
der Menschenmenge befand, alles dokumentieren
konnte und durch die geschaffene Öffentlichkeit einen gewissen Schutz bot, auf
der anderen Seite. In dieser Konstellation fühlten sich die Demonstranten jedenfalls
sicher genug, um ihrer Meinung freien Lauf zu lassen. Sie riefen „Die Mauer
muss weg“ und „Wir wollen raus“, und nannten die DDR – in westliche Kameras und
Mikrophone hinein – einen Staat von „krankhafter Substanz“[149]. Die Bilder davon wurden in
der 20-Uhr-Tagesschau vom 8.6.1987
und 9.6.1987 gesendet. Dabei waren zu sehen, wie Demonstranten von der Polizei
geschlagen und festgenommen wurden, ohne das diese in irgendeiner Weise vorher
(auf dem Bildschirm) als gewalttätig erschienen wären. Die DDR-Medien äußerten
sich nur in Form einer ADN-Meldung, die das Stattfinden der Krawalle und die
Angriffe auf das Fernsehteam laut Tagesschau als „reine Hirngespinste“[150]
westlicher Medien kommentierte. Das ARD-Kamerateam erfuhr diese Abneigung
staatlicherseits am eigenen Leibe: Bei der Demonstration kam es auch zu
Übergriffen auf die westlichen Journalisten, bei denen einer verletzt und
einige vorübergehend festgenommen wurden. Darüber hinaus wurde das technische
Equipment teilweise beschädigt oder beschlagnahmt[151].
Das Leugnen der
Vorkommnisse der DDR musste insofern auf den Zuschauer grotesk wirken, als dass
jeder am Fernseher mitverfolgen konnte, wie offensichtlich die Nachrichtenagentur
log. So konnte sich die Bevölkerung der DDR auf der einen Seite zwar davon
überzeugen, dass es überhaupt systemkritische Aktionen gab, wenngleich sie hier
offensichtlich spontaner Natur waren. Auf der anderen Seite musste sie jedoch
zur Kenntnis nehmen, dass die Regierung ihres Staates Proteste gegebenenfalls
auch mit Gewalt beenden würde und diese sogar noch auf groteske Art zu
verbergen suchte.
Diese
restriktive Politik gegenüber oppositionellen Bestrebungen unterstrich die
DDR-Führung im November des gleichen Jahres mit der Durchsuchung des
Umweltbüros in der Zionsgemeinde in Ostberlin, einer kirchlich-oppositionellen
Einrichtung. Dabei wurden mehrere Mitarbeiter festgenommen und erst einige Tage
später auf Druck der Kirchenleitung wieder auf freien Fuß gesetzt. Diese Aktion
war in ihrer Wirkung ähnlich zweischneidig: Zum einen belegte sie die erwähnte
restriktive Politik, zum anderen wurde dadurch das Interesse der Westmedien an
den oppositionellen Gruppen im Osten erst richtig entfacht[152].
Zumindest war die Durchsuchung, wenn sie auch nicht visuell belegt werden
konnte, Thema der westlichen Fernsehnachrichten der Folgetage und somit wieder
eine von der DDR-Führung ungewollt initiierte Kampagne zur breiteren Beachtung
einer - in diesem Zusammenhang durch die Existenz eines Büros mit Mitarbeitern
schon organisiert anmutenden - Opposition seitens der DDR-Zuschauer.
Wieder
vornehmlich von Ausreisewilligen organisiert waren die Proteste am Rande der
offiziellen Gedenkfeier zur Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknecht am
17.1.1988. Bei dem staatlich organisierten Ritual erschienen sie mit
Spruchbändern, auf denen das Luxemburg-Zitat „Freiheit ist immer auch die
Freiheit der anders Denkenden“ stand. Diese nur scheinbare Naivität war
tatsächlich eine kalkulierte Provokation. Die Demonstranten wussten, dass es
politisch unglaubwürdig wirken müsse, wenn die Staatssicherheit Demonstranten
festnehmen würde, die ein Zitat gerade derjenigen Person vor sich her tragen,
die auf dieser Veranstaltung geehrt wurde. Dennoch reagierte die Staatsführung
hart: Während der Demonstration und der Folgetage wurden über hundert
Oppositionelle festgenommen und vorwiegend diejenigen Beteiligten in die BRD
ausgewiesen, die nicht zu den Ausreisewilligen gehörten, sondern in der
„Initiative für Frieden und Menschenrechte“ für Reformen in der DDR kämpfen
wollten[153]. Dass
dieses über das Westfernsehen verbreitete schizophren anmutende politische Verhalten
die Erosion der Loyalität zum DDR-Regime innerhalb der Bevölkerung nur verstärken
konnte, war offensichtlich. In Folge der Festnahmen kam es zu vielen Fürbittgottesdiensten
und anderen Solidaritätsaktionen in etlichen Städten der DDR, aber auch in der
BRD[154].
Die so schnell organisierten und einander ähnlich anmutenden Protestveranstaltungen
konnten nicht durch Mund-zu-Mund-Propaganda entstanden sein. Es ist vielmehr zu
vermuten, dass die Oppositionellen die Festnahmen wie auch die Ideen für die
Protestformen dem Westfernsehen entnehmen konnten. Auch die zwischenzeitlichen
Selbstzerfleischungstendenzen, die sich in der Folge dieser Demonstration
zwischen Ausreisewilligen, organisierter Opposition und der Kirche auftaten,
ändern nichts an der medialen Wirksamkeit und Bedeutung dieser Proteste[155].
Ein frühes
Beispiel der Ritualisierung von Protesten - welche im Herbst 1989 bei den Montagsdemonstrationen
eine wichtige Funktion hatte - war der erneute Zwischenfall bei dem
Pfingst-Rockkonzert am Brandenburger Tor 1988. Wieder sammelten sich junge
Ausreisewillige, um ihren Unmut zu äußern, wieder kam es zu Zusammenstößen mit
der Polizei und wieder wurden auch Westjournalisten von Staatsicherheit und Polizei
angegriffen und mittels Schlagstöcken und elektrisierenden Schockstäben von
einer unbeschränkten Berichterstattung abgehalten[156].
Die Bilder dieses brutalen Vorgehens wurden im Westfernsehen gezeigt und
veranschaulichten ähnlich wie im Vorjahr, wie nervös die DDR-Staatsführung auf
westliche Berichterstattung über Proteste reagierte - auch der DDR-Führung war
offensichtlich bewusst, was für Konsequenzen mittels Westfernsehen in der
ganzen DDR sichtbar gemachter öffentlicher Protest haben könnte. Das
unterstreicht auch das Vorgehen der Staatssicherheit bei einem Schweigemarsch
von etwa 200 Personen, die im Oktober 1989 in Ostberlin auf Transparenten gegen
die Zensur kirchlicher Zeitungen, die mithin die einzige Möglichkeit der Weiterverbreitung
oppositionellen Gedankengutes war, demonstrierten. Auch bei diesem Ereignis
wurden die westlichen Journalisten mit Gewalt an ihrer Arbeit behindert[157].
Den letzten
Höhepunkt und der vielfach als Beginn der Erstarkung der Opposition eingestufte
Protest waren Aktionen zur Luxemburg-Demonstration am 15.1.1989, die diesmal
jedoch nicht in Ost-Berlin, sondern in Leipzig durchgeführt wurden. Schon im
Vorfeld kam es zu Festnahmen, was die Durchführung der Aktion jedoch nicht behinderte.
Auf der Demonstration selber griff die Polizei wieder ein und nahm etliche Demonstranten
zwischenzeitlich fest. Wenngleich das westdeutsche Fernsehen davon keine Bilder
machen konnte, so zeigt sich an dieser Demonstration jedoch beispielhaft, wie
die Bürgerbewegung trotz Korrespondentenbehinderung solche Ereignisse den Westmedien
bekannt machen konnte. In den Unterlagen der Staatssicherheit wird dazu festgestellt,
dass „ein dem MfS bekannter Organisator politischer Untergrundtätigkeit in der
Nacht vom 14. zum 15. Januar 1989 das Mitglied der Partei der Grünen in der
BRD, Gerd Bastian, über die erfolgten Festnahmen in Leipzig und bat ihn, eine
ähnliche ‘Solidaritätsaktion‘ auszulösen, wie anlässlich der Ereignisse im
Januar 1988“[158]. Eine ebenfalls
in dieser Nacht nach Westberlin übermittelte „Erklärung 1/89 der ‘Initiative
Frieden und Menschenrechte‘“ bittet ausdrücklich, die Festnahmen in Leipzig
auch in der Bundesrepublik bekannt zu machen, um den Druck auf das DDR-Regime
zwecks Freilassung der Inhaftierten zu erhöhen[159].
Die DDR-Opposition verstand es folglich schon vor den Ereignissen im Herbst
1989, westliche Medien gezielt für ihre Zwecke einzusetzen.
Dieses geschah
wie in diesem Fall häufiger, um durch Bekanntmachung von Festnahmen die
Personen zu schützen. Denn das DDR-Regime wollte und konnte sich als Unterzeichnerin
der Helsinki-Akte nur bedingt international vorwerfen lassen, die Menschenrechte
nicht zu achten. Die Übermittlung der Namen von Festgenommenen an die
Westmedien war also nicht nur zur Information der eigenen Mitbürger gedacht,
sondern sollte auch dazu dienen, die internationale und ganz besonders die
westdeutsche Aufmerksamkeit auf die Inhaftierten zu lenken.
In einigen
anderen Fällen wurde das Westfernsehen aber auch als reiner Übermittler von
oppositioneller Information genutzt. Themen, die in der DDR verschwiegen wurden,
wie im Bereich Umweltschutz, wurden indirekt oder direkt im Westfernsehen publiziert.
Ein besonders augenfälliges Beispiel hierfür ist der Videofilm „Bitteres aus Bitterfeld“,
der - von einer DDR-Umweltgruppe produziert - am 27.9.1988 im Westfernsehen gezeigt
wurde[160].
Neben dieser
Betrachtung und Thematisierung oppositioneller Aktivitäten zog sich durch die
bundesdeutsche DDR-Fernsehberichterstattung in allen Jahrzehnten nach dem Mauerbau
darüber hinaus die Fluchtberichterstattung. Sie hielt mit den Meldungen und
Reportagen über Mauertote und erfolgreiche Fluchtaktionen die Erinnerung an die
Existenz eines anderen deutschen Staates wach - wie es ihr in ihrem von der
Politik definierten Programmauftrag aufgetragen worden war. Dabei ist jedoch
auffällig, dass die Berichte über die spektakulären Fluchtaktionen im
Vordergrund standen, so wie beispielsweise die Ballonflucht einer Familie im
Jahre 1979, die später sogar als Vorlage für einen Hollywood-Spielfilm diente.
Die Argumentation von Hans-Volkmar Findeisen, dass es sich bei dieser
„Medien-Polit-Show“ nur um die Vorboten der zum Teil emotional aufgeladenen
Fernsehberichte bei der Massenflucht im August/September handele, ist dabei
nicht von der Hand zu weisen und im entsprechenden Kapitel noch näher zu untersuchen[161].
Ohne die Bedeutung dieser in
den Jahrzehnten vor dem Mauerfall gesendeten Berichte und Reportagen
herunterzuspielen, muss jedoch abschließend angemerkt werden, dass sie, so
wichtig sie für die DDR-Bürger waren, im Westen selber nur als Randerscheinung
wahrgenommen wurden. Klaus Bresser (ZDF) merkte dazu in einem Vortrag 1990
zutreffend an:
„(...) Aber diese Berichte wurden kaum wahrgenommen. Kaum wahrgenommen auch
von Kollegen, denen London näher lag als Dresden. Korrespondent in der DDR zu
sein, galt viele lange Jahre als undankbares Geschäft. Das Interesse fürs
andere Deutschland entdeckten nicht wenige erst, als die Sprechchöre aus
Leipzig ihnen in den Ohren schrillten.“[162]
Bevor
Berichterstattung des Westfernsehens im Sommer/Herbst 1989 eingegangen wird, bietet es sich an, einerseits
die Nutzung des Mediums Fernsehen innerhalb der DDR-Bevölkerung grundsätzlich
zu beschreiben und andererseits die technischen Möglichkeiten sowie die
tatsächliche Rezeption des Westfernsehens zu untersuchen. Es ist für die These
der vorliegenden Studie letztlich nicht unerheblich, wie viele und welche
DDR-Bürger überhaupt Westfernsehen sehen konnten und wollten.
Um den Kontrast zum
Westfernsehen zu verdeutlichen, soll in diesem Kapitel außerdem eine
analytische Betrachtung der Produktionen des DDR-Fernsehens erfolgen, um die
Abweichung gegenüber dem im darauf folgenden Kapitel zentral diskutierten
Westfernsehen erst deutlich machen zu können. Dabei steht im Zusammenhang des
Forschungsinteresses der Schwerpunkt auf der Untersuchung der Sendungen der Aktuellen Kamera, da an diesen besonders
gut veranschaulicht werden kann, welche Stellenwert Exodus, Opposition und Kritik
während des Jahres 1989 und hier insbesondere im Spätsommer und Herbst des
Jahres im DDR-Fernsehen hatten und wie von Seiten des staatlich kontrollierten
Fernsehens darauf reagiert wurde.
Im Zusammenhang des
Interesses der DDR-Bürger an Sendungen des Westfernsehen soll vorweg kurz
dargestellt werden, wie verbreitet Fernsehgeräte in der DDR waren, welchen
Stellenwert Fernsehkonsum allgemein besaß und welches die Schwerpunkte des Konsums
waren.
Die Verbreitung von
Fernsehgeräten in der DDR war mit der Entwicklung in der BRD vergleichbar, auch
wenn die Übertragung der Fußballweltmeisterschaft nicht die Rolle der
Initialzündung wie im Westen spielte[163].
Die Verbreitung stieg in der DDR von 16,7% (1960) über 48,5% (1965) auf 69,1%
(1970) der Haushalte[164].
In den siebziger und achtziger Jahren stieg der Anteil schließlich auf 90%
(1981), bis in dem für die vorliegende Untersuchung entscheidenden Zeitraum mit
95,7% (1988) eine fast vollständige Versorgung der Haushalte mit Fernsehgeräten
erreicht wurde[165].
Über die Hälfte der Fernsehempfänger waren Geräte, die den SECAM-Standard
unterstützten und damit zumindest das DDR-Fernsehen in Farbe zeigten[166].
Fernsehen galt bis in die
achtziger Jahre hinein als Hauptfreizeitbeschäftigung unter den DDR-Bürgern[167].
Erst ab 1987 hatten die Hobbys Gartenarbeit und Musik hören einen höheren
Stellenwert, was auch von Seiten der DDR-Zuschauerforschung, deren Ergebnisse
aus politischen Gründen größtenteils geheim gehalten wurden, als ein
„Auf-Distanz-Gehen“ gegenüber dem DDR-Fernsehen interpretiert wurde[168].
Dieses spiegelt sich auch in den Einschaltquoten und den Zufriedenheitsstudien Zufriedenheitsparametern
wiederwider, die durch
Umfragen ermittelt wurden. So pendelte die durchschnittliche Einschaltquote in
den achtziger Jahren um 38% (1. und 2. Programm des DDR-Fernsehens gesamt) ,
sank 1989 aber auf 32% ab. Im gleichen Jahr kam es auch zu einer deutlich negativeren
Beurteilung des DDR-Fernsehens durch seine Zuschauer - eine Rückführung auf die
Unzufriedenheit über die politische Berichterstattung ist in diesem Fall
naheliegend[169]. Unterstützt
wird diese Schlussfolgerung dadurch, dass schon fast
traditionelle Ignorieren der politischen
Berichterstattung des DDR-Fernsehens durch die DDR-Bürger.viele DDR-Bürger die
politische Berichterstattung des DDR-Fernsehens ignorierten.
Obwohl fast jeder Haushalt über ein Fernsehgerät verfügte, hatten politische
Sendungen Ende der achtziger Jahre lediglich eine Reichweite von 10%. Anfang
1989 ging dieser Wert noch auf 5% zurück, ehe er erst mit dem
Honecker-Rücktritt und dem darauf folgenden Umstrukturierung der politischen
Berichterstattung eine erhebliche Verbesserung erfuhr[170].
Die gleichzeitig recht positive Bewertung der politischen Sendungen durch
diejenigen, die sie auch gesehen hatten, deutet auf eine vorwiegende Nutzung
dieser Sendungen durch die systemloyalen Bürger hin[171].
Ähnliches zeigt sich bei den Werten für die Hauptnachrichtensendung Aktuelle Kamera, die einen zentralen
Sendeplatz (Hauptsendung: 19.30, 1. Programm) im DDR-Fernsehen innehatte. Die
durchschnittliche Sehbeteiligung lag in den achtziger Jahren bei lediglich 10%,
in Einzelfällen sogar bei unter 3%. Ausnahmen bildeten nur besondere Ereignisse
- oft mit einem Bezug zur BRD - wie das Treffen Schmidt/Honecker in der DDR
1981 (Einschaltquote: 50,5%), der Amtsantritt Andropovs 1982 (20,1%) oder der
Honeckerbesuch in der Bundesrepublik am
7.9.1988 (28,9%)[172].
Diese Abweichungen dürften ihre Ursache darin gehabt haben, dass ein Großteil
der Zuschauer weniger daran interessiert war, die reinen Fakten dieser Ereignisse
zu erhalten, sondern eher erfahren wollte, wie das staatlich gelenkte Fernsehen
diese kommentiert - denn daraus ließ sich direkt die Bewertung seitens der
Staatsführung herauslesen.
Zu den Sendungen mit den
niedrigsten Einschaltquoten und der schlechtesten Bewertung gehörte das von
Karl Eduard von Schnitzler geleitete Magazin Der schwarze Kanal, dessen sozialistisch-propagandistische
Aufmachung und offenkundig undifferenzierter Umgang mit der (vielen DDR-Bürgern
nur durch das BRD-Fernsehen bekannten) westdeutschen Wirklichkeit ein Großteil
der DDR-Bevölkerung ablehnte. Die durchschnittlichen Einschaltquoten lagen
dementsprechend bei sehr niedrigen 5%, der unterste Wert im Mai 1989 bei 0,5%[173].
Einen wesentlich höheren
Stellenwert in der Bewertung und in der Nutzung hatten Unterhaltungs- und
Ratgebersendungen. Unterhaltende Sendungen hatten bis zur Wende eine Reichweite
von 30%, wobei insbesondere Showsendungen wie „Ein Kessel Buntes“ und
„Showkolade“, die sich wesentlich an westdeutschen Vorbildern orientierten,
großen Zuspruch erfuhren. Auch Kriminalserien wie „Der Staatsanwalt hat das
Wort“ und „Polizeiruf 110“ hatten nicht selten Einschaltquoten von 50%[174].
Ratgebersendungen kamen immerhin auf Reichweiten von 20%, wenngleich auch hier
- wie auch bei den Unterhaltungssendungen ab Mitte der achtziger Jahre - eine
Abwärtstendenz erkennbar war[175].
Die allgemeine Unzufriedenheit hatte sich nicht nur auf die Sehbeteiligung an
politischen Sendungen, sondern auf die Rezeption des DDR-Fernsehens insgesamt
ausgewirkt.
Die Medienpolitik der DDR-Regierungen lässt
sich, ähnlich wie beim deren Umgang mit westlichen Journalisten, in
verschiedene, in gewisser Weise mit der
allgemeinpolitischen Lage korrespondierende Zeitabschnitte einordnen.
Schon bald nach ihrer
Gründung versuchte die DDR-Führung den Empfang westlicher Rundfunksendungen zu
unterbinden, da sie von ihnen eine (klassen-)feindliche Einflussnahme auf die
DDR-Gesellschaft vermutete[176].
Dazu ergriff sie einerseits technische Maßnahmen in Formmittels Einrichtung von
Störsendern, auf der anderen Seite behalf sie sich mit der rechtlichen
Auslegungen bestimmter Paragraphen wie der „staatsfeindlichen Hetze“ im
Strafgesetzbuch - konkrete, auf den Empfang von Fernsehsendungen zielende
Verbote gab es aber nie. Vielmehr versuchte sich die SED Anfang der sechziger
Jahre mittels einer Kampagne namens „Aktion Ochsenkopf“ des Problems anzunehmen.
Die Bürger, die schon Westfernsehen empfangen konnten, sollten die dafür in
einigen Fernsehgeräten von vornherein installierten technischen Vorrichtungen
wieder ausbauen sowie die Antennen nicht mehr zum Westfunksender
Ochsenkopf ausrichten. Diese Kampagne wurde begleitet von
Denunziationsaktionen, dem mutwilligen Abbrechen von westlich ausgerichteten
Antennen seitens der FDJ, der Androhung des Einzugs des Gerätes bei Zuwiderhandlung
sowie von einer gezielte Pressekampagne[177].
Darüber hinaus wurden im Handel zeitweise nur noch solche Fernsehgeräte
angeboten, mit denen der Westempfang gänzlich unmöglich sein sollte. Die Aktion
schlug jedoch aus verschiedenen Gründen fehl und wurde nach wenigen Wochen
abgebrochen. Zum einen war in Wohnungen, in denen Westfernsehen mit der
Zimmerantenne empfangen wurde, eine Überwachung der Ausrichtung nicht möglich
und zum anderen umgingen viele DDR-Bürger die Kontrolle mittels spezieller
Antennen, die sie nur nachts ausfuhren („Nachtantennen“). Selbst der Kontrolle
der Westpakete nach Konvertern für den Empfang der Programme ZDF und der
dritten Programme wurde stellenweise durch den Bau illegaler Eigenproduktionen
mit gestohlenem Material aus den volkseigenen Betrieben entgegengetreten[178].
Schon diese Ereignisse
zeigen, welche Furcht die DDR-Regierung vor der Westeinstrahlung hatte. Über
dies wird aber auch das starke Interesse der DDR-Bürger am Westfernsehen
deutlich - die robuste Abwehr dieser Kampagne mit zuweilen rechtswidrigen Methoden
lässt jedenfalls diese Behauptung zu.
Eine Mischung aus
Pragmatismus und Resignation führte daher Anfang der siebziger Jahre zu einer
völligen Neubewertung des Problems auf Seiten der SED. 1973 erklärte Erich Honecker,
der zwei Jahre zuvor zum Nachfolger von Ulbricht in der Funktion des Ersten
(später: General-)Sekretärs der SED bestimmt wurde, eher in einem Nebensatz die
staatliche Duldung des Westfernsehkonsums. Er sprach in einem veröffentlichten
Bericht des Politbüros an das ZK von den „westlichen Massenmedien, vor allem
dem Rundfunk und dem Fernsehen der BRD, die ja bei uns jeder nach Belieben ein-
und ausschalten kann“[179].
Auch hier sind die Parallelen zur Entspannungspolitik in den deutsch-deutschen
Beziehungen nicht zu übersehen – entsprach diese neue Interpretation des
westlichen Fernsehgebrauchs doch der Politik der von DDR-Seite angestrebten
„friedlichen Koexistenz“ beider deutscher Staaten.
Schon zu dieser Zeit war
jedoch die Nutzung des Westfernsehens Alltag in der DDR. In den Umfragen des
Instituts für Meinungsforschung der DDR, welches bis Ende der siebziger Jahre
existierte und politisch sehr offene Antworten auf Fragen der ideologischen
Selbstverortung zuließ, bekannten sich 70 % der DDR-Bürger, die im Besitz eines
Fernsehgerätes waren, dazu, Westfernsehen zu schauen[180].
Das dürften nach übereinstimmenden Untersuchungen nahezu die Gesamtheit jener
Zuschauer sein, die das Westfernsehen überhaupt empfangen konnten[181].
Denn in einigen Gebieten der DDR war der direkte Empfang des Westfernsehens
über Antenne nicht möglich. Dies betraf
vor allem die Gebiete im Dresdner Raum sowie in Nord-Ost-Mecklenburg.
Dieses oftmals als „Tal der Ahnungslosen“ benannte Gebiet war jedoch nicht ganz
so ahnungslos wie angenommen: Zum einen wurde das Westfernsehen zunehmend in
staatliche Kabelnetze oder mit staatlicher Billigung in private
Gemeinschaftsantennenanlagen eingespeist, zum anderen war ab Mitte der
achtziger Jahre in der DDR der Erwerb von Satellitenempfangsanlagen möglich,
mit denen sich das Westfernsehen in bester Qualität auch in den tiefsten Tälern
Sachsens empfangen ließ[182].
Das Ergebnis der Studie von Etzkorn und Stiehler, dass keine wirklich
hervorstechenden Unterschiede in Einstellungen zum Westen und zur Bewertung der
Lebensbedingungen und der politische Lage in der DDR zwischen Bewohnern der
betroffenen Gebiete und dem Rest der DDR zu konstatieren sind, ist folglich
nicht überraschend[183].
Zumal neben dem immerhin stellenweise möglichen Fernsehempfang der in dieser
Untersuchung aus genannten Gründen vernachlässigte Radioempfang uneingeschränkt
möglich war[184].
Es verwundert daher nicht,
dass sowohl Hesse in den Aufnahmelagern für Übersiedler, als auch in der DDR
Friedrich zeitgleich bei einer Befragung unter jungen DDR-Bürgern feststellten,
dass das Westfernsehen im DDR-Alltag eine wichtige Rolle einnahm. Friedrich
arbeitet heraus, dass knapp 80% der Auszubildenden und jungen Arbeite, welche
neben den Studenten die Zielgruppe seiner Längsschnittstudie darstellten,
mindestens mehrmals wöchentlich Westfernsehen sahen, zu einem großen Teil sogar
jeden Tag[185]. Das
DDR-Fernsehen schnitt in dieser Umfrage wesentlich schlechter ab. Besonders
fatal muss für die DDR-Führung, für die diese Studie angefertigt wurde, gewesen
sein, dass lediglich 4% der jungen Leute bestätigen wollten, dass die Berichterstattung
des DDR-Fernsehen vollständig mit ihren Lebenserfahrungen in Übereinstimmung zu
bringen sei[186].
Was die Sehgewohnheiten
betrifft, so war es keineswegs so, dass die DDR-Bürger wahllos die Westsender
einschalteten. Das Interesse fokussierte sich besonders auf
Nachrichtensendungen oder politische Magazine auf der einen Seite und
Unterhaltungssendungen und Fernsehserien auf der anderen Seite. Lediglich
11-13% der einzelnen Gruppen in Friedrichs Studie gaben an, sich politische
Zusammenhänge betreffend vorwiegend aus dem Ostfernsehen zu informieren. Rund
65% informierten sich mittels beider Fernsehsysteme, ca. 20 % sogar überwiegend
im Westfernsehen[187].
Beliebteste Sendungen hierbei waren nach Hesses Studie, wie oben schon bei der
Quellenlage vorgestellt, die Tagesschau und auf Magazinseite Kennzeichen
D. Die Zuschauer von westlichen Unterhaltungssendungen, die nur in einer –
wenngleich großen – Teilmenge zu den Westnachrichtensehern gehörten, bevorzugten
Sendungen wie Dallas, Tatort, Dalli Dalli und Der Große
Preis [188].
Im Folgenden soll die
politische Berichterstattung des DDR-Fernsehens, und hier vornehmlich die
Nachrichtensendung „Aktuelle Kamera“ im Mittelpunkt der Untersuchung stehen.
Ziel ist es zu zeigen, dass die Massenmedien der DDR die folgenschweren Ereignisse
der Fluchtbewegung und der ersten großen Demonstrationen in ihrer Berichterstattung
nur wenig berücksichtigten oder sachlich falsch darstellten. Dieses
Vorhaben geschieht aus Gründen der
Systematik nicht parallel zur ereignisgeschichtlichen Entwicklung sondern
getrennt voneinander, da die Fluchtbewegung auf ganz andere Weise zur
Mobilisierung beitrug, als die Demonstrationen und Aktionen der Daheimgebliebenen[189].
Die Verifizierung der
Behauptung, das DDR-Fernsehen habe Tatsachen verschwiegen oder verfälscht
wiedergegeben, ist eine notwendige Voraussetzung für die zentrale These dieser
Studie, dass eben das Westfernsehen für die Verbreitung oppositionellen Gedankenguts
sorgte sowie die Ausreisewelle in großem Maße publik machte.
Die Untersuchung wird in
diesem Kapitel mit dem ereignisgeschichtlichen Kontext gekoppelt, da die
Bedeutung einer suggestiven, verfälschten oder nicht gesendeten Meldung nur in
diesem Zusammenhang deutlich wird.
Die politische
Berichterstattung in der DDR war dominiert von parteigesteuerten Zeitungen und
Rundfunksendern. So hatten die großen Tageszeitungen der SED (mittelbare und
unmittelbare Parteiblätter) und der Blockparteien eine Gesamtauflage von fast
zehn Millionen Exemplaren[190].
Unabhängige Zeitungen und Zeitschriften, und diese meist in sehr kleiner
Auflage, existierten lediglich im kirchlichen Umfeld. Dennoch gab es auch in
den Zeitungen der Blockparteien und insbesondere in den kleinen Lokalzeitung
Freiräume. Die dort geäußerte Kritik beschränkte sich jedoch im Normalfall auf
Unmutsbekundungen bezüglich der Konsumgüterversorgung oder der zu großen
Bürokratie, nicht jedoch auf Menschen- und Bürgerrechte sowie
Demokratisierungswünsche[191].
Ähnliches galt für Radio und
Fernsehen, wenngleich die Freiräume hier noch kleiner waren. Nahezu
ausschließlich in Sendungen für Jugendliche wie im Radiosender „Jugendradio DT
64“ oder in dem erst am 1.9.1989 auf Sendung gegangenen, aber weit im voraus geplanten
Fernsehmagazin „elf 99“ war Kritik an den Verhältnissen in der DDR zu hören
oder zu sehen[192]. Außerhalb
dieser Zielgruppe befasste sich lediglich das DDR-1-Magazin Prisma – das
aber schon seit 1963 - mit einigen Schattenseiten des sozialistischen Systems.
Für die Redaktion der Sendung war dies jedoch ein Balanceakt. Die langjährige
Leiterin der Sendung Rosi Ebner berichtete nach der Wende über die
Einflussnahme seitens der Partei und die in diesem Zusammenhang gemachten Vorwürfe:
„Wir würden dem angenommenen Gegner – insbesondere dem Westfernsehen –
Argumentationsmaterial liefern, respektive eigene wirtschaftliche Interessen
gefährden“[193]. Die
Parteispitze war also sehr bemüht, im eigenen Fernsehen nichts zu zeigen, was
im Westfernsehen als vermeintliches Agitationsmaterial benutzt hätte werden können.
Gleichermaßen war man jedoch
bestrebt, auch innerhalb der DDR-Bevölkerung wenig Anlass für Diskussionen zu
geben. Die Einflussnahme seitens der Partei war teilweise sehr direkt auf
einzelne Sendungen und Zeitungsberichte oder Themen bezogen und beinhaltete
sehr deutlich Weisungen.
Beispielhaft seien hier die
Anweisungen der Rostocker SED-Bezirksleitung an die Ostseezeitung aus dem Jahre
1984 zitiert, welche die Ostsseezeitung nach der Wende selbst veröffentliche:
-
„wir
bitten, von der Behandlung des 17. Juni 1953 in Veröffentlichungen abzusehen“
-
„Am
morgigen Donnerstag findet die Übergabe der zweimillionsten Wohnung in
Anwesenheit des Generalsekretärs statt. Wir bitten, darüber auf Seite 1 vom
Freitag sehr groß aufgemacht zu berichten.“
-
„In
Stellungnahmen von Eltern und Pädagogen sollen Bekenntnisse zu unserer Politik
der Stärkung des Sozialismus und der Sicherung des Friedens (Interview Erich
Honeckers) wiedergegeben werden.“[194]
Ähnliches konnte auch Dieter
Langguth, ehemaliger Chefredakteur der FDJ-Zeitung „Junge Welt“ berichten. Der
„Jungen Welt“ wurde von zuständiger Stelle untersagt, „Protokoll-Obst“ auf den
Tischen zu fotografieren, da sonst die Bevölkerung hätte neidisch werden
können. Außerdem sollten bestimmte Themen in der Berichterstattung ausgespart
bleiben:
-
„Nichts
über Atomkraftwerke (sonst wird ein sensibles Thema hochgeputscht)“
-
„Nichts
über selbstgebaute Fluggeräte (sonst hauen uns die Leute ab):“
-
„Nichts
über Formel-1-Rennen (wir können uns die nicht leisten).“[195]
Dieses waren jedoch nur die
speziell für bestimmte Anlässe und Themen aufgestellten Anweisungen. Insgesamt
war die Beeinflussung und Zensur geradezu institutionalisiert: Die SED
verschwieg gar nicht, dass die Massenmedien für sie ein zentrales Instrument
der Beeinflussung war. In einem veröffentlichten Beschluss des Politbüros aus
dem Jahre 1972 hielt sie fest: „Presse, Rundfunk und Fernsehen der DDR tragen
unsere Politik und Ideologie täglich zu Millionen Menschen und wirken
maßgeblich auf die Ausprägung sozialistischer Überzeugungen, Denk- und
Verhaltensweisen ein.“[196]
Diese Auffassung schlug sich
in der politischen Struktur der Staats- und Parteiführung nieder: So gab es den
ZK-Sekretär für Agitation und Propaganda Joachim Herrmann, der mit seinen
Abteilungsleitern Heinz Geggel und Klaus Gäbler die unterschiedlichen Parteizeitungen,
die staatliche Nachrichtenagentur ADN und – über das Presseamt beim Vorsitzenden
des Ministerrates – auch die anderen Zeitungen sowie die Radio- und
Fernsehstationen mit den offiziellen Sprachregelungen versorgte[197].
Der ADN nahm dabei die wichtige Rolle des Regierungssprachrohres ein. Bei allen
wichtigen Ereignissen sollte auf dessen Meldung gewartet werden, um diese
gegebenenfalls unverändert zu übernehmen. Sogar zur Übernahme von Kommentaren,
in Staaten mit Pressefreiheit das höchste Gut eines Journalisten, waren die
Redaktionen in diffizilen Situationen verpflichtet[198].
Neben dieser zentralen Versorgung mit Regierungsmeinung wurden die
Chefredakteure der SED-Medien jeden Donnerstag in das ZK-Gebäude geladen, um
von Seiten des Abteilungsleiters Geggel sehr konkrete und präzise Vorgaben zur
Berichterstattung in Empfang zu nehmen. Dort wurde festgelegt, welche Themen
innerhalb der folgenden Woche zentraler Punkt in der Berichterstattung zu sein
hatten[199]. Ein
Teilnehmer dieser Runden, der 1984 in den Westen geflüchtete Franz Loeser,
bezeichnete diese Treffen als herabwürdigend für die Chefredakteure, die
dennoch – aus Sorge um ihren Posten – diese Behandlung nie kritisiert hätten[200].
Auch Günter Schabowski, vor seiner Tätigkeit als Berliner SED-Sekretär
Chefredakteur des Neuen Deutschland, beschrieb diese Runden als reinen
Befehlsempfang ohne Widerspruch[201].
Über die Runden hinaus
wurden oft auch sehr konkrete Anweisungen für bestimmte Blätter – oft erst kurz
vor Redaktionsschluss – gegeben, damit ein bestimmtes Ereignis auch im für die
SED richtigen Licht dargestellt wurde. Die Aktuelle Kamera wurde z.T.
unmittelbar vor der Sendung mit direkt von Herrmann oder Honecker geschriebenen
Meldungen oder Kommentaren versorgt, wenn diese der Ansicht waren, damit noch
auf eine im Westfernsehen gesendete Meldung reagieren zu können[202].
Neben dieser Einflussnahme
auf die Medien spielten aber auch noch zwei andere Tatsachen eine wichtige
Rolle. Zum einen waren die meisten Journalisten Parteimitglieder, was die
Wahrscheinlichkeit eines eigenständigen, journalistischen Selbstverständnisses
zumindest einschränkte. Gerade bei der Aktuelle Kamera, die im weiteren Verlauf
des Kapitels noch näher betrachtet werden soll, lag der Anteil der
SED-Parteimitglieder unter den Redakteuren bei 95%. Zum anderen mussten alle
Journalisten, bevor sie überhaupt eine Ausbildung in diese Richtung beginnen
konnten, bestimmte Voraussetzungen erfüllen. So wurden neben einer guten
Allgemeinbildung und respektablen Zeugnissen auch „erste Grundkenntnisse der
Weltanschauung der Arbeiterklasse, dem Marxismus-Leninismus“,„gute Kenntnisse
der Beschlüsse von Partei und Regierung“ sowie das Abzeichen für „gutes
Wissen“, einer Auszeichnung der FDJ, welche die erfolgreiche Absolvierung einer
politisch-ideologischen Weiterbildungsreihe bedurfte, von den Bewerbern
verlangt[203]. Diese
vorausgesetzte Indoktrination wurde auf der hauptsächlich dafür zuständigen
Journalistenhochschule in Leipzig noch einmal verstärkt. Wichtiger für eine
gute Stelle nach dem Studium waren weniger die Fachkenntnisse, als die
Kenntnisse im Marxismus/Leninismus[204].
Es ist zu vermuten, dass die
meisten derjenigen, die diese Voraussetzungen erfüllten, entweder sehr loyal
zur Partei standen oder zumindest so konform waren, dass von ihnen kein
engagierter Journalismus zu erwarten war. Formulierungen, wie die nachfolgend
zitierte aus dem „Journalistischen Handbuch der DDR“, dürften dies noch bestärkt
haben: „Um dem Leser ein richtiges Bild von der objektiven Wirklichkeit in
ihren Zusammenhängen zu vermitteln, wird die Auswahl der zu veröffentlichten
Nachrichten, ihre Plazierung, die Zusammenstellung der einzelnen Fakten
innerhalb einer Nachricht sowie die Wortwahl und Überschriftengestaltung parteilich vorgenommen“[205].
Ein Journalist, der die „objektive Wirklichkeit“ parteilich schildern musste, konnte nur noch ein
Erfüllungsgehilfe des Systems sein. Wenn es doch einmal die Möglichkeit zu selbständiger
journalistischer Arbeit gab, spielte die Selbstzensur eine gewichtige Rolle,
zumal besonders systemfreundliche Berichte z.B. von Parteitagen mit attraktiven
Prämien belohnt wurden, wohingegen nur kleinste propagandistische Patzer mit
Verweisen geahndet wurden[206].
Vor diesem Hintergrund ist auch die Berichterstattung des DDR-Fernsehens über
die Ereignisse des Jahres 1989 zu betrachten.
Die zentrale
Informationsübermittlung im ostdeutschen Fernsehen fand über die Aktuelle
Kamera statt. Sie war, ähnlich wie das Neue Deutschland im
Printbereich, das mediale Flaggschiff des SED-Propaganda[207]. Die Hauptausgabe der Nachrichtensendung, die
von 1957 an täglich um 19.30 Uhr sendete, hatte seit 1972 eine Länge von
insgesamt 30 Minuten. Damit lag sie zeitlich genau zwischen den beiden
wichtigen Nachrichtensendungen in der Bundesrepublik, heute (ZDF, 19
Uhr) und Tagesschau (ARD, 20 Uhr). Es war so für jeden DDR-Bürger, der
ARD und ZDF empfangen konnte, theoretisch möglich, alle Sendungen inklusive
ihres Inhalts zu vergleichen.
Die Sendung war geprägt
durch lange, die DDR glorifizierendesehr ausführliche
Berichte apologetischen
Charakters, parteilich
und prinzipiell das System verherrlichend, und einen einen sozialistisch-technokratischen
Sprachstil, wie er
symptomatisch war für das sozialistische Vokabular war. Die Titel von
Amtsträgern wurden immer in voller Länge vorgetragen, was wegen der daraus
resultierenden kommunikativen
Sperrigkeit für viele DDR-Bürger ein Grund zum um- oder abschalten war[208].
Zusätzlich geprägt war die
Aktuelle Kamera durch Meldungen, die sich mit Berichten im Westfernsehen
auseinander setzten und de facto eine Art Gegendarstellung beinhalteten.
Besonders auffällig war hierbei, dass dabei oft die Thematik oder die Meldung,
der man widersprach, inhaltlich nicht wiedergegeben wurde und damit vorausgesetzt
und erwartet wurde, dass alle Zuschauer die betreffende Sendung im
Westfernsehen mitverfolgt hatten[209].
Zusammen mit dem Verschweigen und Verfälschen bestimmter Ereignisse war diese Vorgehensweise auch für die Monate Januar bis Oktober des Jahres 1989 in den DDR-Medien tonangebend.
Nachdem im Januar die
systemkritische Rosa-Luxemburg-Demonstration in Leipzig von den Medien
weitgehend ignoriert wurde, wurden bei den Kommunalwahlen am 7. Mai den
Zuschauern des DDR-Fernsehens die gefälschten Ergebnisse präsentiert,
wohlwissend, dass es ernstzunehmende Kritik am Ergebnis gab. Egon Krenz übernahm es als Wahlleiter, das zumindest für
kritische Menschen unglaubwürdige Ergebnis dem Fernsehpublikum am späten
Wahlabend zu verlesen[210].
Die Wahlen wurden dieses Mal jedoch viel stärker als 1986 von Anhängern
oppositioneller Gruppen überwacht und waren schon am Wahltag selber von
vereinzelten Protesten begleitet[211].
Die Kontrolle der Wahlen, die in den einzelnen Städten z.T. so gut organisiert
waren, dass die oppositionellen Kontrolleure sogar Formulare für den Eintrag
der im Wahllokal ausgezählten Stimmenverteilung benutzten, fand jedoch in den
DDR-Medien kein Echo.
Ein weiteres Ereignis, dass die Reformunwilligkeit des SED-Regimes deutlich unterstrich, waren die den Medien zu entnehmenden Stellungnahmen der Staatsführung zur gewaltsamen Auflösung der Studentenproteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking. Dort wurden die wochenlangen Proteste mit der Forderung nach Erneuerung des politischen Systems mit militärischer Gewalt blutig niedergeschlagen. Der SED-Staat kommentierte dies im Neuen Deutschland mit der Schlagzeile: „Konterrevolutionärer Aufruhr in China wurde durch Volksbefreiungsarmee niedergeschlagen“[212]. Dies sollte ein deutliches Zeichen an die immer offensiver agierenden Initiativen im Land sein, die dieses Zeichen auch so verstanden[213]. Gleichwohl ließen sie sich nicht einschüchtern: Vielmehr nahmen sie die in ihren Augen zynischen Kommentare zum Anlass, weitere Proteste in Form von kirchlichen Solidaritätsveranstaltungen zu organisieren, dies sich ausdrücklich mit der Ereignissen in China und den SED-Reaktionen darauf beschäftigten[214].
Diese drei Vorkommnisse bilden rückblickend betrachtet jedoch lediglich den Auftakt und den Nährboden der Ereignisse des Wendejahres 1989. Oppositionelle Bestrebungen hatte es, wie in anderen Kapiteln schon gezeigt, auch in den Jahren zuvor gegeben. In diesem Jahr kam allerdings ein historisches Ereignis hinzu, dass die Unzufriedenheit und den damit einhergehenden Loyalitätsverfall verstärkte.
Am 2. Mai begann Ungarn mit
dem Abbau der Grenzanlagen. Es wurden zunächst nur an einigen Stellen
Vorrichtungen abgebaut, die vorher das Überwinden der Grenze erschweren sollten.
Insgesamt handelte es sich dabei eher um eine symbolische Aktion der ungarischen
Regierung, um dem Westen zu zeigen, dass man die Reformpolitik konsequent
weiterführen wollte[215].
Auch im Politbüro der SED erwartete man zu diesem Zeitpunkt nicht, dass dieses
weitreichendere Folgen haben könnte[216].
Dennoch sahen im Laufe des Sommers immer mehr Menschen in dem vermeintlichen
Schlupfloch an der ungarischen Grenze eine Möglichkeit, in den Westen zu
flüchten. Die Grenzöffnung im Mai war jedoch tatsächlich mehr symbolischer Art,
als dass dort ein Durchkommen ohne weiteres möglich gewesen wäre. Diese nicht
erwartete Schwierigkeit führte im Zusammenhang mit der die Situation
verstärkenden Tatsache, dass durch den Beginn der Sommerferien hundert Tausende
DDR-Bürger in das Urlaubsland Ungarn aufbrachen und damit auch eine große Anzahl
Fluchtwilliger mitfuhr, zur Besetzung der
bundesdeutschen Botschaft in Budapest[217].
Denn die DDR-Bürger, die mit einem Fluchtversuch an der
ungarisch-österreichische Grenze gescheitert waren, sahen dies als einzige
Möglichkeit, ihr Verlangen doch noch durchzusetzen. Für viele, die an der
Grenze von ungarischen Grenzern gestellt wurden und deren Reisepass mit einem
Vermerk versehen wurde, der auf den Fluchtversuch hinwies, gab es zudem keine
Alternative, wollte man sich nicht der Gefahr einer Bestrafung nach der
Rückkehr in die DDR aussetzen[218].
Im DDR-Fernsehen und in den Massenmedien waren diese z.T. dramatischen
Vorkommnisse jedoch bis Anfang August kein Thema. Diese Vorgehensweise war vor
allem Honeckers Anliegen. Er sagte dazu in einer Politbürositzung: „Das Leben hat so viele Unzulänglichkeiten,
die muß man nicht noch in der Presse popularisieren“ [219].
Erst am 6.8.1989 wurde in
der Aktuellen Kamera mit einer kleinen Meldung das Thema aufgegriffen.
Unter dem Titel „Nur Angelegenheit der DDR“ wurde mit der schon beschriebenen
Methode der Auseinandersetzung mit Berichten der Westmedien erklärt:
„Wie westliche Medien,
Politiker und Dienststellen der BRD verbreiten, besuchen einige DDR-Bürger
Botschaften der BRD im Ausland beziehungsweise die Ständige Vertretung der BRD
in der DDR, um dort persönliche Angelegenheiten vorzubringen. Nach dem
Völkerrecht haben Vertretungen der BRD keinerlei Rechte und Obhutspflichten
gegenüber Bürgern der DDR. Für ihre Angelegenheiten ist einzig und allein die
DDR zuständig, vor deren Gesetzen alle Bürger gleich sind. Außergewöhnliche
Behandlung einzelner durch den Besuch der Botschaften anderer Länder ist nicht
erreichbar.“[220]
Diese drei Sätze waren die
erste offizielle und öffentliche Verlautbarung der DDR-Führung zu der
wachsenden Anzahl von Botschaftsbesetzern in Budapest, aber auch in Ost-Berlin
und Warschau. Ohne Hintergrundkenntnisse wäre nur schwer zu verstehen gewesen,
zu welchem Thema diese Meldung Stellung nimmt. Der Ausreisewunsch wurde hier
lediglich als „persönliche Angelegenheiten“ bezeichnet, die durch die Botschaftsbesetzer
angestrebte Ausreise als „außergewöhnliche Behandlung“ verklausuliert. Dennoch
wussten die DDR-Bürger diesen Code zu verstehen, zumal sie über das
Westfernsehen über das notwendige Hintergrundwissen verfügten[221].
Schwerpunkt dieses Berichtes war also nicht der Wunsch, über die
Botschaftsbesetzungen zu informieren, sondern die Souveränität der DDR hervorzuheben
und gleichzeitig allen Bürgern, die ebenfalls überlegten, diesen Weg zur Ausreise
zu nutzen, darauf hinzuweisen, dass die DDR-Regierung diese Erpressungsversuche
ignorieren wird.
Zwei Tage später wurde das
Thema in der Aktuellen Kamera noch einmal ausführlicher aufgerollt.
Wieder handelte es sich dabei um eine
allgemeine Replik auf die Berichterstattung der westlichen Medien. Der
Nachrichtensprecher kündigte den kommentierenden Bericht des Bonner
Korrespondenten der Aktuellen Kamera Olaf Dietze mit dem Titel „Was
steckt hinter der Frontberichterstattung?“ an[222].
Dieser fragte sich und das Fernsehpublikum, was die „hysterische Kampagne der
Massenmedien mit einigen Leuten soll, die auf dem Umweg über ausländische
Vertretungen der BRD die DDR verlassen wollen“. Zwar wurde die Problematik
damit zum ersten Mal beim Namen genannt, jedoch nur, um sie gleich wieder zu
relativieren. Dietze versuchte die Zahlen der Besetzer der diplomatischen
Vertretungen in Ost-Berlin und Budapest (nach seinen Angaben 131 und 158
Menschen) mit den Millionen von DDR-Bürgern zu vergleichen, die nach Ungarn
reisen, ohne einen Fluchtwunsch zu hegen und mit den drei Millionen Menschen,
die ganz legal in den ersten sieben Monaten des Jahres besuchsweise in die Bundesrepublik
reisen durften. Den Westmedien warf er vor mit der „Hysterie“, einem „Anheizen
der Atmosphäre“ und einer „Art Frontberichterstattung“ Stimmung machen zu
wollen, hinter denen sich nationalistische Machenschaften verbergen würden. Außerdem
versuchten Politik und Medien („die rechten, ultrakonservativen Politiker und
die in ihren Diensten stehenden Journalisten“) der BRD mit dieser
„DDR-feindlichen Kampagne“ von den Problemen im eigenen Land wie der
Arbeitslosigkeit und dem „Problem mit den Asylanten“ abzulenken – eine vom
DDR-Fernsehen oft benutzte Argumentationsform, wenn man sich vom Westen
angegriffen fühlte. Die damit unterstellte und mehrmals durch andere
Formulierungen verstärke Behauptung, die westlichen Medien seinen Handlanger
der Politik, musste den Zuschauern angesichts der ihnen bekannten und oben
beschriebenen Verquickung von Partei und Journalismus in der DDR wie Hohn
vorkommen.
Ein weiterer Bericht, der
den Unmut des systemkritischen Teils der DDR-Bevölkerung hervorgerufen haben
dürfte, wurde am 13.8.1989 gesendet. Zum 28. Jahrestag des Mauerbaus wurde
diese in den Augen der DDR heikle Thematik zwar nicht verschwiegen. Aber die Redakteure der Aktuellen Kamera machten
daraus einen propagandistischen Rückblick: Die Mauer sei der „zuverlässige
Schutz und die Sicherung der Staatsgrenze“ berichtete dort ein Sprecher aus dem
off zu historischen Filmausschnitten vom Mauerbau. Nicht die erschossenen und
verwundeten Flüchtlinge wurden erwähnt, sondern die Grenzsoldaten, die in
Ausübung ihres Berufes „Opfer von Anschlägen und Provokationen des Imperialismus
gegen die Staatsgrenze der DDR“ wurden, d.h. meist von Menschen, die
Fluchtversuche unternahmen, getötet wurden[223].
Zudem wurde in Bezug auf die einige Monate alte Bemerkung von Erich Honecker,
die Mauer stehe noch „100 Jahre“, dargelegt, dass sie so lange bleiben würde,
„wie die Bedingungen nicht geändert werden, die zu ihrer Errichtung geführt
haben“[224]. Die
DDR-Bürger wurden in diesen kritischen Tagen folglich noch einmal ausdrücklich
darauf aufmerksam gemacht, dass von Seiten der SED keinerlei Reformen zu
erwarten waren. Diese und andere Berichte dürften die Frustration und den
Loyalitätsverfall nur noch verstärkt haben.
Die folgenden Tage waren von
den durch die Situation in der Budapester Botschaft hervorgerufenen
diplomatischen Spannungen zwischen beiden deutschen Staaten geprägt. In der Aktuellen
Kamera wurde wiederholt die Ansicht der DDR-Regierung referiert, dass die
BRD sich nicht in die Angelegenheiten der DDR einmischen solle[225].
Darüber hinaus informierte die Aktuelle Kamera darüber, dass denjenigen
DDR-Bürgern, welche die Botschaft verlassen würden, keine Bestrafung drohen
würde.
Am 24.8. wurde nochmals mit einem minutenlangen Kommentar die Botschaftsflüchtlingsfrage als Medienkampagne der Westmedien gebrandmarkt. Auf einzelne Fluchtaktionen ging das DDR-Fernsehen jedoch nicht ein. Selbst das paneuropäische Picknick, eine Veranstaltung der Paneuropäischen Union, bei dem für einen Tag an einer Stelle die österreichisch-ungarische Grenze geöffnet wurde und bei dem 600 DDR-Bürger ohne Kontrolle nach Österreich fliehen konnten, wurde verschwiegen.
Derweilen
spitzte sich die Lage in der Budapester Botschaft zu, was eine rege Reisediplomatie
zur Folge hatte. Der
Blitzbesuch des ungarischen Außenministers Horn am 31. August in der DDR wurde
von der Aktuellen Kamera als einträchtiges Treffen beschrieben, in dem beide
Seiten geäußert hätten, allein die Bundesrepublik sei für die eingetretenen Komplikationen
durch die Botschaftsbesetzungen verantwortlich. Die Tatsache, dass sich die
Bundesrepublik und Ungarn schon auf die Modalitäten zur Ausreise geeinigt
hatten, wurde aber in den DDR-Medien bewusst übergangen.
Aufschlussreich musste in
diesen Tagen für die Bevölkerung in der DDR und besonders die Oppositionellen
jedoch die Meldung der Aktuellen Kamera gewesen sein, dass in Polen
Staatschef Jaruzelski den Oppositionellen und
Solidarnosc-Aktivisten Mazowiecki als
Ministerpräsident vorgeschlagen hatte. Damit wurden in Polen die Reformschritte
unternommen, die in der DDR abgewehrt wurden. Dennoch berichtete das DDR-Fernsehen
in diesem Fall relativ objektiv, wenngleich es direkt im Anschluss die große
Bedeutung der kommunistischen Partei für Polens Weiterentwicklung herausstellte[226].
Am 10. September
entschärfte durch eine weitreichende Entscheidung der ungarischen Regierung die
eskalierende Situation in der Budapester Botschaft und in den Flüchtlingslagern
um sie herum auf einen Schlag. Außenminister Horn gab im ungarischen Fernsehen
die Öffnung der eigenen Grenze für DDR-Bürger bekannt. Alle im Land befindlichen
DDR-Bürger, die dies wünschten, konnten ohne weitere Formalitäten über Österreich in die
Bundesrepublik ausreisen. Die DDR-Führung wurde darüber vorab informiert,
konnte diese in ihren Augen gegen die gemeinsamen Vereinbarungen der
Grenzsicherung verstoßende Entscheidung aber nicht verhindern. Zwar wurde in
der Sitzung des Politbüros zwei Wochen vorher angesichts dieser Lage das erste
Mal ausführlicher auf den mit der Fluchtwelle einhergehenden Loyalitätsverfall
selbst unter Parteimitgliedern eingegangen, jedoch wurden keine Konsequenzen in
der Art gezogen, dass man Reformen erwog. Obwohl von einigen
Politbüromitgliedern ein offenerer Umgang mit den Problemen innerhalb der DDR
vorgeschlagen wurde, konnte Günther Mittag, der den erkrankten Honecker als
Sitzungsleiter vertrat, die Sitzung – offensichtlich ohne Widerspruch - mit den
Worten „Wir lassen und die Diskussion (von den Westmedien, d. V.) nicht aufzwingen“
beenden[227]. Selbst zu
diesem die Souveränität ganz offensichtlich gefährdenden Zeitpunkt zog es die
Führungsriege vor, die gewohnten Feindbilder zu bemühen und die Ereignisse nur
als eine Folge der Angriffe des „Imperialismus in der BRD“ (Schabowski) anzusehen[228].
Insofern war die
Beibehaltung der seit dem 7.8. eingeschlagenen Vorgehensweise konsequent. In
der Sendung vom 4.9. beispielsweise verlas die Sprecherin der Aktuellen Kamera
eine Erklärung eines Sprechers des DDR-Außenministeriums, in der sich dieser
über die „zügellose Hetzkampagne“ der westlichen Medien in Bezug auf die
Fluchtbewegung beschwerte[229].
Die Erklärung wurde so präsentiert, dass erst nach etlichen Sätzen klar wurde,
dass es sich nicht um eine Meinung der Redaktion oder gar um eine reine
Nachricht handelte. Wiederum wurde dem Westen vorgeworfen, den Sozialismus
angreifen zu wollen, und die Westmedien wurden nicht nur beschuldigt,
Anleitungen zum Grenzübertritt zu geben, sondern die Grenzübertritte von
DDR-Bürgern sogar organisiert und inszeniert zu haben[230].
Diese Vorwürfe zeigten, dass sich der Ton zunehmend verschärfte. Der Bürger der
DDR, der sich nur aus den eigenen Medien informierte, musste denken, dass ein
Großangriff des Imperialismus auf die DDR stattfände, dem man bekämpfen müsse.
Eine Meinungsäußerung seitens der Regierung, weshalb so viele alles in der DDR
hinter sich ließen und unter größten Strapazen das Land verließen, und wie man
sie dazu bringen könne, dazubleiben, wurde ihm nicht präsentiert.
Lediglich eine rechtsstaatliche Prüfung eines Ausreisewunsches nach offizieller
Beantragung wurde potentiellen Flüchtlingen angeboten, sowie denjenigen, deren
Flucht gescheitert war, bei Rückkehr in die DDR Straffreiheit zugesagt. Selbst
wenn diese Zusage ernst gemeint war und damit schon eine Abweichung von der
bisherigen Linie der generellen Bestrafung für Republikflüchtlinge zu erkennen
war, genügte dies offensichtlich nicht, den Lauf der Dinge noch zu
beeinflussen.
In den Tagen bis zum 10.9.
waren die Botschaftsflüchtlinge weiterhin Thema der DDR-Nachrichten, zumal die
west- wie ostdeutsche Öffentlichkeit von der bevorstehenden Öffnung der ungarischen
Grenze noch nichts konkretes wusste. Im Mittelpunkt der Ausgaben der Aktuellen
Kamera vom 7. und 8.9.1989 stand vor allem die Situation der Flüchtlinge in der
ständigen Vertretung der BRD in Ostberlin. Dort konnte die Aktuelle Kamera eine
in den Augen der SED-Führung positive Meldung vortragen. Vertreter der
Bundesrepublik und der DDR hatten alle Botschaftsbesetzer dazu überreden
können, die Vertretung zu verlassen. Sprecher der Bundesregierung und der
DDR-Führung betonten zudem, dass den Flüchtlingen keine Zusagen gemacht wurden[231].
Der Zuschauer des DDR-Fernsehens, der sich ausschließlich auf das staatseigene
Fernsehen verließ, musste folglich
annehmen, die Lage würde sich entspannen und der Druck auf das Politbüro damit
abnehmen. Die DDR-Regierung bemühte sich am gleichen Tage, diese Vorgehensweise
auch in Gesprächen mit der ungarischen Regierung für die Botschaft in Budapest
vorzuschlagen, um der gegenüber der angekündigten Grenzöffnung eine Alternative
bieten zu können. Der damit beauftragte Botschafter der DDR in Ungarn, Gerd
Vehrens, konnte die ungarischen Regierungsvertreter jedoch nicht in ihrer
Entscheidung umstimmen[232].
Am 10.9.1989, der Tag der
Gründung des „Neuen Forum“, informierte die Aktuelle Kamera über die
Massendemonstration von angeblich 200000 Menschen in Ostberlin. Die Sprecherin
berichteten zu den Bildern der „antifaschistischen“ Demonstration: „200000
bekennen sich zu ihrem sozialistischen Staat, zur Politik der Partei der Arbeiterklasse“[233].
Die um 19 Uhr – also eine
halbe Stunde vor Beginn der Aktuellen Kamera von diesem Tag – im ungarischen
Fernsehen verkündete Grenzöffnung wurde jedoch nicht thematisiert. Trotz der
Kenntnis des genauen Termins der Verkündung dieses für die DDR-Souveränität
einschneidenden Ereignisses reagiert die Staatsführung und mit ihr die Aktuelle
Kamera erst am Folgetag. Olaf Dietze berichtet unter dem von der Sprecherin
als Einleitung verwendeten Titel „Die illegale Nacht- und Nebelaktion zur Abwerbung
in Ungarn befindlicher DDR-Bürger ist generalstabsmäßig vorbereitet worden“,
dass die westdeutschen Behörden „Einsatzpläne“ für diesen „Tag X“ vorbereitet
hätten. Zusätzlich hätte man, „um die schwere Provokation gegen die DDR auch
öffentlich hochzuputschen, ganze Bataillone westlicher Reporter und Kameras“ zur
Grenze geleitet. Dieses – im übrigen im ganzen Kommentar verwendete –
Kriegsvokabular stellte eine neue Qualität in der öffentlichen Behandlung der
BRD in den Medien der DDR dar[234].
Es war sachlich tatsächlich
nicht falsch, dass die westdeutsche Regierung von der Grenzöffnung Tage zuvor
bei einem für die Medien überraschenden Besuch des ungarischen
Ministerpräsidenten Németh und seines Außenministers Horn unterrichtet wurde[235].
Die Geheimhaltung dieser Tatsache war jedoch zwischen allen drei beteiligten
Staaten ausdrücklich vereinbart worden, um die Situation nicht zu
verkomplizieren[236].
Auch finanzielle Zusagen, die Dietze (bzw. die Staatsführung) bei der
Vereinbarung vermutete, trafen zu. Jedoch wurden die Flüchtlinge nicht
freigekauft – erst recht nicht mit den im Politbüro kolportierten 3 Milliarden
DM[237].
Vielmehr sagte die Bundesregierung den Ungarn einen Kredit von 500 Millionen DM
zu und versprach, sich für die Aufnahme Ungarns in die Europäische Gemeinschaft
einzusetzen[238].
Die nochmals verschärfte
Form der Angriffe gegen die BRD führte dem Zuschauer in der DDR zum einen
abermals die Reformverweigerung der Parteispitze vor, gleichzeitig offenbarte
es jedoch eine gewisse Hilflosigkeit der Regierung. Sie hatte keine Konzepte,
die die Flüchtlinge zum Dableiben bewegte, und der sozialistische Bruderbund
hatte sich de facto aufgelöst und stellte die DDR bloß[239].
In den Folgetagen begannen
die ersten Propagandaberichte zu den Feierlichkeiten des 40. Jahrestages der
Gründung der DDR. Berichte aus Betrieben, in denen die Leistungsfähigkeit der
Wirtschaft der DDR hervorgehoben wurden, bildeten darin eine großen Schwerpunkt[240].
Darüber hinaus wurde der „Menschenhandel“ Ungarns mit der Bundesrepublik in
mehreren Varianten kritisiert. Die auffälligste darunter war die Berichterstattung
über die Kommentare in der sowjetischen Parteizeitung Prawda, in denen die
bundesdeutsche Regierung scharf angegriffen wurde[241].
Es wurde dadurch ganz offensichtlich, dass man dem eigenen Drohpotential
misstraute und doch noch auf den großen sozialistischen Bruder hoffte. Man
erwartete, dass diese Stellungnahmen die bundesdeutsche Regierung mehr
beeindrucken würden und zudem den eigenen Staatsbürgern deutlich machen
könnten, dass die Sowjetunion weiterhin an der Seite der SED stehe[242].
Das nächste folgenreiche
Ereignis, dass bezüglich der medialen Reflexion beleuchtet werden soll, war die
Lösung des Problems der von DDR-Bürgern überfüllten Botschaft der
Bundesrepublik in Prag. Die DDR hatte seit der Öffnung der ungarischen Grenze
zum einen die Ausreise in Richtung Ungarn erschwert, zum anderen verhinderte
die Grenzpolizei der CSSR - eines der
wenigen Länder des Ostblocks, die noch unverbrüchlich zur DDR stand – den
Übertritt vieler DDR-Bürger nach Ungarn. Dadurch sahen immer mehr DDR-Bürger,
die ihr Land verlassen wollten, die Botschaft in Prag als letzte Möglichkeit
zur Flucht.
In der Aktuellen Kamera
wurde auf die Situation in der Botschaft nicht konkret eingegangen, sondern nur
von DDR-Bürgern gesprochen, die sich „rechtswidrig“ in diplomatischen Vertretungen
aufhalten. Am 29.9.1989 hatte das Politbüro beschlossen, den Menschen, die sich
in den Botschaften der BRD im Polen und der CSSR aufhielten, ab dem 1. Oktober
die Ausreise mit Zügen der Reichsbahn über das Staatsgebiet der DDR zu
erlauben. Mit dieser Maßnahme bekam man die Möglichkeit eröffnet, propagandistisch
von einer Ausweisung von Bürgern zu sprechen. Das Politbüro beauftragte das
Mitglied Joachim Herrmann dementsprechend und die Kontrolle der Medien seitens
der Partei noch einmal verdeutlichend: „[...] 5. Über diesen humanitären Akt
der Regierung der DDR ist ein Kommentar in der Presse, im Rundfunk und im
Fernsehen zu veröffentlichen. Verantwortlich: Genosse J. Herrmann“[243].
Am 1. Oktober wurde daher in
der Aktuellen Kamera zunächst vom Sprecher der humanitäre Charakter der
Entscheidung betont. Im Anschluss an die Meldung sprach Olaf Dietze zu diesem
Thema einen Kommentar, der im Nachhinein von vielen als Höhepunkt der
staatlichen Ignoranz gegenüber den sich dramatisierenden Verhältnissen im Land
bewertet wurde und bis in die Partei hinein die Handlungsunfähigkeit der Regierung
unterstrich[244]. Unter dem
Titel „Sich selbst aus unserer Gesellschaft ausgegrenzt“ sprach Dietze
bezüglich der Flüchtlinge den oft zitierten Satz, den Honecker eigenhändig in
diesen Kommentar eingefügt hatte: „Man sollte ihnen deshalb keine Träne nachweinen“[245].
Die Fluchtwelle, die im Oktober trotz weiterer Einschränkungen der
Reisemöglichkeiten in mittlerweile alle sozialistische Länder weiterlief, war
das „kritische Ereignis“, dass „zuvor latente in nunmehr manifeste
gesellschaftliche Krisen umschlagen ließ“[246].
Nach Pierre Bourdieu sind dafür die „elementare Gemeinsamkeit kollektiver
Gefühlslagen“ und die „Synchronisierung der latenten Krisen der einzelnen
Felder“ wie die Kritik an der Versorgungslage, an der mangelnden
Reformbereitschaft der politischen Führung und den Einschränkungen der
allgemeinen Reisefreiheit notwendig[247].
Dieses kritische Ereignis führte zur Erstarkung einer schon existenten, aber
relativ marginalen Opposition. Es entstand ein „kollektiver Akteur“ (Raschke),
der immer mehr Unzufriedene um sich scharen konnte („Mobilisierung“). Dazu
benötigten die verschiedenen oppositionellen Gruppen, wie eingangs beschrieben,
die Medien.
Die Berichterstattung der
DDR lässt erahnen, dass sie nicht der Teil der zur Verfügung stehenden
Medienlandschaft war, den die Opposition bei der Mobilisierung instrumentalisieren
konnte. Bis Ende September wurde die Opposition in der Aktuellen Kamera
nicht einmal thematisiert. Erst am 21.9.
wurde darüber berichtet, dass ein Antrag des Neuen Forums auf Zulassung nicht
akzeptiert wurde, da die Gründung einer solchen Vereinigung „verfassungswidrig“
und „staatsfeindlich“ sei[248].
Wieder wurde in der Aktuellen Kamera vorausgesetzt, dass man die Information,
dass eine Gruppe namens „Neues Forum“ eine Antrag auf Zulassung gestellt hatte,
aus einer anderen Quelle entnommen hatte, denn von der Beantragung selber
meldete die Aktuelle Kamera Tage zuvor nichts.
Am Rande der
Jubiläumsberichterstattung wurde – als letzte Meldung – am 8. Oktober auch das
erste Mal von Demonstrationen berichtet. Unter dem propagandistisch verzerrten
Titel im Hintergrund der Sprecherin „Störung der Volksfeste“ wurde von einer
nicht genannten Anzahl von „Randalierern“ gesprochen, die im „Zusammenspiel mit
westlichen Medien“ auf dem Alexanderplatz in
Ostberlin agiert hätten, um die
Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR zu stören. Lediglich der Hinweis,
dass „republikfeindliche Parolen“ gerufen wurden, ließ auf eine politischen
Hintergrund schließen, eine Erläuterung etwaig geäußerter Forderungen gab es
jedoch nicht[249].
Tatsächlich fand eine Demonstration statt, die, wie schon an jedem 7. des
Monats seit den Kommunalwahlen zuvor, den Wahlbetrug anprangerte. Dabei kam es
auch zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, die sich am Folgetag in
abgeschwächter Form wiederholten[250].
Auch am 9. Oktober wurde
noch einmal auf die Ereignisse am 7. Oktober eingegangen: In einem von Olaf
Dietze verlesenen Kommentar hieß es: „Die Randalierer haben ins Visier
genommen, was hier aufgebaut wurde und weiter aufgebaut wird, eben den Sozialismus.
Das ist auch der Auftrag der Reporter aus dem Westen, wenn sie sich in unserem
Berlin zum Schrittmacher antisozialistischer Attacken machen, ja Aktionen
direkt dirigieren. Hano vom ZDF[251]
und andere waren ständig mittendrin. Wenn die Kameras rot zeigten, wurden die
vorgebeteten Parolen nachgebrüllt. [...] Es steht fest, dass die Randalierer,
zumal ferngesteuert, hier niemanden repräsentieren, allenfalls sich selbst. Insofern
werden sie keine Chance haben“[252].
Der Kommentar wurde mit Fotografien von
Ausschreitungen unterlegt, womit zu ersten Mal überhaupt im DDR-Fernsehen etwas
von den Demonstrationen zu sehen war. Die scharfen Töne Dietzes ließen
noch kein Einlenken seitens des Regimes erkennen, zumal die Zuschauer
nachdenklich stimmen musste, dass als erste Meldung der gleichen Sendung über
den Besuch des stellvertretenden chinesischen Ministerpräsidenten Yao Yilin in
der DDR berichtet wurde. Vor dem Hintergrund der Ereignisse auf dem Platz des
Himmlischen Friedens im Juni war diese Platzierung und das Zitat Yilins, „in
diesem Sinne bestehe eine grundsätzliche Lehre aus dem konterrevolutionären
Aufruhr in Peking sowie der gegenwärtigen Hetzkampagne gegen die DDR und andere
sozialistische Staaten darin, unbeirrt an den Grundwerten des Sozialismus
festzuhalten“[253], eindeutig
als Warnung an die Oppositionellen im eigenen Land zu verstehen. Es sollte aber
eine der letzten Sendungen der Aktuelle Kamera im diesem aggressiven und
die Situation in der DDR ignorierenden Stil gewesen sein.
Nahezu parallel zur
Ausstrahlung der Aktuellen Kamera fand in Leipzig die für die weitere
Entwicklung wichtigste Demonstration statt. Nach dem z.T. gewaltsamen Einschreiten
der Sicherheitskräfte bei oppositionellen Demonstrationen der Vortage wurde in
Leipzig bei der in den Wochen zuvor in der Teilnehmerzahl stetig ansteigenden
Montagsdemonstration ein Fanal des Staates befürchtet, dass die Ausmaße des
Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens haben könne.
Tatsächlich standen am Abend
in den Seitenstraßen etliche Mannschaftswagen von Polizei und Armee. Im Laufe
des Tages hatten sich aber verschiedene Stellen in die gefährliche Situation
eingeschaltet. Zunächst korrigierte die Parteispitze (hier: Krenz und Mielke)
die Anweisung Honeckers, die Demonstration zu unterbinden und forderte nun
lediglich „reaktive Maßnahmen“, also den Schutz von staatlichen Einrichtungen[254].
In Leipzig selbst reagierten die SED-Bezirkssekretär Kurt Meier, Jochen Pommert
und Roland Wötzel sowie der Chefdirigent des Gewandhauses, Kurt Masur, der
Pfarrer Peter Zimmermann und der Kabarettist Bernd Lutz Lange mit einem viel
beachteten Aufruf zur Besonnenheit auf beiden Seiten. Dieser Aufruf wurde auch
im Stadtrundfunk verlesen[255].
Am Abend kam es dann zu
einer Demonstration von 70.000 Menschen, die weitgehend friedlich verlief. Die
Demonstranten boten keine Angriffsfläche und ließen sich von den anwesenden
Hundertschaften weder beängstigen noch provozieren[256].
Damit zeigte auf der einen Seite die Bürgerbewegung Friedlichkeit, aber auch
die wachsende Stärke ihrer Proteste. Auf der anderen Seite zeigt die
Staatsführung das erste Mal die Einsicht – wenngleich in auch recht passiver
Art -, dass sich die Konfrontation zwischen Staatsführung und Opposition nicht
mehr gewaltsam lösen lässt[257].
Dieses war der bourdieu`sche “kritische
Moment” im Sinne
von Bourdieu, “in dem - gegen die alltägliche Erfahrung der Zeit als
bloße Weiterführung der Vergangenheit oder einer im Vergangenen angelegten Zukunft
- alles möglich wird (oder doch erscheint), in dem die Zukunft wirklich kontingent,
das Kommende wirklich unbestimmt, der Augenblick wirklich als solcher erscheint
- in der Schwebe, abgehoben, ohne vorhergesehene oder vorhersehbare Folge“, der
sich zum Wendepunkt im Widerstand gegen das SED-Regime entwickelte[258].
In den DDR-Nachrichten
spielte der bedeutsame, auch von Parteifunktionären getragene Appell keine
Rolle. Dennoch konnte man in der Aktuellen Kamera das erste Mal sanftere
Töne bezüglich der Opposition vernehmen. In einem zeitlich erst weit hinten in
der Aktuellen Kamera platzierten Bericht wurde ein Interview mit einem
Kommandeur einer Kampfgruppe, die auf Seiten der Sicherheitskräfte an der
Demonstration in Leipzig beteiligt war, präsentiert. Dieser sprach im Hinblick
auf die Gewaltlosigkeit auf beiden Seiten von einem „Signal der Vernunft“ und
betonte, dass auch die Mitglieder der Kampfgruppen „Fragen“ und „Sorgen“
hätten, die „zum Teil die gleichen sind, wie der Leute, die auf der Straße waren“.
Dennoch könne man den notwendigen „Dialog“ nicht auf ungenehmigten Veranstaltungen
und „auf der Straße“ führen[259].
Mit dem Senden dieses Interviews deutete sich an, dass die Staatsführung trotz
der ablehnenden Haltung gegenüber Demonstrationen die Notwendigkeit zum Dialog
– auch mit Oppositionellen – erkannt haben könnte.
Dieser Eindruck bestätigte
sich am Folgetag: Das Politbüro brachte in einer von Egon Krenz angeregten und
nur gegen den Widerstand Honeckers diskutierten Erklärung zum Ausdruck, dass
die Ursachen für die Flucht von Tausenden von DDR-Bürgern überall gesucht
werden müsse, „auch bei uns“. Zwar war diese Erklärung, um die Hardliner im
Politbüro zur Zustimmung zu bewegen, noch von den althergebrachten Angriffen
auf das westlichen „imperialistische“ System und seine Medien, eingerahmt.
Immerhin wurde nun aber hinsichtlich der Flüchtlinge nicht mehr der
Honecker-Duktus von vor einigen Tagen verwendet, sondern konstatiert: „Der
Sozialismus braucht jeden“[260].
Die Oppositionellen wurden in dieser Erklärung jedoch mit keiner Silbe erwähnt.
Die nächsten Tage waren in
den Massenmedien der DDR geprägt von vorsichtigen Äußerungen von
Parteifunktionären – vorwiegend der mit der SED verbundenen Blockparteien - ,
die sich für den Dialog mit den Oppositionellen stark machten und Reformen u.a.
im Bereich der Medien forderten[261].
Gleichzeitig spielten aber die Beschuldigungen in Richtung BRD immer noch ein
gewichtige Rolle, und die nochmalige offizielle Mitteilung,
dass die Grenze zur CSSR nun ebenfalls visumpflichtig sei, ließ noch keine
echte Abkehr vom alten Kurs erkennen[262].
Zu einer wirklichen Veränderung führten erst die Ereignisse am 18. Oktober, die zugleich auch der Grund dafür sind, die Betrachtung des DDR-Fernsehens unter dem analytischen Gesichtpunkt dieser Arbeit mit diesem Datum abzuschließen:
Nachdem schon mit der
Erklärung vom 11. Oktober eine Schwächung der Position Honeckers erkennbar war,
beschloss das Politbüro auf seiner Sitzung vom 17. Oktober, dem eiligst
einberufenen Zentralkomitee den Vorschlag zu unterbreiten, den Generalsekretär
Honecker durch Egon Krenz zu ersetzen. Diese Maßnahme schloss die im Rahmen der
Untersuchung wichtige Personalie ein, dass der für Agitation und Propaganda
zuständige Sekretär des Politbüros Herrmann ersatzlos aus seiner Funktion entlassen
wurde[263]. Das ZK
schloss sich diesem Vorschlag an und somit waren die beiden schärfsten Zensoren
des DDR-Fernsehens auf eine Schlag entmachtet. Schon am Abend des
ZK-Beschlusses zeigte sich die Aktuelle Kamera in ungewohnter Aufmachung:
In einem Interview der Aktuellen Kamera wurde der neue Generalsekretär
zwar noch mit einer Mischung von alter Staatsverbundenheit, aber auch neuer
versuchter Lockerheit mit „Herzlichen Glückwunsch zur Wahl vom Massenmedium
Fernsehen!“ begrüßt, bekam dann aber lediglich anderthalb Minuten, um sich zu
dem Ereignis zu äußern; sogar die sonst üblichen langen Funktionsbezeichnungen
entfielen[264]. Dafür sendete
das DDR-Fernsehen am selben Tag eine Rede Krenz’ an die Bürger der DDR. Was angesichts
der Tatsache, dass es sich dabei um die erste Rede eines Generalsekretärs im
Fernsehen seit 20 Jahren handelte, eine ebenfalls bedeutende Geste war. In der
Rede äußerte er nicht nur erste (Selbst-)Kritik an der bisherigen Politik der
Staatsführung, sondern sprach auch zur Arbeit der Presse:
„Unsere Republik hat
talentierte, fähige Journalisten mit Freude an der Arbeit, am politischen
Kampf, mit Ideen und Phantasie. Sie drängen darauf, im Gedankenaustausch mit
ihren Lesern, Hörern und Zuschauern unsere Gesellschaft voranzubringen“ [265]
Gleichzeitig erklärte er aber relativierend:
„Unsere Presse kann nicht
Tribüne eines richtungslosen, anarchistischen Geredes werden.“ [266]
Trotz der einschränkenden
Worte, die eher an die althergebrachte Propaganda erinnerten, änderte sich das
Erscheinungsbild der Aktuellen Kamera und der politischen Berichterstattung im
DDR-Fernsehen im allgemeinen radikal. Diskussionen zwischen Bürgern und
SED-Funktionären wurden ins Programm gehoben, in den Nachrichten und den
Zeitungen wurde offen über Demonstrationen und die dabei geäußerten Forderungen
berichtet und auch die oppositionellen Hauptakteure[267]
kamen nun nach und nach zu Wort. Die DDR-Medien haben der im analytischen
Bezugsrahmen referierten These, im selben Verbreitungs- bzw. Sendegebiet
miteinander konkurrierende Medienanstalten (hier: DDR-Fernsehen und ARD/ZDF)
könnten auf Dauer nicht unterschiedliche Schwerpunkte in der Berichterstattung
setzen, Tribut zollen müssen.
Zwar war von diesem
Zeitpunkt an ein Unterschied zwischen Ost- und Westfernsehen, dessen
Berichterstattung im nächsten Kapitel analysiert wird, noch vorhanden, jedoch
nahm die Vermittlung von Fakten im DDR-Fernsehen nun einen so hohen Stellenwert
ein, dass die Herkunft des Wissens unterhalb der DDR-Bevölkerung bezüglich
oppositioneller Aktivitäten nicht mehr eindeutig westlichen
Nachrichtensendungen zuzuordnen ist. Damit soll jedoch nicht von vornherein
bestritten werden, dass die Berichterstattung des Westfernsehens über die
Ereignisse rund um den Mauerfall am 9. November und danach eine wichtige Rolle
bei der Entscheidung vieler Ostdeutscher gespielt haben könnte. Jedoch entzieht
sich dies aufgrund der schlagartig veränderten Medienlandschaft einer
wissenschaftlichen Untersuchung und Beurteilung – zumindest in diesem Rahmen.
Zusammenfassend lässt sich
konstatieren, dass sowohl die Fluchtthematik als auch die oppositionellen
Aktivitäten, die sich zum Teil aus dieser heraus entwickelten, sehr spät und
dann propagandistisch verbrämt in die Nachrichten der DDR Eingang gefunden
haben. Es ist nachgewiesen worden, dass sich – in Bezug auf die vorliegende
Fragestellung – die Opposition nicht des DDR-Fernsehens bedienen konnte, um
Menschen für ihre Zwecke zu mobilisieren. Die Opposition fand im DDR-Fernsehen
bis Mitte Oktober 1989 nicht statt. Hinweise auf oppositionelle Aktivitäten
waren nur zwischen den Zeilen der verlesenen Kommentare zu vernehmen. Jedoch
benötigte man zum Verständnis dieser Hinweise immer Informationen aus anderen
Quellen jenseits der offiziellen Verlautbarungen. Indirekt hatte die Form der
(Nicht-)Berichterstattung über den Massenexodus und die Demonstrationen jedoch
eine wichtige Folge: Die Ignoranz der Staats- und Parteiführung wurde durch die
Medien visualisiert, was viele Menschen zusätzlich auf die Straße trieb. Die propagandistische
Berichterstattung hatte also nicht nur keinen, sondern sogar eine
gegensätzlichen Erfolg.
Zu stark war der Irrglaube
in dem das DDR-Fernsehens kontrollierenden Politbüro – und insbesondere bei
Honecker -, dass man die Meinung der Öffentlichkeit durch Verschleierung,
Agitation und Unwahrheiten beeinflussen könnte. Dabei war es nicht so, dass den
Funktionären die Gefahren, die durch das Westfernsehen für den Machterhalt
entstanden, nicht bewusst waren. Die mangelnde Bereitschaft zum Dialog, die
sich im DDR-Fernsehen manifestierte, war vielmehr ein Zeichen der Hilflosigkeit
gegenüber dem Geschehen an den Grenzen und auf den Straßen. Die verschiedenen
Konfliktlagen verschmolzen zu einem Loyalitätsproblem für die alte Führung, das
diese nicht mehr lösen konnte.
In diesem zentralen Kapitel
soll gezeigt werden, wie das Westfernsehen die Ereignisse in der DDR sowie die
damit zusammenhängende Fluchtbewegung darstellte und beeinflusste. Dazu sollen,
ähnlich wie im vorangegangenen Kapitel, die Themen systematisch behandelt
werden: Nach Berücksichtigung der Ereignisse vor dem Hauptbetrachtungszeitraum
sollen die für die Entwicklung der Proteste in der DDR einflussreiche Fernsehberichterstattung
zur Fluchtbewegung, nachfolgend zur Opposition vor ihrer staatlichen
Tolerierung und schließlich über die Opposition nach diesem einschneidenden 9.
Oktober bis zu der schon beschriebenen „Medienwende“ des DDR-Fernsehens beleuchtet
werden[268]. Dazu
werden hauptsächlich die unter der DDR-Bevölkerung beliebtesten und am häufigsten
frequentierten Sendungen der Tagesschau und von Kennzeichen D
analysiert. Diese Untersuchung soll nicht einer quantifizierenden Empirie
gerecht werden, sondern vielmehr an ausgewählten Beispielen und bezüglich
wichtiger historischer Ereignisse in qualifizierter Art und Weise Auskunft
darüber geben, in welcher Form und mit welchen Folgen ARD und ZDF über die im
Fokus stehenden Themen berichtete.
Darüber hinaus soll versucht
werden, Zusammenhänge zwischen der Berichterstattung und den Ereignissen
herzustellen und eindeutige Belege dafür zu suchen, dass die Bürgerrechtler in
der DDR gezielt die Westmedien für die Verbreitung ihrer Forderungen und vor allem
des Wissens über ihre Existenz eingesetzt haben, da ihnen dieser Weg über das
DDR-Fernsehen nicht offen stand. War eine zentrale Feststellung im letzten
Kapitel, dass die Bürgerbewegung im DDR-Fernsehen nicht stattfand, so muss die
These von Raschke, dass eine Bewegung, über die nicht berichtet wird, nicht
stattfindet, in diesem Kapitel verifiziert werden: Denn obwohl im eigenen Land
kaum etwas über die oppositionelle Bewegung berichtet wurde, fand sie
unbestritten statt.
Am 2. Mai, als die ungarische Regierung symbolisch den eisernen Vorhang
zerschneiden ließ, war dieses um die Welt gehende Bild auch in den
westdeutschen Nachrichten zu verfolgen[269].
Die Bilder zeigten Grenzsoldaten bei dem Abbau von Grenzanlagen und dem
Durchtrennen von Stacheldraht.
Der Bericht konnte mit
diesen symbolträchtigen Bildern in der DDR den Eindruck erwecken, als sei es
nun unter vereinfachten Bedingungen möglich, den Ostblock auf in Augen des
SED-Regimes illegale Weise zu verlassen. Auf diese Interpretation seitens der
DDR-Bürger lassen auch diesbezügliche Kommentare von Flüchtlingen schließen.
Gleichzeitig wird ihn ihnen deutlich, dass die tatsächliche Lage an der Grenze
offensichtlich diffus war: „Über die Medien haben wir gehört, der Grenzzaun ist
weg. Dann sind wir hergefahren und sind auf die Stolperdrähte getreten. Die
Posten schirmen die Grenze tiefgestaffelt und dicht ab, da war kein
Durchkommen möglich”[270].
Schon im Mai und Juni
machten sich daher die ersten Ausreisewilligen – noch weitgehend unbemerkt von
den westlichen Medien – auf den Weg nach Ungarn, um zu versuchen, über
Österreich in die Bundesrepublik zu flüchten. Da dies die schon geschilderten
Probleme bereitete, fanden sich daher schon im Juni die ersten Flüchtlinge in der
bundesdeutschen Botschaft ein, um so ihre Ausreise zu erzwingen[271].
Diese Entwicklung hatte für die westlichen Medien offensichtlich noch keinen
hohen Nachrichtenwert, da Botschaftsbesetzungen im kleineren Rahmen in den
Vorjahren schon häufiger stattfanden – „Überraschung und Neuheit“ (Luhmann)
fehlten[272].
Den schon beschriebenen
Schub bekam die Fluchtwelle erst zur Ferien- und Urlaubszeit in der DDR. Ab
August erfuhr das Thema immer mehr Beachtung in den bundesdeutschen
Massenmedien und somit auch im Fernsehen - das Kriterium der Quantität spielte
bei der Selektion nun eine Rolle. In der Tagesschau vom 7.8.1989 wurde
die steigende Anzahl von Flüchtlingen in einen
Zusammenhang mit den stetig
zunehmenden Anträgen auf „ständige Ausreise“ (Ausbürgerung) gesetzt.
Diese Auffälligkeit war auch schon in den Wochen zuvor von bundesdeutschen
Medien diskutiert worden[273].
Zudem wurde in der Nachrichtensendung darauf hingewiesen, dass Reisen von
DDR-Bürgern nach Ungarn „bisher“ noch nicht behindert würden. Der implizierte
Hinweis auf eine mögliche Beschränkung dürfte eine ebenso deutliche Wirkung auf
die Zuschauer in der DDR gehabt haben, wie das von diesem Zeitpunkt an
zunehmend benutzte Extrem- und Rekord-Vokabular, welches die Zuspitzung der
Lage verbal deutlich machen sollte. Schon in dieser Sendung wurde in Bezug auf
die ungarische Botschaft die Formulierung „Jetzt werden Rekorde gebrochen“
benutzt und die Schlagzeile im Hintergrund des Nachrichtensprechers lautete
„Zustrom von DDR-Flüchtlingen“. Die einigen hundert Flüchtlinge in wenigen
Tagen waren im Verhältnis zu den drei Millionen Besuchern aus der DDR im Jahr
und den 50.000 legal ausgereisten DDR-Bürgern jedoch nüchtern betrachtet eine
sehr geringe Zahl, womit die Metapher „Strom“ hier eine sehr stark zuspitzende
Bezeichnung darstellte. Die Wirkung dieser Rekordmeldungen wurde von den
Zuschauern des Westfernsehens in der DDR deutlich wahrgenommen. So klagte ein
DDR-Bürger gegenüber einem westdeutschen Journalisten: „Müßt ihr denn immer die
Zahlen melden? An einem Tag sechzig, an nächsten Wochenende über hundert - das ist doch wie eine Aufforderung an
andere, es denen nachzumachen“[274].
Ähnlich äußerten sich rückblickend ehemalige Oppositionelle, die von einem
„Anheizen“ der Flüchtlingswelle durch die Westmedien sprechen[275].
Die dramatisierende Wortwahl
findet sich auch in den Schriften der alternativen Gruppen wieder, die den
Ausreisewilligen kritisch gegenüber standen. So ist in den „Umweltblättern“ -
versehen mit einem unfreiwilligem Bezug auf die Herkunft - zu lesen: „Wir
erleben in diesen Tagen mit tiefer Anteilnahme den täglichen Massenexodus
(Hervorhebung d. V.) von DDR-Bürgern über die ungarische Grenze in die BRD. Wir
hören und sehen mit Befremden die Frontberichterstattung der Medien“[276].
Mit dem Wort „Frontberichterstattung“ übernahmen die Autoren zugleich einen
Propagandabegriff der DDR-Medien für die westliche Berichterstattung.
In den Folgetagen waren in
der Tagesschau weitere, die Entwicklung sicher verschärfende Berichte zu
sehen. Beispielsweise hieß es in einem Bericht von Wilfried Hommen zur Lage in
Budapest: „Die Menschen in der Botschaft haben einmütig und unmissverständlich
erklärt, dass sie auf keinen Fall in die DDR zurückkehren wollen. Bonn wird sie
andererseits nicht auf die Straße setzen“[277].
Solche Formulierungen hatten das Potenzial, in der DDR den Eindruck zu
erwecken, mit etwas Ausdauer sei die Ausreise über eine Botschaftsbesetzung zu
erzwingen - die Entwicklung der nachfolgenden Monate sollte diese Einschätzung
belegen[278].
So berichtete die Tagesschau
am 14. August, dass immer mehr DDR-Bürgern die Flucht
über die ungarische Grenze gelänge. 200 Menschen hätten die Grenze in den
vorangegangenen drei Tagen überwunden, jedoch wären auch 471 im gleichen
Zeitraum an der Grenze gestellt worden[279].
Damit wurde die Möglichkeit, aber auch die Gefährlichkeit des Grenzübertrittes
noch einmal herausgestellt. Aber auch für die potentiellen
Botschaftsflüchtlinge gab es – vermutlich unfreiwillige – Motivationshilfe. Am
18. August wurde in der Tageschau auf eine eingerichtete Zeltstadt des
Malteser Hilfsdienstes in der Nähe der Botschaft hingewiesen, in der für „für
das leibliche Wohl und die Hygiene [...] gesorgt“ und zudem ausreichend Platz
sei[280].
Am 19.8., dem
Tag des schon erwähnten paneuropäischen Picknicks wurde nicht nur als erste
Meldung gebracht, dass 600 Menschen fliehen konnten, sondern auch die ersten
stereotypen Bilder der westlichen Fluchtberichterstattung bildeten sich:
Aufnahmen von DDR-Bürgern, die ihr Glück kaum fassen konnten und Sätze wie
„Freiheit, ich kann es noch gar nicht fassen“ sagten, waren der Vorgeschmack
auf das, was bei den späteren Fluchten in noch größerem Umfang auf die
Zuschauer in Ost und West zukommen sollte[281].
Zudem wies der ungarische ARD-Korrespondent auf die leeren Wachtürme hin und
erwähnte, dass „bald auch hier alles abgebaut“ werde[282].
Immer wieder wurden auch Superlative bemüht, wie schon am 20.8.1989,
nichtahnend, welche Ausmaße die Flüchtlingswelle noch nehmen sollte: Die
Tagesschau bezeichnete die Flucht von einigen hundert DDR-Bürger als „größte Massenflucht seit dreißig Jahren“[283].
Schon Ende
August wurden die DDR-Bürger auch darauf hingewiesen, dass eine Lösung der
Botschaftsfrage in ihrem Sinne bevorstehe, was den Zustrom von Flüchtlingen in
die Botschaft der Bundesrepublik in Budapest nicht gerade verringerte.
Sehr deutliche Hinweise über
die Lage an der ungarisch-österreichischen Grenze und die Wahrscheinlichkeit
eines gelingenden Fluchtversuches waren nun des öfteren den westdeutschen
Medien zu entnehmen. In der Tagesschau vom 5.9.1989 wurde ein Interview
mit einem DDR-Bürger in der Nähe der österreichischen Grenze unmittelbar vor
seinem Grenzübertritt gezeigt, in dem er seine Entschlossenheit zur Flucht unterstrich.
Bevor er nach seiner gelungenen Flucht noch einmal interviewt wurde, wurden
Bilder im Zwischenschnitt eingeblendet, die eine Gruppe zeigten, welche die
Grenze überschritt. Diese Bilder vermittelten den Eindruck, als handele es sich
bei einer Flucht über die sogenannte grüne Grenze um einen Waldspaziergang. Im
anschließenden Interview verstärkte der Flüchtling diesen Eindruck noch einmal:
„Zwei ungarische Grenzsoldaten haben wir gesehen, aber die waren sehr
freundlich. Die haben mit den Augen gezwinkert und wir konnten weitergehen“[284].
Die Feststellung, dass Berichte dieser Art nicht nur einer Aufforderung,
sondern sogar einer Anleitung zur Flucht gleichkamen, sind angesichts der
Bilder nicht von der Hand zu weisen[285].
Der als „Sensationsberichterstattung“ bezeichnete Journalismus wurde deshalb
nicht nur in der DDR verurteilt, sondern stand auch in der Bundesrepublik unter
heftiger Kritik, da er die Lage in Ungarn sowie die dadurch hervor gerufenen
komplexe Situation im Verhältnis beider deutscher Staaten in den Augen der
Kritiker unnötig verschärfte[286].
Diese „Fernsehfluchthilfe“
potenzierte das Phänomen. Immer mehr fluchtbereite DDR-Bürger sahen, dass ihnen
nun eine Möglichkeit zur Flucht offen zu stehen schien, die im Gegensatz zur
Überwindung der deutsch-deutschen Grenze ein relativ geringes Risiko beinhaltete.
Gleichzeitig wurden auch Menschen von dieser nun langsam tatsächlich die
Ausmaße einer „Fluchtwelle“ annehmenden Entwicklung mitgerissen, die zwar unzufrieden
waren, aber noch nicht ernsthaft über eine Flucht nachgedacht hatten[287].
Bestärkt wurden sie dabei durch die zahlreichen Fernsehinterviews mit Geflüchteten,
die noch einmal ihre Beweggründe schilderten, die oftmals mit der eigenen
Erfahrung im System der DDR übereinstimmten[288].
Auch das Politbüro erkannte intern die Macht dieser Bilder. Politbüromitglied
Axen stellte diesbezüglich auf einer Politbürositzung in der althergebrachten
Feindbildsprache fest, dass „die Attacke des Gegners – mit seinem stärksten
Medium, dem Fernsehen – Wirkung hat“[289].
Zur allgemeinen
Unzufriedenheit kam hinzu, dass die Berichterstattung in den DDR-Medien
unterstrich, wie reformunfähig die Staatsführung war. Die Kommentare im eigenen
Fernsehen waren so unglaubwürdig, dass es selbst an der SED-Basis zu missbilligenden
Äußerungen kam und ausdrücklich auf die Informationshoheit der Westmedien hingewiesen
wurde. So hieß es in einem Bericht der Staatssicherheit über den Unmut unter
den SED-Mitgliedern, „dass sich die überwiegende Mehrheit der DDR-Bevölkerung
nahezu ausschließlich an entsprechenden Sendungen westlicher Medien
orientiere“. Und weiter: „Die politische Meinungsbildung der DDR-Bürger werde
damit in erheblichem Maße von westlichen elektronischen Medien bestimmt“[290].
Nachdem sie am 10. September
im von ihnen bevorzugten Westfernsehen sehen konnten, wie die
ungarisch-österreichische Grenze geöffnet wurde, über die in der Tagesschau
mit einem die Authentizität verstärkenden Originalmitschnitt aus dem ungarischen
Fernsehen berichtet wurde, ging das Risiko zur Flucht gegen Null. Eberhard Büssum,
der ARD-Korrespondent in Ungarn, sprach daher nicht ohne Grund von einer „sensationellen Entscheidung in Budapest“ [291].
Die in dieser Sendung und noch stärker in der Kennzeichen D-Sendung zwei
Tage später angedeutete Möglichkeit, die Grenze könne nur für eine bestimmte
Zeit offen bleiben, musste bei noch Unschlüssigen eine Art Torschlusspanik bewirken[292].
Dazu kamen die emotionalen
Bilder von der Ankunft der Budapester Botschaftsflüchtlinge, die nach der
Grenzöffnung Ungarns mit Bussen oder ihren eigenen Autos die ungarisch-österreichische
Grenze überquerten. Etliche Kamerateams fingen freudestrahlende DDR-Bürger ein,
die – so zeigten es zumindest die Fernsehbilder - überaus freundlich von den
Bundesbürgern empfangen wurden[293].
Zudem wurde in der Tagesschau darauf hingewiesen, dass sich die
Stellenangebote für die Ankömmlinge an den schwarzen Brettern in den
Aufnahmelagern häufen würden. Die DDR-Bürger mussten vermuten, dass ihnen, wenn
sie jetzt nicht flüchteten, eine einmalige Chance auf ein Leben in einer
freundlicheren Welt entgehen würde – zumal im selben Bericht mitgeteilt wurde,
dass zum einen Nachzügler „noch“ eine Chance hätten, diesen Weg zu nutzen, und
zum anderen angedeutet wurde, dass die DDR Reisen nach Ungarn in Zukunft
verbieten könnte[294].
Letzteres wurde zwar nicht
offiziell bekannt gegeben, aber durch die Maßnahmen seitens der DDR-Regierung,
nur noch loyalen Bürgern ein Visum zu geben und den verschärften
Grenzkontrollen an der tschechisch-ungarischen Grenze faktisch durchgesetzt[295].
Dieses Verfahren wurde auch in den Stellungnahmen der Flüchtlinge der Folgetage
und derer, die nun in der Prager BRD-Botschaft Zuflucht suchten, deutlich. Nun
musste, um den sicheren Weg über Ungarn nehmen zu können, oftmals die tschechische
Grenze illegal überschritten werden[296].
Dies führte zu einer dramatischen Lage in der Prager Botschaft, da diese die
einzige bundesdeutsche Botschaft war, welche die DDR-Bürger noch visafrei
erreichen konnten. Während sich an den ersten zehn Tagen des Septembers 1989
nahezu jede Ausgabe der Tagesschau vor allem mit der Lage in der Budapester
Botschaft beschäftigte, rückte nun die diplomatische Vertretung der BRD in Prag
in den Mittelpunkt des journalistischen Interesses[297].
Das Flüchtlingsdrama erfüllte, wenn man den kommunikationstheoretischen Rahmen
dieser Arbeit daran reflektiert, etliche Bedingungen für eine „interessante“
Nachricht: Die DDR-Bürger sorgten mit ihrem Verhalten für einen „Normverstoß“,
bestehende Erwartungen wurden gebrochen, die ständig steigenden Flüchtlingszahlen
erreichten eine quantitativ nicht zu vernachlässigende Größe und kennzeichneten
darüber hinaus einen „schwelenden Konflikt“[298],
der nun allerdings langsam zu einem „Flächenbrand“ für die Legitimation des
SED-Regimes wurde[299].
Die Bedingungen waren zudem,
anders als bei vielen anderen weltweiten Konflikten, gerade für
Fernsehjournalisten ideal: Die Flüchtlinge waren in ihrer Mobilität vor allem
in Prag auf ein lediglich mehrere hundert Quadratmeter großes Terrain beschränkt,
zu dem jedes westdeutsche Kamerateam Zutritt hatte. Die Notlage war mit den
Bildern der Flüchtlinge an den Gittern und auf den Rasenflächen der Botschaften
für den Zuschauer „zum Greifen nah“, gleich ob in Ost oder West[300].
Hinzu kam der leicht zu unterschätzende Fakt, dass es sich dabei um
deutschsprachige Menschen handelte, die mit ihren nicht übersetzten Kommentaren
und Aussagen für eine höhere Authentizität sorgten, als dies Akteure mit
fremder Sprache beim deutschsprachigen Zuschauer bewirkt hätten – ganz davon
abgesehen, dass es sich im rechtlichen Rahmen der Bundesrepublik auch um Bundesdeutsche
handelte, die das Ganze gewissermaßen zu einem
innenpolitischen und damit - kommunikationstheoretisch gesehen - noch
interessanteren Thema machten[301].
Der Druck, der durch die
Bilder auf das SED-Regime entstand, war offensichtlich enorm - die Staats- und
Parteiführung jedenfalls genehmigte die Ausreise nach dem schon beschriebenen
Vorgehen. Jedoch war den Mitgliedern des Politbüros die Ausreise der
Flüchtlinge nicht von ungefähr noch vor dem 7. Oktober ein Anliegen[302].
Wichtiger als das Ansehen ihrer Politik und die Zustände im eigenen Land war
ihnen das makellose Bild zum 40. Jahrestag der DDR[303].
Die Fernsehbilder von der
Ankunft der Flüchtlinge in den westlichen Nachrichten ähnelten denen vom 10.
September, waren aber dadurch, dass die Flüchtlinge noch durch die ihnen
verhasste oder zumindest kritisierte DDR fahren mussten, noch dramatischer. Während
die Budapester Flüchtlinge sich in einem Land befanden, in dem sie wenig zu
befürchten hatten und die Ausreise nach der Öffnung der Grenze quasi nur noch
ein technischer Akt war, konnten die Prager Botschaftsbesetzter erst wirklich
aufatmen, als sie die Bahnhöfe von Hof und Helmstedt - im letzteren kamen die etwa 1000 Flüchtlinge aus der Warschauer
Botschaft an - erreicht hatten.
Daran ändert auch die
Tatsache nichts, dass Ihnen die freie Ausreise vom bundesdeutschen
Außenminister höchstpersönlich in der Prager Botschaft verkündet wurde. Dieser
hatte die historische Stunde erkannt und war nach Prag gekommen, um die von ihm
mit DDR-Außenminister Fischer verhandelte Ausreiseerlaubnis zu verkünden: „Wir
sind zu Ihnen gekommen, um ihnen mitzuteilen, dass heute ihre Ausreise...“[304].
Weiteres war im Jubel der in das kollektive Gedächtnis eingegangenen
Fernsehaufnahmen nicht mehr zu hören, denn die Botschaftsbesetzer konnten sich
das Ende des Satzes ausmalen. Die lautstarke Freude musste für den Zuschauer
symbolisch wie ein Aufschrei der Befreiung von einem autoritären Regime
vorkommen, auch wenn die Erleichterung teilweise mit dem Ende des Lagerns in
der Botschaft zusammenhing, deren Personal aufgrund der für ein solche
Menschenansammlung nicht konzipierten diplomatischen Vertretung mit
hygienischen Problemen und psychosozialen Spannungen konfrontiert war.
Ähnliche Gedanken werden die
Bilder der Ankunft der Züge in der Bundesrepublik hervorgerufen haben. Die
Flüchtlinge wurden mit Applaus von Tausenden Bundesbürgern, z.T. aber auch über
Ungarn geflohenen DDR-Bürgern begrüßt. Im Fernsehen zu sehende Transparente wie
„Wir kamen aus Ungarn Ihr aus Prag die Zone ist bald ein leerer Sarg!“[305]
machten auf drastische Art auch dem Zuschauer in der DDR die Brisanz dieser
Fluchtbewegung deutlich. Hinzu kamen die schon von der Grenzöffnung in Ungarn
bekannten Bilder von glücklichen und erleichterten Menschen. Wieder wurde die
DDR als unfreier Staat präsentiert, in dem die Menschen sogar die größten
Strapazen auf sich nehmen, um aus ihm zu fliehen – als wenn sie sich vor einer
„Naturkatastrophe“ retten müssten, wie die Zeit damals formulierte[306].
Für die DDR-Bürger war das nicht nur unter dem Gesichtspunkt des Verlustes
vieler Freunde oder des schwindenden Glaubens an Reformen schwer zu ertragen.
Vielmehr fühlten sie sich durch die westliche Berichterstattung gedemütigt,
Berichte wie „Die ersten Schritte in der Freiheit“ und Bilder der Botschaftsbesetzer
erweckten den Eindruck, der Staat DDR sei in keiner Weise lebenswert: „Wenn
immer wieder gezeigt wird, wie unsere Leute den Zaun der Prager Botschaft
überklettern, dann mag euch das spannend vorkommen und auch gefallen; uns geht
es an die Würde“[307].
Die Kommentare der aus Prag
ankommenden Flüchtlinge vervollständigten diese Demütigung: „Endlich Freiheit,
wunderbar! Es wurde viel für uns getan. Wir freuen uns sehr, dass wir hier
sind.“[308]. Eingedenk
der Tatsache, dass die DDR-Zuschauer am gleichen Abend in der Aktuellen Kamera
den Kommentar mit der Formulierung „Man sollte ihnen deshalb keine Träne
nachweinen“ sehen konnten, war die Steigerung der Frustration, aber auch der
Wut unter der Bevölkerung der DDR auf die Regierung, z.T. aber auch auf die Flüchtlinge
eine logische Folge[309].
Die schnelle erneute
Besetzung der Botschaft in Prag zeigte die schon im Fall Budapest thematisierte
Torschlusspanik: Innerhalb von 48 Stunden hatten sich wieder 2000 DDR-Bürger
auf dem Botschaftsgelände eingefunden. Das Politbüro griff nun zur letzten
Möglichkeit, das Schlupfloch Botschaft zu stopfen und riegelte die Grenze zur
CSSR für den visafreien Verkehr ab[310].
Gleichzeitig beschloss das Politbüro am 3.10.1989, die noch in der Prager
Botschaft befindlichen DDR-Bürger wieder über die DDR ausreisen zu lassen. Über
diese Entscheidung wurde am gleichen Tag in der
Tagesschau berichtet[311].
Die Versuche von Hunderten von Ausreisewilligen in Dresden, an die Gleise heranzukommen,
über denen die Reichsbahnzüge aus Prag noch in der gleichen Nacht rollen
sollten, zeigen nicht nur die Verzweiflung der nun eingeschlossenen DDR-Bürger,
sondern auch die Bezugnahme auf die Westmedien. Die Information über den
Abfahrtszeitpunkt konnten die Fluchtwilligen nur aus den Westmedien haben – die
DDR-Medien berichteten darüber nicht[312].
Zum anderen hatte die Tagesschau am 1.10.1989 berichtet, dass beim ersten
Durchfahren der Züge tatsächlich einige den Aufsprung geschafft hätten und
präsentierte einen auf diese Weise Geflüchteten, der im Dresdener Bahnhof auf
den Zug aufgesprungen war: „Ich bin gerade rein, da ist er gerade losgerollt.
Dann haben sie die Türen von innen aufgemacht und sofort mit hereingezogen“[313].
Die Ausreisewilligen am
Dresdner Bahnhof waren zu allem bereit: Sie begegneten der Gewaltanwendung der
Polizei mit Gegengewalt[314].
Die unter anderem durch diese Ausschreitungen hervorgerufene eintägige
Verzögerung der Abfahrt der Züge sorgte am Folgetag noch einmal für
Ausschreitungen, die selbst am 6. und 7. Oktober, als – wie allseits bekannt
war – keine Züge mehr fuhren, anhielten[315].
Von nun an waren aber die
Fluchtmöglichkeiten so weit eingeschränkt, dass das Thema in den Westmedien
etwas in den Hintergrund geriet: Das beherrschende Thema wurde mehr und mehr
die Opposition. Denn die Bilder der Botschaftsbesetzungen und die Flüchtlinge
an der ungarisch-österreichischen Grenze waren für viele DDR-Bürger, die sich trotz allem an
ihrenmit ihrem Staat glaubtenidentifizierten,
aber auch für diejenigen, die ihm ablehnend gegenüberstanden, aber nicht Freunde
und Heimat aufgeben wollten, nur schwer zu ertragen. In den Bildern und noch
mehr in den Kommentaren spiegelte sich
- wie gezeigt – die gesammelte Unzufriedenheit der DDR-Bürger wider. Mit
den Fernsehaufnahmen der Flüchtlinge, die bei ihrer jeweiligen Ankunft jubelten
und strahlten, als wenn sie einem Terrorregime entkommen wären, entstand ein
gewaltiges Bedürfnis unter den Daheimgebliebenen, nicht mehr nur die einzelnen
„latenten Krisen“, die für die entstandene Situation verantwortlich waren und
die zum „kritischen Ereignis“ Ausreisewelle geführt hatten, zu beheben, sondern
die DDR selbst zu verändern[316].
Dieses kritische Ereignis
konnte den DDR-Bürgern – wie in diesem Kapitel gezeigt – nur über die Berichterstattung
im Westfernsehen bewusst werden, da das DDR-Fernsehen nur verfälschend und
verharmlosend auf diese Thematik einging. Die vielfach kritisierte Sensationsberichterstattung
in bezug auf die Flüchtlinge war zunächst eine Motivationshilfe für
Fluchtwillige, wirkte andererseits aber zunehmend als Katalysator für die
Einsicht der Daheimgebliebenen, nur durch eigenen Protest ließe sich etwas in
der DDR ändern. Die Fluchtberichterstattung war damit ein von der Bürgerbewegung
nicht zu steuernder Mobilisierungsfaktor, den diese aber, wie im nächsten Kapitel
zu verfolgen ist, in ihre eigenen Mobilisierungsstrategien einbaute.
Nachdem die Flucht von
Zehntausenden von DDR Bürgern die „schwelende Legitimationskrise zu einem
Flächenbrand“ [317] hatte
werden lassen, schlug die Stunde der Opposition. Die Ereignisse führten zu
einer „Überwindung der bewegungsfeindlichen Strukturen“ und der daraus
resultierenden massenhaften Mobilisierung von vorher Inaktiven für die Anliegen
der Bürgerbewegung und wenig später auch darüber hinaus[318].
Im Folgenden soll daher auf
der einen Seite die Entwicklung der Inanspruchnahme des Westfernsehen seitens
der Bürgerrechtsgruppen und Oppositionellen, auf der anderen Seite die
Rezeption und deren Wirkung bei den (noch) nicht Aktiven – also beide Seiten
der Mobilisierung für eine soziale Bewegung - untersucht werden.
Die Opposition hatte im Jahr
1989 von Januar bis September in wesentlich geringerem Maße Zugang zu den
Westmedien, als dies ab Mitte September der Fall war. Größere Ausnahmen gab es
nur wenige:
Während die DDR-Medien über
die oppositionellen Unmutsbekundungen zur Rosa-Luxemburg-Demonstration und zur
Kommunalwahl schwiegen, berichtete das Fernsehen der Bundesrepublik ausführlich
darüber[319]. Besonders
zur Kommunalwahl gab es für die im Rahmen dieser Analyse aufschlussreiche
Berichte.
Einer der Ostberliner
Korrespondenten der Tagesschau, Claus Richter, berichtete am Tag der Wahl mit kritischem Unterton:
„Überraschungen sind keine zu erwarten. Das Ergebnis steht schon lange fest.“.
Im gleichen Bericht wurde ein Paar vor einem von den staatlichen Stellen
ausgesuchten Wahllokal interviewt, in dem dieses relativ offen zum Ausdruck
brachte, dass das Wahlgesetz der DDR einer Reform bedarf – jedoch nach
gleichlautender Frage seitens des Korrespondenten[320].
Darüber hinaus wurde über die für demokratische Wahlen nicht geeigneten
Verhältnisse berichtet, wie der mangelnden Bereitstellung von Stiften und
Wahlkabinen sowie der großen Courage, die es erfordere, die vorhandenen Kabinen
überhaupt zu benutzten.
In einem anderen Bericht
schilderte Hans-Jürgen Börner (ARD), im Hintergrund das Ortseingangsschild von
Leipzig, dass die Staatssicherheit der ARD verboten habe, in Leipzig Aufnahmen
zur Wahl zu machen. Börner gab im Bericht zu, eigentlich eine oppositionelle
Aktion einer „Initiative zur demokratischen Erneuerung der Gesellschaft“, deren
Aufruf in dem Bericht eingeblendet wurde, filmen zu wollen. Aber nicht nur hier
wird schon deutlich, dass die noch zahlenmäßig relativ marginalen Oppositionsgruppen
und Initiativen gute Kontakte zu westlichen Korrespondenten hatten. Am gleichen
Abend wurden etliche Journalisten zu einer „Wahlparty“ der Bürgerrechtsgruppen
in die Berliner Elisabeth-Kirche eingeladen, bei der in deren Beisein über Gegenmaßnahmen
bezüglich der vermuteten Wahlfälschung beraten wurde[321].
Auch in Kennzeichen D
wurde über die Wahl berichtet. Während am 10.Mai nur eine gut einminütige
Kolumne unter dem Titel „Erich währt am längsten...“ mit Ausschnitten aus der
Aktuellen Kamera zu sehen war[322],
kam in der Sendung vom 24. Mai eine etwas ausführlichere Reportage über die
Zweifel an der korrekten Auszählung, in der auch oppositionelle DDR-Bürger
gezeigt wurden, die Strafanzeige wegen Wahlbetrugs stellen wollten[323].
Dieses Ereignis, dass in
gewisser Weise der Auftakt für das Wendejahr 1989 in der DDR war, zeigt in
exemplarischer Weise das Zusammenwirken von westlichen Medien und ostdeutscher
Bürgerbewegung, wie es sich im Laufe des Jahres noch des öfteren wiederholen
sollte. Oppositionelle spielten den Journalisten systemkritische Flugblätter
zu, informierten sie regelmäßig über ihre Aktionen, standen für Interviews zur
Verfügung und ließen sie, wie im Fall der Wahlparty, sogar zum Teilnehmer an
einer systemkritischen Veranstaltung werden.
Die Staatssicherheit ließ
solch ein Verhalten schon im Juni 1989 zu einer im Zusammenhang dieser Studie
interessanten Schluss kommen:
„In der DDR akkreditierte
Korrespondenten und Mitarbeiter diplomatischer Vertretungen (...) nehmen in
diesem Prozeß einen maßgeblichen Stellenwert ein. Sie inspirieren feindliche,
oppositionelle Kräfte und personelle Zusammenschlüsse zu antisozialistischen
Aktivitäten, gewähren ihnen fortlaufend Unterstützung und popularisieren diesbezügliche
Handlungen mit dem Ziel, solche Personen und Zusammenschlüsse unter den Schutz
der internationalen Öffentlichkeit zu stellen.“[324]
Auch wenn dieser Auszug
propagandistisch eingefärbt war, hatten die internen Stasiunterlagen oft einen
wahren Kern. Insbesondere der Aspekt des internationalen Schutzes spielte bei
den Oppositionellen eine wichtige Rolle. Man verließ sich bei der Aktionsplanung
z.T. ausdrücklich darauf, dass die Westmedien diese mit ihrer Anwesenheit erst
ermöglichten. Gerd Poppe (IFM) stellte rückblickend dazu fest: „Wenn wir zum Beispiel
in den achtziger Jahren eine kleine Aktion in der Öffentlichkeit machen
wollten, war die einzige Chance, dabei nicht von der Stasi weggefangen zu
werden, dass wir das Fernsehen dabei hatten“[325].
Oftmals hatte in der Vergangenheit
die durch die Westmedien geschaffene internationale Öffentlichkeit darüber
hinaus die Freilassung von Festgenommenen nach systemkritischen Aktivitäten
zumindest beschleunigt[326].
Bärbel Bohley plädierte aber schon 1988 dafür, sich nicht nur auf die westliche
Berichterstattung und des daraus resultierenden möglichen Drucks auf die SED zu
verlassen, sondern sich vielmehr auf die eigenen Stärken zu besinnen: „ [...]
jede Festnahme wird in den Westen gemeldet in der Hoffnung, Hilfe kommt von
außen. Entweder vom Westen oder die, die sich für ganz progressiv halten,
hoffen auf den Osten. Beide werden uns erst einmal nicht helfen. [...] Wir
müssen das schon alleine machen.“[327]
Diese Aussage ist im Rückblick umso erstaunlicher, als dass Bärbel Bohley im
Jahr 1989 eine der Figuren der oppositionellen Szene werden sollte, die im
Westfernsehen am präsentesten war und somit die von ihr selbst kritisierte
Schutz- und Förderfunktion der Westmedien in erheblichen Ausmaß zu nutzen wusste.
Westliche Medien spielten auch
bei den DDR-internen Protesten gegen die Niederschlagung der Studentendemonstrationen
auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking eine bedeutende Rolle. Zum
einen, weil durch den schroffen Gegensatz der Berichterstattung der beiden
Fernsehsysteme (Ost und West) noch deutlicher wurde, wie propagandistisch das
DDR-Fernsehen agierte, zum anderen, weil die Aktionen wiederum über die
Westmedien publik gemacht wurden[328].
Die Bürgerrechtsgruppen bezogen sich bei ihren Veranstaltungen in diesem
Zusammenhang ausdrücklich auf die Westmedien, um den mangelnden Wahrheitsgehalt
der DDR-Massenmedien bloßzustellen. So wurden bei einer Protestaktion, dem
sogenannten Trommelfasten in der Erlöserkirche vom 25. bis 28.6.1989 explizit
Informationen aus den Westmedien mit denen der DDR-Medien verglichen, um den
demagogischen Charakter der staatsgelenkten Presse herauszuarbeiten[329].
Über diese Veranstaltungen berichtet auch das Westfernsehen, unter anderem mit
einem Interview mit Rainer Eppelmann[330].
Im Sommer des Jahres 1989 war
die Opposition öffentlich sichtbar kaum aktiv, so dass sich auch in den
Westmedien kaum über sie berichtet wurde. Zudem nahm die beginnende
Fluchtberichterstattung, deren Bilder erst einmal spektakulärer waren als die
von Oppositionellen in einer Kirche, jetzt den Raum in den Fernsehberichten ein[331].
Diese im letzten Kapitel
beschriebenen Fluchtbilder waren es auch, die den einzelnen Initiativen und
Oppositionellen den letzten Ansporn gaben, ihre Aktivitäten organisierter und
öffentlicher durchzuführen. Sie ertrugen es nicht mehr, dass sich so viele Mitbürger
vom Westfernsehen zur Flucht animieren ließen[332].
Die Aktionen innerhalb der Kirche wurden forciert, aber es wurden jetzt auch
Strategien für die Arbeit außerhalb dieses Schutzraumes umgesetzt.
Die westlichen Medien
suchten nun zudem vermehrt Kontakt zu politisch profilierten Bürgern der DDR,
die eine Stellungnahme zum Flüchtlingsdrama und dem Ausweg aus diesem Dilemma
abgeben konnten und wollten. So wurden in Kennzeichen D neben ehemaligen
DDR-Bürgern (Erich Loest, Jurek Becker)[333]
mehr und mehr als staatskritisch und oppositionell geltende Personen
interviewt, z.B. der damalige Vorsitzende des DDR-Kirchenbundes Manfred Stolpe
sowie der Pfarrer und spätere Mitbegründer des „Demokratischen Aufbruchs“,
Friedrich Schorlemmer[334].
Auch im heute-journal und den Tagesthemen/Bericht aus Bonn kam
kritische DDR-Prominenz zu Wort und appellierte an die Besonnenheit der
Fluchtwilligen[335].
Der erste Bericht von einer
Montagsdemonstration in Leipzig war in der 20 Uhr-Tagesschau vom
4.9.1989 als erste Meldung zu sehen. Die erste Demonstration nach der
Sommerpause fand unter besonderen Bedingungen statt: Zur gleichen Zeit fand die
Leipziger Messe statt, zu der gewöhnlich immer viele westliche Journalisten
akkreditiert wurden, um von dieser für die DDR-Wirtschaft wichtigen
Leistungsschau berichten zu können. Es war daher für die Sicherheitsorgane
schwierig, Dreharbeiten in Leipzig zu verhindern. So konnte die Tagesschau
einen längeren Bildbericht über die Demonstration bringen und auch das
Einschreiten der Staatssicherheit dokumentieren. Im Bericht war zu sehen, wie
das Transparent mit der Aufschrift „Für ein offenes Land mit freien Menschen“
unmittelbar nach seiner Entfaltung von zivilen Polizisten oder Mitarbeitern der
Staatssicherheit heruntergerissen wurde, was eine Rangelei zwischen Demonstranten
und den einschreitenden Sicherheitskräften zur Folge hatte. Begleitet wurde
diese von dem Ruf etlicher Demonstranten „Wir wollen raus!“[336].
Diese Parole machte besonders deutlich, welche Teile der Oppositionellen
oftmals zu radikaleren Methoden griff: Die Ausreisewilligen stellten schon
immer einen bedeutenden Anteil an den verschiedenen Oppositionsgruppen. Sie
erhofften sich durch die Teilnahme an solchen Veranstaltungen in vielen Fällen
eine schnellere Ausreisegenehmigung – und die DDR-Führung gab ihnen häufig
damit Recht. So wurden vor der Kommunalwahl 1989 allein in Leipzig 2000
„Antragssteller auf ständige Ausreise“ ausgewiesen, um aggressive Proteste von
deren Seite zu verhindern[337].
Für die Kamerateams der westlichen Fernsehsender waren die Ausreisewilligen
daher immer ein Garant für spektakuläre Bilder - wie bei dieser
Montagsdemonstration. Diese suchten den Konflikt mit der Staatsmacht und
gefährdeten damit oftmals die Strategie der friedlich demonstrierenden und
weniger aggressiv agierenden Oppositionellen, was wiederholt für Konflikte
beider Gruppen miteinander führte. Dennoch können die Ausreisewilligen
rückblickend als diejenigen betrachtet werden, die mit ihrem (Un-)Mut die ersten
öffentlichkeitswirksamen und damit mediengerechten Aktionen initiierten[338].
Andererseits wurde in diesem Tagesschau-Bericht
auch darauf hingewiesen, dass sie lediglich die Hälfte der Demonstranten
stellten, und die andere Hälfte „oppositionelle Gruppen“ seien, „die bleiben
wollen, aber für Reformen im Land auf die Straße gehen“[339].
Darüber hinaus stellte der Korrespondent Horst Hano eine neue Qualität des
Engagements fest, in dem er bemerkte, dass letztere „dafür hohe Geldstrafen und
neuerdings auch Freiheitsstrafen riskieren“ würden[340].
Der Zuschauer in der DDR konnte sich folglich
davon überzeugen, dass die Proteste eine höhere Stufe
erreicht hatten und zunehmend ernster zu nehmen waren. Gleichzeitig
konnte er im Umgang der Sicherheitskräfte mit den Demonstranten entnehmen, dass
die SED in keiner Weise gewillt war, sich auf einen Dialog einzulassen.
Der Eindruck, dass sich in
der DDR immer mehr Menschen nicht mit dem von ihnen als frustrierend
empfundenen Zuständen abfinden wollte, zeigte wenige Tage später auch der
Bericht von einer Demonstration auf dem Alexanderplatz sowie der Meldung, dass
Bürgerrechtsgruppen in einem Brief an das Zentralkomitee der SED eine „Öffnung
und Demokratisierung“ verlangen würden[341].
Eine Initialzündung für die
Mobilisierung von noch Inaktiven stellte aber die Meldung dar, dass sich eine
oppositionelle Gruppe namens „Neues Forum“ um eine staatliche Zulassung bemühen
wolle[342]. In der
Sendung Kennzeichen D vom 13.9.1989 wurden zwei der Wortführer dieser
Vereinigung vorgestellt: Rolf Henrich und Bärbel Bohley. Um das Interviewverbot
für westliche Korrespondenten zu umgehen, fertigten beide ein Amateurvideo an,
um eine selbstgesprochene Stellungnahme für die Westmedien anbieten zu können[343].
Diese Methode wurde von Bohley des öfteren angewandt, um die Akteure des Neuen
Forums über das Westfernsehen bekannt zu machen[344].
Zugleich war es
eine der Bemühungen, die am deutlichsten belegen, dass die Opposition in der
DDR die Tatsache, dass nur über die Westmedien eine für die Mobilisierung
notwendige Publizität zu erreichen war, deutlich erkannt und genutzt hat.
Nicht zu verifizieren ist in
diesem Zusammenhang die Ansicht der Staatssicherheit in einem internen
Lagebericht, das Equipment für solche Aufnahmen sei z.T. von westlichen
Journalisten illegal in die DDR eingeführt worden, um die Selbstdarstellung der
Opposition fernsehtauglich zu ermöglichen. Abwegig ist diese Behauptung jedoch
nicht, denn die an gleicher Stelle gemachte Bemerkung, westliche Korrespondenten
würden auch Materialien für die Herstellung von Druckerzeugnissen einschmuggeln,
entsprach den Tatsachen – und zeigt erneut die geringe Distanz zwischen
Berichterstatter und Berichtsgegenstand[345].
Die Chance der aktiven
Mobilisierung nutzend forderte Henrichs im besagten Video die Bürger in der DDR
auf, sich nicht ihrem Schicksal zu ergeben. Sein direkter Blick in die Kamera
hatte fast den Charakter einer Rede an das Volk:
„Das Entscheidende ist für
mich, dass sich eine totale Perspektivlosigkeit breit macht unter den hier lebenden
Menschen und niemand kann ohne eine Perspektive leben – auch nicht der
DDR-Bürger. Wenn das tatsächlich so ist, dann müssen wir jetzt - und zwar sehr
schnell - unser Schicksal in die eigenen Hände nehmen. Dann müssen wir uns zur
Opposition formieren, um als Opposition über die Perspektive unseres Landes
nachzudenken. Insoweit halte ich es für
wichtig, dass wir eine breite Plattform schaffen, von der aus die Menschen
politisch-alternativ handeln können.“[346]
Ähnlich, aber konkreter auf
die Fluchtwelle eingehend, äußerte sich Bärbel Bohley:
„Das sind die Menschen, die
eigentlich nicht mehr glauben, dass sie in diesem Land hier etwas verändern
können (...). Sie gehen weg, und das ist eigentlich die (..) potentielle
Opposition, die hier in diese Land etwas verändern könnte.“[347]
Damit sprach sie das Thema
an, welches die Menschen in der DDR am meisten beschäftigte. Auch in den
Gründungspapieren vom Neuen Forum und der anderen, nun entstehenden
organisierten oppositionellen Gruppen nahm die Fluchtwelle einen hohen
Stellenwert bei der Motivationsbeschreibung der Akteure ein. Das Neue Forum
sprach in seinem Gründungsaufruf von „massenhafter Auswanderung“ und
„Fluchtbewegungen dieses Ausmaßes“, an denen die gestörte Kommunikation
zwischen Staat und Gesellschaft deutlich würde[348].
Der Demokratische Aufbruch formulierte: „Immer mehr Menschen verlassen es [das Land, d.V.], sie haben die
Hoffnung auf ein sinnvolles Leben hier aufgegeben. Andere bleiben und suchen
nach Wegen, endlich zu tun, was getan werden muß. Nötig ist eine demokratische
Umgestaltung“[349].
Diese Aufrufe, die unter den
gegebenen Bedingungen lediglich in hektographierter Form verbreitet werden
konnten, hätten nie von einer für eine ausreichende Mobilisierung notwendigen
Anzahl von Bürgern zur Kenntnis genommen werden können, wenn es nicht die
Westmedien gegeben hätte. Nicht nur in Kennzeichen D war der Gründungsaufruf
des Neuen Forums thematisiert worden, sondern auch in den Nachrichtensendungen
dieser Tage. Die Tagesthemen berichteten am 18.9.1989 ebenfalls ausführlich
über das Neue Forum: In der Sendung war nicht nur der Gründungsaufruf zu sehen,
sondern es wurde auch daraus zitiert. Bei einem Besuch des Fernsehteams in der
Wohnung von Bohley wurde darüber hinaus mit ihr ein Interview geführt, das –
ganz offensichtlich – über den Umweg eines gefilmten vorgetäuschten Telefonates
organisiert wurde, um das Verbot von direkten Interviews zu umgehen[350].
In dem Bericht wurde Bohley
als Person beschrieben, die für die Westmedien „fast wider Willen zu einer
Sprecherin der Gruppe“ geworden sei. Sie gehörte tatsächlich mit einigen
anderen wie Henrich oder Jens Reich zu denen, die ausschließlich über die Westmedien
in der DDR bekannt gemacht wurden und die der Bewegung besonders – was das
visuelle betraf - mithilfe des
Fernsehens das sprichwörtliche „Gesicht“ gaben. Dieses war für die
Mobilisierung eine wichtige, aber die demokratische Entwicklung innerhalb einer
solchen Bewegung prinzipiell auch gefährdende Tatsache, da dieser Status
innerorganisatorisch durch nichts legitimiert war[351].
In diese Richtung argumentiert auch Vera Lengsfeld (ehem. Wollenberger), indem
sie feststellt, dass aufgrund der Zuspitzung der Akteure auf wenige von den
Medien erschaffene Führerfiguren „die Breite der Bürgerbewegungen in den Medien
durchaus nicht reflektiert worden ist“[352].
Von dem erwähnten
Tagesthemenbericht ging aber auch seitens des Korrespondenten eine zumindest
implizierte Ermutigung aus, an der demokratischen Reformierung des Staates
mitzuwirken, wenn er - hier taucht
wieder der Aspekt der Quantität auf – die Entwicklung der Unterschriften unter
den Aufruf des Neuen Forums auch optisch mit den unterschriebenen Listen
dokumentierte und damit anderen Mut machte, sich in diese wachsende,
möglicherweise nicht mehr zu ignorierende Masse einzureihen: „Aus 30 Erstunterzeichnern
sind mittlerweile schon 1500 geworden und die Zahl wächst täglich“[353].
Diese und ähnliche Berichte
im Westfernsehen oder dem Deutschlandfunk zeigten auch ihre Wirkung in der
Bevölkerung. Etliche Menschen, die nach der Gründung des Neuen Forums aktiv
wurden, bezogen sich ausdrücklich auf die Berichterstattung der westlichen
Medien, um den Augenblick zu beschreiben, der sie mobilisiert hat: „In Scharen
gingen die Menschen nach Ungarn. In dieser desolaten Situation kam dann dieses
Interview [mit Jens Reich, d.V.], und das baute mich wieder auf, da habe ich
das erste mal wieder Luft geholt“[354].
Ähnliche Kommentare gab es auch von Gruppengründern in anderen Städten der DDR,
die zuvor oftmals gar keinen Kontakt zu den Aktivisten der Opposition hatten[355].
Gleichzeitig machte die zunehmende Mobilisierung auch den mobilisierend Tätigen
in der Bewegung Mut: Klaus-Dieter Feige betont im Rückblick, dass „die
Solidarität, vielleicht auch die sensationslüsterne Solidarität der Medien
[...] für uns eine richtige Hilfe war, um zu wissen: Da sind noch welche“[356].
Dass auch anderen
oppositionellen Initiativen die Möglichkeiten des Westfernsehens zu nutzen
wussten, zeigt eine spätere, fast schon rechtfertigende Bemerkung von Rainer
Eppelmann: „Wie sollte das sonst bei uns gehen? Sollten tausend Leute per
Fahrrad ausschwärmen, um anderen schnell Bescheid zu sagen, was wir gerade
überlegt hatten? [...] Für uns damals in der DDR war es eine glückliche
Situation, dass es das westliche Fernsehen und die anderen westlichen Medien
gab.“[357]. Ebenso
äußerte sich Gerd Poppe bezüglich des Zusammenhangs zwischen Westmedien und der
schnell anwachsenden Demonstrationszahl: Er konstatierte rückblickend, dass es
„nahezu undenkbar [sei], daß wir das mit unserer Handvoll Leuten in gleicher
Geschwindigkeit erreicht hätten“[358].
Im Westfernsehen häuften
sich daher nun Meldungen von oppositionellen Aktivitäten. Zudem wurde mehr und
mehr die Einschätzung vertreten, die Opposition in der DDR könne die
Flüchtlingswelle stoppen - oder zumindest hoffte man dies, damit sich die von
den Medien mitverursachte Eskalation der Fluchtwelle etwas hätte beruhigen können.
So berichtete Franz Alt in einem Kommentar von einem DDR-Bürger, der gesagt
habe, dass er „eigentlich [...] auch über Ungarn fliehen“ wollte, „aber jetzt,
wo es das Neue Forum gibt“, in der DDR bleiben wolle[359].
Außerdem wurden an
verschiedenen Stellen Solidaritätsaktionen, aber auch erste Erosionserscheinungen
der alten Nomenklatur sichtbar[360].
In der Tagesschau und den Tagesthemen vom 16.9. und 19.9. bekam
der Zuschauer in der DDR nicht nur Berichte über die Synode der evangelischen
Kirche der DDR zu sehen, bei der Kritiker zu Wort kamen und berichtet wurde,
dass sich eine Gruppe namens „Demokratie Jetzt“ gegründet habe, sondern sie
vernahmen auch das erste Mal kritische Stimmen einer der Blockparteien. Martin
Kirchner von der DDR-CDU brachte auf einer
- bisher völlig unüblichen - Pressekonferenz die Position einiger
Mitglieder auf den Punkt: „Es ist aber allerhöchste Zeit, dass die
Öffentlichkeit nicht nur informiert wird, sondern dass die Öffentlichkeit, d.h.
unser ganzes Volk muss in die Diskussion einbezogen werden, es muss einfach
wieder Normalität werden, dass gesellschaftliche Probleme [...] auch in einem
offenen und hörbaren Gespräch ausdiskutiert wird [werden]“[361].
Ähnliches, wenngleich in abgeschwächter Form, wurde am 20.9.1989 von Manfred
Gerlach (LDPD) berichtet[362].
Auch Hans Modrow, der Dresdner SED-Bezirkssekretär, wurde im Westfernsehen als
Hoffnungsträger dargestellt, der den Wandel innerhalb der SED herbeiführen könnte[363].
In der Tagesschau vom
19.9.1989 wurde darüber hinaus über die Montagsdemonstration vom Vortag in
Leipzig berichtet und das Ritual dieser Demonstration herausgestellt.
Spätestens jetzt wusste jeder DDR-Bürger und vor allem jeder Leipziger, der
Westfernsehen empfangen konnte, wo er sich an Protestaktionen gegen das Regime
beteiligen konnte, ohne dass er dafür ein Flugblatt oder ähnliches benötigt
hätte – der wiederkehrende Termin machte dies nach einmaliger Information
obsolet[364].
Nachdem in der Tagesschau
vom 22.9.1989 die Nichtzulassung des Neuen Forums durch die DDR-Behörden als
für die Weiterentwicklung der Opposition nicht hinderlich dargestellt wurde[365],
wurde am 24.9.1989 die Stellung des Neuen Forums als wichtigste Oppositionsgruppe
aus Sicht der Westmedien gefestigt. In einer Falschmeldung wird das Missverständnis
deutlich, dem die westdeutschen Korrespondenten unterlagen: In einem Bericht
war die Rede von einem Treffen der Oppositionsgruppen, dass zum Ziel gehabt
habe, alle oppositionellen Initiativen unter dem Dach des Neuen Forums zusammenzuführen,
was jedoch nicht den Tatsachen entsprach[366].
Weiter verstärkt wurde diese Vorstellung durch die Berichterstattung der
Folgetage bezüglich der Demonstrationen, in der nicht nur vom wöchentlichen
Anwachsen der Teilnehmerzahlen berichtet wurde, sondern auch als Hauptforderung
der Demonstranten die Zulassung des Neuen Forums genannt wurde[367].
So falsch diese Einschätzungen waren: Sie erweckten den Eindruck, als wäre das
Neue Forum eine mittlerweile mächtige und landesweit organisierte Gruppe, der
eine Konfrontation mit dem Regime zuzutrauen wäre – und dies konnte etwaigen
Zögerern unter den systemkritischen Inaktiven Mut machen, sich doch zu engagieren.
In diese Zeit der im
Westfernsehen vermuteten Erstarkung der DDR-Opposition fiel nun der 40.
Jahrestag der DDR. Es stellte angesichts der Flüchtlingswelle für viele einen
anachronistischen Zynismus dar, wenn der Staat sich selbst feiere und
gleichzeitig Zehntausende das Land verließen[368].
Das Datum fiel zusammen mit den schon seit der Kommunalwahl an jedem 7. des
Monats wiederkehrenden Demonstrationen gegen die Wahlfälschungen. An diesem 7.
war jedoch war die Provokation durch die Demonstranten für die Parteiführung
noch größer, da man sich um den propagandistischen Erfolg der Jubiläumsfeiern
gebracht sah. Folglich kam es bei den vielen Demonstrationen zu gewaltsamen
Auseinandersetzungen zwischen Oppositionellen und Ausreisewilligen auf der
einen und der Volkspolizei auf der anderen Seite[369].
Bilder davon aus Ost-Berlin und Leipzig sendete die Tagesschau am 7.10.
und 8.10.1989, zudem informierte Rainer Eppelmann das ZDF und seine Zuschauer
am 8.10. per Telefoninterview über die Proteste[370].
Die Aufnahmen vom 8.10. zeigten, wie wehrlose und offensichtlich friedfertige
Demonstranten von Polizisten niedergeknüppelt wurden. ARD-Korrespondent Claus
Richter wies den Protesten einen historischen Rang zu: „Eine solche
Demonstrationswelle hat die DDR seit dem 17. Juni 1953 nicht mehr erlebt“[371].
Besonders schwer erträglich war für die SED, dass nun der Protest in größerem
Umfang auch die Hauptstadt der DDR erreicht hatte. Dass die DDR-Medien diese
Demonstrationen dennoch als Marginalie abtaten, sorgte angesichts der Tatsache,
dass die Zuschauer es aus dem Westfernsehen besser wussten und zudem diesmal
auch prominente Berliner unter den Opfern waren, für eine noch stärkere
Mobilisierung[372].
Es war zudem absehbar, dass
die DDR mit ihren Maßnahmen allein stand. Ganz im Gegensatz zu den in den
staatseigenen Nachrichten propagierten unumstößlichen Solidarität der
Sowjetunion zur Politik der DDR vertrat Gorbatschow vor den Linsen und Mikrofonen
der westlichen Fernsehteams die Ansicht, dass Reformen nicht unterbleiben
könnten, wenn man den Staat lebensfähig halten wolle. In der Tagesschau
wurde das Interview gesendet, in dem er
einen zentralen, nachher in anderer Übersetzung bekannt gewordenen Satz sprach:
„Ich glaube, Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren“[373].
Und weiter: „Wer die von der Gesellschaft ausgehenden Impulse aufgreift und
dementsprechend seine Politik gestaltet, der dürfte keine Angst vor Schwierigkeiten
haben“[374].
Diese Aussage, welche die
DDR-Bürger am Bildschirm mitverfolgen konnten, bedeutete nicht nur eine
Ohrfeige für die DDR-Führung und schwächte die
Loyalität zu ihr, sondern machte indirekt auch endgültig deutlich, dass
die Sowjetunion sicher nicht mit militärischer Gewalt oppositionelle Kräfte
bekämpfen würde, wie dies 1953 geschah – auch wenn davon ohnehin nicht mehr
viele ausgingen[375].
Darüber hinaus war es eine – wenngleich auch unbeabsichtigte Solidarisierung
mit denjenigen Menschen in der DDR, die eine Veränderung wünschten – weswegen
ihm selbst beim Fackelzug der sonst staatstreuen FDJ am Abend des nächsten
Tages „Gorbi, Gorbi“ und gar „Gorbi, hilf uns!“ entgegenschallte[376].
Am Jahrestag der Gründung
der Deutschen Demokratischen Republik kam in Schwante zur Gründung einer Sozialdemokratischen Partei (SDP), die
anlässlich des Datums auf die SED-Führung wie ein Kampfansage wirken musste und
sollte[377]. Den
Bericht darüber in der Tagesschau schloss Claus Richter mit der Feststellung
„Die Opposition in der DDR gewinnt an Boden“ ab[378].
Die SDP hatte ähnlich wie das Neue Forum erkannt, dass sich die Gründung am
schnellsten über die Westmedien verbreiten lassen würde und sorgte daher dafür,
dass diese noch während der Gründungsversammlung informiert wurden[379].
So konnte Tagesschausprecher Brauner im Anschluss an den Bericht von Richter
nicht nur Auszüge aus der Gründungsurkunde verlesen, sondern auch detailliert
über die Umstände und den Ablauf der Gründungsversammlung Auskunft geben, ohne
das ein westlicher Korrespondent dabei gewesen wäre[380].
Ein weiteres Ereignis dieser beiden Tage, über das die westlichen Medien berichteten, war ein Treffen von 2500 Aktivisten verschiedener oppositioneller Gruppen in der Ostberliner Erlöserkirche, auf dem ein gemeinschaftliches und besonnenes Vorgehen zur Demokratisierung und der Bildung gemeinsamen Wahlbündnisses bei den geforderten freien Wahlen beschlossen wurde. ARD und ZDF berichteten in ihren Nachrichtensendungen darüber in der dafür notwendigen Kürze[381]. Kennzeichen D jedoch brachte einen siebzehnminütigen Bericht, in dem ausführlich die Motivation der dort versammelten Gruppen dargestellt wurde[382]. Reden von Oppositionellen wie Ulrike Poppe (Demokratie jetzt), Gerd Poppe (IFM), Rolf Henrich (Neues Forum), Rainer Eppelmann (DA), Hans-Jürgen Fischbeck (Demokratie Jetzt) sowie des später als informeller Mitarbeiter enttarnten Ibrahim Böhme (SDP), die ausschnittsweise gezeigt wurden, brachten zum Vorschein, dass es neben dem Neuen Forum auch andere Gruppen gab, die sich für Veränderungen in der DDR einsetzten. Gleichzeitig setzte die Bewegung ein Zeichen der Gemeinsamkeit, auch wenn sie inhaltlich, strategisch und oft auch persönlich einiges trennte[383]. Für Zuschauer in der DDR, die niemals eine oppositionelle Veranstaltung im kirchlichen Umfeld besucht hatten, musste die offene Diskussion auf einer Veranstaltung mit freimütigen Reden eine ganz neue Erfahrung sein.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die oppositionellen Gruppen im Jahr 1989 zunächst keine größere Rolle in der westdeutschen Medienlandschaft spielten, sieht man von den Vorkommnissen um die Kommunalwahl und die Proteste gegen die Reaktionen der SED auf das Massaker in Peking ab. Dennoch hielten diese relativ kleinen Proteste das Bewusstsein wach, dass es überhaupt eine Opposition gab. In den Monaten der eskalierenden Fluchtbewegung entwickelte sie sich zum Hoffnungsträger für eine Lösung der Probleme in der DDR, woran die westlichen Medien, allen voran ARD und ZDF nicht unbeteiligt waren. Sie präsentierten die oftmals sehr kleinen Gruppen als die potentiellen Retter der DDR, ohne das jene zu diesem Zeitpunkt eine annähernd ausreichende organisatorische Basis gehabt hätten, diesem Anspruch gerecht zu werden.
Die mediale Thematisierung fand jedoch nicht nur einseitig durch die Westmedien statt: Den Gruppen war, wie gezeigt wurde, die Notwendigkeit bewusst, die westlichen Medien dazu zu nutzen, um die eigenen Anliegen DDR-weit zu verbreiten und damit eine Mobilisierung auch derjenigen zu bewirken, die sich nicht in kirchlich-oppositionellen Kreisen bewegten. Diesen Weg der Mobilisierung verstanden sie, obwohl sie nicht viel Erfahrung damit haben konnten, sehr professionell zu nutzen. Gleichwohl fanden sie in den westlichen Korrespondenten in den Septembertage auch dankbare Abnehmer für die oppositionellen Stellungnahmen.
Die Fernsehmeldungen über immer größere Unterstützung für diese oppositionellen Gruppen und die Bilder von immer größer anwachsenden Menschenmengen, die den Mut hatten, auf offener Straße gegen das Regime zu demonstrieren, waren Ansporn für viele, die bis dahin nicht an Veränderungen geglaubt hatten und sich daher auch nicht regimekritisch betätigt hatten. Sie „enttabuisierten“ Protest und Demonstrationen und förderten deren Ausbreitung[384]. Die Bilder von den friedlich demonstrierenden Menschen sowie die Interviews und Statements von Oppositionellen, welche die Zuschauer in der DDR den westlichen Fernsehnachrichten und Magazinsendungen entnehmen konnten, widerlegten und entlarvten zudem das propagandistisch produzierte Bild der DDR-Medien von den „Randalierern“, die sich republikfeindlich und vom Westen ferngesteuert betätigen würden. Das damit einhergehende Unverständnis über die darin beinhaltete Verleumdung von Kräften, welche die DDR mittels Veränderung doch retten wollten, dürfte nochmals für eine Mobilisierung in diesen Tagen gesorgt haben – und gerade in diesen Anfangstagen des öffentlichen Protestes war, wie die Ereignisse am 9. Oktober in Leipzig zeigen sollten, die Mobilisierung am wichtigsten, wollte man eine für die Regierung nicht mehr zu ignorierende Größe erreichen.
Die Tage nach dem 40. Jahrestag waren aus etlichen, z.T. schon in Kapitel III genannten Gründen die wichtigsten für den erfolgreichen Umbruch in der DDR. Daher soll im Folgenden untersucht werden, inwieweit die Ereignisse in der Berichterstattung des Westfernsehens eine Rolle spielten, wie sie aufbereitet wurden und welche Auswirkungen diese Berichterstattung hatte. Vornehmlich sollen die Ereignisse am 9. Oktober in Leipzig sowie die Entwicklung der Folgetage bis zur Wahl von Egon Krenz zum Generalsekretär beleuchtet werden. Unter dem Blickwinkel der vorliegenden Studie bildet dieser Zeitpunkt zugleich den Abschluss des Betrachtungszeitraumes, da mit dem Amtantritt Krenz’ die schon beschriebene schlagartige Änderung der Kommunikationspolitik eintrat, die eine ohnehin nicht ohne Schwierigkeiten zu konstatierende Wirkung des westlichen Fernsehens auf die Entwicklung in der DDR gänzlich zur Spekulation werden ließe.
Der 9. Oktober fand noch
nicht am selben Tag einen großen Widerhall in den westlichen Medien, da
westliche Korrespondenten nicht nach Leipzig hineinkamen – so zumindest die
zunächst vorherrschende Auffassung. In der 20-Uhr-Tagesschau wurde daher
zunächst über einen Aufruf der Kirche der DDR zur Mäßigung berichtet. Rainer
Eppelmann habe angeregt, die Demonstrationen für das Erste zu beenden, „um Ruhe
für Veränderungen einkehren zu lassen“[385].
Im weiteren Verlauf der Sendung wurden die Demonstrationen des Vortages noch
einmal erwähnt und die dazu gehörigen Behinderungen der westlichen Journalisten
geschildert. ARD-Reporter hatten zudem von Demonstrationen in Leipzig mit
mindestens 10.000 Teilnehmern gehört, die Stadt sei für sie selber aber
vollkommen gesperrt gewesen.
Aber schon in den Tagesthemen des selben Abends konkretisierte sich das Bild: Nun war schon von „mindestens 50.000, vielleicht sogar 80.000 Menschen“ (Moderator Friedrichs) die Rede. Zudem wurde von dem „sensationellen“ Aufruf der Sechs berichtet, mit dem sich das erste Mal hohe SED-Funktionäre für einen Dialog eingesetzt hätten. Da keine Bilder vorlagen, versuchte man die Lage in Leipzig mittels eines Interviews mit dem am Geschehen beteiligten Pfarrer Wonneberger zu erhellen. Wonneberger zeigte sich ebenfalls „überrascht“ über das Dialogangebot der regionalen Spitzenfunktionäre. Zudem schilderte er die Befürchtungen, die man in Leipzig hinsichtlich eines „sehr großen Polizeieinsatzes“ hatte. Wonneberger gab zu verstehen, dass man trotz aller Skepsis die Stellungnahme insbesondere der SED-Funktionäre als „verheißungsvoll“ und als „Signal“ verstehen könne, da sie sich öffentlich für Veränderungen einsetzten. Schon in der Sendung wurde zudem vor allem durch Friedrichs die nach den gewaltsamen Auseinandersetzungen der letzten Tage erstaunliche Zurückhaltung als Einlenken des Staates interpretiert. Insgesamt waren sich Akteure und Journalisten schon am Abend des Geschehens über die historische Tragweite desselben erstaunlich bewusst.
Auch in der Bevölkerung
führte die westliche Berichterstattung zu solchen Schlüssen:
„Dann hatte ich eben in den
Spätnachrichten gehört, dass bei dieser Demonstration in Leipzig 70.000 waren
und dass es friedlich abgelaufen ist [...], und ich wußte irgendwie, das war
der Untergang der DDR, das hatte sich erledigt. Die ganzen Leute hatten Mut
gefaßt ...“[386]
Bestätigt wurden diese Vermutungen durch die Meldungen des Folgetages: Es sei von Seiten der evangelischen Kirche von einem „bemerkenswerten Sinneswandel der Staatsführung“ gesprochen worden. Zwischenzeitlich hatte die Tagesschau auch Bilder von der Demonstration erhalten, die die große Menge der Demonstranten und die offensichtliche Friedfertigkeit auf beiden Seiten dokumentierte[387]. Die Maßnahmen, die Mielke ergriffen hatte, um die „subversiven [...] Aktivitäten“ der westlichen Journalisten zu unterbinden, hatten ganz offensichtlich nicht gegriffen[388].
Die Aufnahmen waren jedoch unter
schwierigsten Bedingungen zustande gekommen und zeigten noch einmal, dass das
Ermöglichen der Berichterstattung über die Geschehnisse im Westfernsehen für
die Oppositionellen vor Ort eine große Bedeutung hatte, für die sie auch
Repressalien seitens der Sicherheitsbehörden Kauf nahmen. Die Aufnahmen waren
zum größten Teil von den Berliner Oppositionellen Siegbert Schefke und Aram
Radomski gefilmt worden, die sich dazu mithilfe des Pfarrers
Zugang zum Turm der reformierten Kirche im Zentrums Leipzig verschafft hatten,
von wo aus sie einen guten Überblick über den Demonstrationszug hatten.
Schefke, der genau so wie Radomski wegen
dieser Aktion bei Entdeckung mit Bestrafung rechnen musste, sagte zu seiner
Motivation später: „Wir wollten einfach ein Dokument schaffen, am nächsten Tag,
dass die DDR-Bürger sehen, da passiert was, da ist was los auf den Straßen, da
müssen wir hin, damit es einfach mehr werden“[389].
Ähnlich, aber schon historisch bewertend, äußerte sich Radomski: „Wir haben das gefilmt und die Bänder der ARD zugespielt.
Dadurch bekamen die Demonstranten Aufmerksamkeit und Zulauf“[390].
Die Argumentation unterstreicht sehr deutlich den
schon an anderer Stelle belegten Fakt, dass die Oppositionellen das
Westfernsehen gezielt für Zwecke der Mobilisierung eingesetzt haben und sich
zum Teil modernster Technik bedienten, um dem Westfernsehen sendefähiges und
fernsehkompatibles Material übergeben zu können. Dass ein westlicher
Journalist - hier der Ostberliner
Korrespondent des Spiegels - seinen Diplomatenpass benutzte, um das Material
sicher über die Grenze nach West-Berlin in das ARD-Fernsehstudio zu bringen,
zeigt zudem erneut die Involvierung der Berichterstatter in die oppositionellen
Abläufe – ganz weit hergeholt waren die propagandistischen Meldungen der
Aktuellen Kamera oder die Beschuldigungen in den Sitzungen des Politbüros in
die Richtung der Westkorrespondenten also nicht, wenngleich von einer Agitation
seitens der westlichen Journalisten nicht gesprochen werden konnte[391].
Die Ausführungen des beteiligten
Pfarrers Hans-Jürgen Sievers wiederum zeigen, wieso die Information des
Westfernsehens für die Fortentwicklung der Demokratisierungsbestrebungen von Bedeutung
waren:
„ [...] wenn wir
jetzt das machen würden, das wäre ja doch eine echte Herausforderung, eine
echte Kriegserklärung an unseren damaligen Staat, aber andererseits wussten
wir, wenn heute irgendetwas Schlimmes passiert auf den Straßen, dann muss das
gesehen werden in der Welt. Und wenn nichts schlimmes passiert, wenn es
friedlich ausgeht, dann soll es auch gesehen werden [...] und dann muss das
wieder ein [...] kleiner Schritt sein für die Veränderung, die wir alle gehofft
[erhofft] und für die wir alle gebetet haben“[392].
In dem Bericht über die Demonstration machte Horst Hano
noch einmal auf die rasante Entwicklung der Demonstrantenzahlen aufmerksam:
„Vor sechs Wochen waren es noch 500, [...] gestern Abend waren es 70.000“[393].
Zudem unterstrich er die für die weitere Mobilisierung wichtige Tatsache, dass
es bei den Demonstrationen im Gegensatz zu den Vortagen zu keinerlei
Gewalttätigkeiten gekommen sei[394].
Die Folgetage waren – wie schon im Kapitel über die Berichterstattung des DDR-Fernsehens geschildert – durch eine noch uneinheitliche Einstellung innerhalb der Führungsriege der Partei geprägt. Im Westfernsehen wurden Stimmen, die den Dialog befürworteten, jedoch hervorgehoben, da sie eine Abweichung vom althergebrachten Propagandastil zeigten. Auch über die sich langsam wandelnde Berichterstattung zumindest in Zeitungen der Blockparteien oder regionalen Ausgaben konnte die Tagesschau berichten[395]. Zudem wurde gemutmaßt, dass innerhalb des Politbüros Honecker „einen schwierigen Stand“ habe und einige Spitzenfunktionäre sich für „Neuerungen“ eingesetzt haben[396]. Dies hielt Teile des Machtapparates aber nicht davon ab, z.T. noch einmal auf Methoden des Kalten Krieges zurückzugreifen und Sendungen des Berliner Senders „100,6“ zum Thema DDR mit starkem Rauschen zu stören[397].
In Kennzeichen D werden
die dialogorientierten Bestrebungen einiger Funktionäre sowie die sich ändernde
Berichterstattung in den Zeitungen dieser Tage als eine „Spur Glasnost“
kommentiert und bemerkt, dass die SED aufgrund der Unzufriedenheit selbst in
der Partei nun den offenen, gewaltsamen Konflikt scheuen könne[398].
Mit dieser Bewertung wurde den DDR-Zuschauern nicht nur die Machtzerfall der
SED beschrieben, sondern es war zugleich eine Ermutigung impliziert, eine
Teilnahme an Demonstrationen könne nun unter Umständen gefahrlos sein. Der
Anstieg der wahrgenommenen Einflussmöglichkeiten und das nunmehr
offensichtliche Unterbleiben von staatlichen Sanktionen sollte tatsächlich den
schnellen Umbruch befördern[399].
Kennzeichen D informierte außerdem
mittels Telefoninterviews mit kirchlichen Vertretern in Berlin, Dresden, Weimar
und Leipzig über den aktuellen Stand des begonnenen Dialogs. Dresdens
Superintendent Christof Ziemer rief hierbei die westlichen Medien auf, in der
„Berichterstattung genau zu sein und [die Berichte] zu prüfen, [...] die sie
hören“, da es „nicht hilfreich“ sei, wenn „Vermutungen zu Meldungen gemacht werden“.
Es sei für die „Prozess im Ganzen wichtig“, dass „fair und genau berichtet“ werde[400].
Die Tage bis zum
18. Oktober waren meist von weiteren Zeugnissen der sich entwickelnden
Veränderungen im Kommunikationsstil geprägt. Die DDR-Opposition begrüßte die in der
Politbüroerklärung vom 11.10.1989 angekündigte Dialogbereitschaft, es wurde
über die wieder verstärkten Flüchtlingsströme über Polen und Ungarn berichtet,
sowie auf Stellungnahmen von reformorientierten, meist aber nicht explizit
oppositionellen Kräften hingewiesen. So stellte sich der Schriftsteller und
SED-Veteran Stephan Hermlin zwar nicht eindeutig auf die Seite des neuen
Forums, sprach sich aber für eine staatliche Anerkennung der Gruppe und
demokratische Reformen aus[401].
Politbüromitglied Hager und der LDPD-Vorsitzende Gerlach plädierten in unterschiedlicher
Vehemenz für eine Erneuerung[402].
Der als staatskritisch, wenn auch nicht oppositionell geltende Manfred Stolpe
ging etwas weiter: Er forderte am 13.10.1989 freie und geheime Wahlen sowie
Reiseerleichterungen[403].
So unrevolutionär die Forderungen vor allem der alteingesessenen Funktionäre
waren, so deutlich wurde doch für den DDR-Zuschauer, dass eine Forderung nach
Veränderung nicht mehr als terroristisch abgetan werden konnte, wenn selbst
staatstragende Prominenz diese einforderte. Noch einmal das Risiko von
Bestrafung mindernd musste zudem der Bericht in der Tagesschau wirken, der
bekannt machte, dass etliche festgenommenen Demonstranten auf politischen Druck
hin auf freien Fuß gesetzt wurden[404].
Mit großer Besorgnis wurde
dennoch die nächste Montagsdemonstration in Leipzig erwartet. Auch wenn sich
eine leichte Entspannung abzeichnete, konnten sich die Demonstranten noch nicht
sicher sein, einer gewaltlosen Staatsmacht gegenüberzustehen. Die Tagesschau am
Tag nach der Demonstration konnte jedoch erneut beeindruckende Bilder von der
friedlichen Demonstration senden, die mit 120.000 Teilnehmern sich noch einmal
fast verdoppelt hatte – Leipzigs Ruf als Stadt der Massenproteste und der Wende
schlechthin begann sich zu etablieren[405].
Am 18. Oktober war die
Ablösung Honeckers die Topmeldung der Fernsehnachrichten. Neben den Fakten und
einem Rückblick auf Honeckers Karriere präsentierte Horst Hano den Nachfolger
Egon Krenz als „kritiklosen“ Funktionär, der sich als Vorsitzender der FDJ der
Aufgabe verschrieben hätte, die „Jugend auf Kurs zu halten“[406].
Damit dürfte er in der DDR ohnehin schon vorhandene Zweifel, ob dieser Wechsel
die von Krenz beschworene „Wende“ herbeiführen würde, noch einmal bestärkt
haben. Ausdrücklich wies Hano zudem - vor dem Hintergrund des Chinabesuches von
Krenz noch im Oktober - auf dessen uneinsichtigen Stellungnahmen zum Massaker
auf dem Platz des Himmlischen Friedens hin und verlieh
ihm damit nicht gerade den Ruf eines Reformers, als den Krenz sich
selbst in den folgenden Tagen darstellte. In Bezug auf seine „angebliche“ Rolle
als deeskalierender Part bei der Montagsdemonstration am 9.10.1989 in Leipzig
gestand er ihm allerdings zu: „Bisher galt er als Vertreter der harten Linie im
Politbüro, aber Menschen können sich ändern“[407].
Die Opposition reagierte
unzufrieden bis sarkastisch. Noch mussten sich die verschiedenen Vertreter des
Westfernsehens bedienen, um ihre Stellungnahmen zu verbreiten. Bärbel Bohley
sagte über den Wechsel an der Parteispitze: „Die erste Reaktion war eher ein
Schrecken – und nicht so sehr eine Erleichterung. Denn irgendwo steht Egon
Krenz nicht für Reformen, sondern Egon Krenz steht [...] für alles das was wir
verändern wollen“[408]
Bischoff Gottfried Fork hoffte augenzwinkernd darauf, dass er jetzt eventuell
eine Antwort auf die Frage nach etwaigen Wahlfälschungen bei der Maiwahl
bekäme, die er schon dem letzten Generalsekretär gestellt habe – denn Krenz
wäre schließlich Wahlleiter gewesen. Es ist offensichtlich, dass auch Fork dem
neuen Mann an der Spitze der SED mit seiner wenig progressiven Vergangenheit
konfrontieren wollte, um jedem Zuschauer – insbesondere den ostdeutschen – klar
zu machen, dass Krenz keine Alternative sei[409].
Auch in den folgenden Wochen
hatten die Oppositionellen über die westlichen Medien immer noch einen besseren
Zugang zu den eigenen Aktivisten, als über die DDR-Medien. Dennoch ermöglichte
der Wandel in den DDR-Massenmedien immer mehr systemkritischen Bürgern, ihre
Meinung selbst im vormaligen Flaggschiff der DDR, der Aktuellen Kamera zu
äußern. Somit wurden die Probleme, welche in der DDR existierten zunehmend vom
eigenen Fernsehen in „Sonntagsgesprächen“, Call-in-Talkshows mit Politikern und
relativ wahrheitsgemäßen Berichten von Demonstrationen aufgegriffen und eine Zuhilfenahme
der Westmedien durch oppositionell Aktive war nicht mehr zwingend notwendig –
zumal die Zuschauer in der DDR nach dem Amtsantritt Krenz’ in außergewöhnlichem
Maße auf die politische Sendungen des DDR-Fernsehens zurückgriffen und die Einschaltquote
der Aktuellen Kamera in vorher ungeahnte Höhen stieg[410].
Von diesem Zeitpunkt an lässt sich rückblickend kaum noch eine große Kluft zwischen
dem sachliche Inhalt der Meldungen in Ost und West konstatieren. Lediglich
Nuancen – vor allem der kommentierenden Berichterstattung und hier besonders
zum Thema Deutsche Einheit – wurden sichtbar. Eine Betrachtung der Wirkung
dieser Berichterstattung entzieht sich jedoch den Möglichkeiten einer
geschichtswissenschaftlich-analytischen Studie, da mögliche Rückschlüsse eher
spekulativen Charakter hätten.
Die Studie hat gezeigt, dass
das Westfernsehen für die Entwicklung der Ereignisse in der DDR im Herbst 1989
von großer Bedeutung war.
Das Westfernsehen war
wichtigster Vermittler von politischen Informationen über die DDR und die hier
analysierten Sendungen genossen eine hohe Glaubwürdigkeit bei den DDR-Bürgern.
Die Flüchtlingswelle, über welche die Sendungen ausführlich berichteten, waren
für die Fluchtwilligen oftmals Motivation für die Flucht und gaben zuweilen
Hilfestellung, wie diese am ehesten gelingen könnte. Bilder von vermeintlich
leicht zu überschreitenden Grenzanlagen, das Erwähnen von Fristen, innerhalb
derer bestimmte Fluchtwege zur Verfügung stehen würden (wie nach der Öffnung
der ungarisch-österreichischen Grenze) und die freundliche Aufnahme in der
Bundesrepublik samt einer rosig geschilderten Ausgangslage auf dem Arbeitsmarkt
beseitigten etliche Bedenken, die viele DDR-Bürger noch an der Flucht
hinderten.
Auf der anderen Seite bauten
Ausmaß und Gründe der Fluchtwelle, die in den eigenen Medien verschwiegen
wurden, ein Protestpotenzial in der DDR auf, dass für die Mobilisierung von
Bewegungsaktivisten notwendig war. ARD und ZDF beförderten diesen Unmut durch
die emotionale Art ihrer Berichterstattung, da die Bilder der immer zahlreicher
werdenden freudestrahlenden Menschen, die ihr Glück über die erreichte Freiheit
kaum fassen konnten, für nicht mehr verdrängbare Frustrationen und Demütigungsgefühle
in der DDR sorgten. Verstärkend kam hinzu, dass das DDR-Fernsehen mit seiner
Berichterstattung nahezu im alten Stil fortfuhr oder, wenn es die Flüchtlinge erwähnte,
zynische und aggressive Kommentare dazu sendete, die genau das Gegenteil von
dem bewirkten, was sie eigentlich erreichen sollten.
Dieses Protestpotenzial war eine wichtige Voraussetzung für den weiteren Verlauf des Umbruches. Westliche Medien versuchten nun immer öfter, Personen der Opposition als Hoffnungsträger zu präsentieren. Der Opposition war schon seit Jahren bewusst, welch wichtige Rolle die Westmedien und hier insbesondere das Westfernsehen für die Mobilisierung, aber auch für den Selbstschutz hatten. So stießen kommunikationswissenschaftlich gesehen zwei Interessen aufeinander: Die westlichen Medien suchten den Kontakt zu den Oppositionellen, um einen medial interessanten Gegenpart innerhalb der DDR aufzubauen, die Oppositionellen nutzten diesen Kontakt vielfältig und zum Teil mit modernsten Möglichkeiten, um DDR-Bürger über das Westfernsehen für das Erkämpfen der von ihnen vertretenden Forderungen zu mobilisieren. Die daraus resultierende Berichterstattung hatte in der DDR den gewünschten Erfolg: Das Neue Forum stieg in der betrachteten Phase des Umbruches zum Hauptakteur der Proteste gegen das SED-Regime auf und konnte – ohne die Information des Westfernsehens über die Gründung unvorstellbar – innerhalb weniger Tage Tausende von Unterstützerinnen und Unterstützern mobilisieren. Die Verbreitung der Existenz des Neuen Forums über die Westmedien sorgte in vielen Städten der DDR gar für Gründungen von lokalen Gruppen, ohne dass diese vorher Kontakt zu den Gründungsmitgliedern gehabt hätten.
Gleichzeitig verstärkten vor
allem die westlichen Korrespondenten in der DDR in jedem Bericht das Gefühl,
der Protest sei noch stärker als in den Tagen zuvor, die Zahl der Demonstranten
– ähnlich wie vorher bei den Flüchtlingen - wäre noch höher als in der
Woche zuvor und die einzelnen Schritte der sich entwickelnden Veränderungen
seien „historisch“ oder „rekordverdächtig“. Diese nur den Gesetzen der
Nachrichtenproduktion folgenden, zuspitzenden Berichterstattung wurde jedoch
noch ergänzt durch oftmals den Boden der Legalität verlassende oder zumindest
nur noch tangierende Bemühungen, die Oppositionellen innerhalb und außerhalb
der DDR bekannt zu machen, wie dem Beiwohnen bei illegalisierten Treffen oder
der Bereitstellung von Material für das oppositionelle Schrifttum. Dies
erscheint angesichts der jahrelang gewachsenen Kontakte zwischen westlichen
Korrespondenten und zumindest den in Ost-Berlin wohnenden Oppositionellen sowie
den berechtigten Forderungen der Aktivisten menschlich verständlich, ist aber
dennoch nur schwierig mit journalistischer Objektivität und der dafür
notwendigen Distanz zu vereinbaren. Letztlich wurde aber damit – vermutlich
eher unbewusst – der politisch geprägte öffentlich-rechtliche Auftrag der
Förderung der „Wiedervereinigung Deutschlands in Frieden und Freiheit“ (ZDF-Staatsvertrag)
ausgeführt.
Jedoch sprachen viele Bilder
auch für sich, ohne das westliche Journalisten diese hätten – gewollt oder
ungewollt – suggestiv unterlegen müssen. Die von ARD und ZDF gesendeten
Aufnahmen von friedlichen Demonstranten, die den Mut zeigten, öffentlich gegen
das System zu protestieren, mobilisierten auch andere Unzufriedene, da diese
sahen, dass sie nicht allein waren. Das westliche Fernsehen half zudem dabei,
die Lage einzuschätzen: Schon am Abend des 9. Oktober machten die Tagesthemen
und zwei Tage später auch Kennzeichen D deutlich, dass eine wichtige
Zäsur eingetreten sei, welche die Tür für mögliche Reformen geöffnet habe. Am
Tag danach konnten sich die DDR-Bürger auch „mit eigenen Augen“ davon
überzeugen, dass die Proteste in Leipzig nicht nur eine vorher unvorstellbare
Größe erreicht hatten, sondern die Staatsgewalt das erste Mal eine Demonstrationszug
unbehelligt ließ. Die Aufnahme dieser Bilder durch Oppositionelle und die
Weiterverbreitung über die Westmedien – nach illegaler Ausfuhr des Materials
durch einen westlichen Journalisten – ist gleichzeitig einer der deutlichsten
Belege für die reibungslose Zusammenarbeit zwischen Westmedien und Bürgerbewegung.
Die aktiven Oppositionellen passten sich folglich in optimaler Weise den Gegebenheiten
der westlichen Berichterstattung an, in dem sie das Material, das gesendet
werden sollte, oftmals einfach selbst herstellten – denn die westlichen Medien
nahmen es aufgrund häufig fehlender eigener Bilder gerne an.
So konnte, die Maßgabe
Raschkes betrachtend, die Bewegung über den Umweg der westdeutschen
Berichterstattung doch stattfinden, obwohl über sie im eigenen Staat nicht
berichtet wurde. Gerade in dem medienpolitischen Sonderfall DDR lässt sich diese
Vorraussetzung für Mobilisierung sogar besonders deutlich zeigen: Nirgendwo anders
in der Geschichte konnte die Beeinflussung eines historischen Ereignis durch Medien
so deutlich methodisch isoliert werden wie hier, da das beeinflussende Medium
und der beeinflusste historische Prozess idealtypisch formuliert nahezu
voneinander gekoppelt waren. Viele Reaktionen in der DDR auf bestimmte Berichte
waren eindeutig dem westdeutschen Fernsehen zuzuordnen, da die Information
zumindest in dieser Schnelligkeit und visuellen Kraft nur über diesen Weg hatte
kommen können – andere Quellen waren aufgrund der strengen und zensurbelasteten
Medienpolitik der DDR-Führung ausgeschlossen.
Erst mit dem Wechsel von
Erich Honecker zu Egon Krenz änderten sich die medialen Voraussetzungen, und
die Bürgerbewegung konnte zunehmend die Medien der DDR nutzen, um Forderungen
zu verbreiten und für weitere Mobilisierung zu sorgen. Gleichzeitig war der
fast schlagartige Wandel in der Berichterstattung im DDR-Fernsehen für alle
Beteiligten eines der deutlichsten Zeichen des Machtverfalls, denn eines der markantesten
Zeichen des SED-Regimes, die Unterdrückung der Meinungsfreiheit, war beseitigt.
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TV-Moderatoren, Köln 1989, S. 245-263
Timmer,
Karsten: Vom Aufbruch zum Umbruch - Die Bürgerbewegung in der DDR 1989, Diss.
Bielefeld 1999
Weidenfeld, Werner/Zimmermann, Hartmut (Hg.):
Deutschland-Handbuch. Eine doppelte Bilanz 1949-1989, München/Wien 1989
Westdeutscher Rundfunk (Hg.):WDR-Jahrbuch 1956/57, Köln 1958
Wiedemann, Dieter: Von den Schwierigkeiten der Medienforschung mit
der Realität, in: Rundfunk und Fernsehen 3/1990, S. 343-356
Zielinski, Siegfried: Audiovisionen. Kino und Fernsehen als
Zwischenspiele der Geschichte, Reinbek 1989
Zwahr, Hartmut: Ende einer Selbstzerstörung. Leipzig und die
Revolution in der DDR, Göttingen 1993²
[1] So Breschnew 1981 auf dem XXVI. Parteitag, s. Jung, Lothar: „Wir haben begonnen umzudenken...“. Michael Gorbatschows Reformkonzept für die UdSSR. Geschichte - Ideologie - Praxis - Perspektiven, Köln 1987, S. 47.
[2] Pissula, Petra: Rumänien, in: Höhmann, Hans-Hermann/Seidenstecher, Gertraud (Hg.): Die Wirtschaft Osteuropas und der VR China 1980-1990. Bilanz und Perspektiven, Hamburg 1988, S. 366-425, hier S. 368; auch die DDR hatte große Probleme mit der Auslandsverschuldung, die jedoch erst gegen Ende der achtziger Jahre, also kurz vor dem Zusammenbruch des Systems, wirklich existentiell waren, s. Hertle, Hans-Hermann: Der 9. November in Berlin, in: Deutscher Bundestag: Materialien der Enquete-Kommission „Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland, Band VII/2: Möglichkeiten und Formen abweichenden und widerständigen Verhaltens und oppositionellen Handelns, die friedliche Revolution im Herbst 1989, die Wiedervereinigung Deutschlands und Fortwirken von Strukturen und Mechanismen der Diktatur, Frankfurt 1995, S. 787-873, hier das Kapitel „Vor dem Bankrott: Die ökonomische Lage der DDR, S. 820-824.
[3] Pissula 1988, S. 368 u. 421.
[4] Gorbatschow, Michael: Die Verwirklichung der Beschlüsse des 27. Parteitages der KPdSU und die Intensivierung der Perestroika, Rede bei der 19. Gesamtsowjetischen Konferenz am 28. Juni 1988, zit. n. (kein Hg.): Offene Worte/Gorbatschow, Ligatschow, Jelzin und 4991 Delegierte diskutieren über den richtigen Weg, Augsburg 1988, S. 9-93; D‘Agostino, Anthony: Gorbatchev’s Revolution, 1985-91, London 1998, insb. S. 77-99; Sawka, Richard: Gorbatchev and his reforms 1985-1990, New Jersey 1990, S. 268-356; Jung 1987, S. 92-156; Haug, Wolfgang Fritz: Gorbatschow. Versuch über den Zusammenhang seiner Gedanken, Zweite Auflage 1990.
[5] Staritz, Dietrich: Geschichte der DDR, erw. Neuausgabe 1996, S. 390.
[6] Gutmann, Gernot: Eröffnungsansprache, in: Forschungsstelle für gesamtdeutsche wirtschaftliche und soziale Fragen (Hg.): Glasnost und Perestroika auch in der DDR?, Berlin 1988, S. 42; Cornelsen, Doris: DDR, in: Höhmann/Seidenstecher 1988, S. 83-138, hier S. 116/117; Staritz 1996, S. 308/309.
[7] Über die Begrifflichkeit „Wende“ wird in der wissenschaftlichen Literatur gestritten. Der Begriff gilt als Wortschöpfung von Egon Krenz, der diesen Begriff nach seiner Amtsübernahme tatsächlich verwendete. Jedoch wird vielfach übersehen, dass diese Formulierung auch schon in den Wochen zuvor für notwendige Veränderungen in der DDR seitens des Westfernsehens benutzt wurde. Ob die Krenz diesen Begriff dann wissentlich oder unwissentlich übernommen hat, lässt sich leider nicht belegen. Abgesehen davon, dass die Begriffsdiskussion weit darüber hinaus geht (Revolution, Revolte, Umbruch) und hier nicht weiter ausgeführt werden kann und soll, wird der Begriff im folgenden neutral für die radikalen politischen Veränderungen in der DDR im Jahr 1989/90 verwendet. Die gegebenenfalls als revolutionär zu kategorisierende Phase geht im Übrigen weit über den Beobachtungszeitraum hinaus. Zum Begriffdiskussion siehe beispielhaft . Meuschel, Siegrid: Legitimation und Parteiherrschaft. Zum Paradoxon von Stabilität und Revolution in der DDR 1945-1989, Frankfurt/M. 1992, S. 317-320 und Joas, Hans/Kohli, Martin: Der Zusammenbruch der DDR: Fragen und Thesen, in: dies. (Hg.): Der Zusammenbruch der DDR, Frankfurt/M. 1993, S. 7-28, hier: S. 8/9 sowie Kowalczik, Ilko-Sascha: Artikulationsformen und Zielsetzungen von widerständigem Verhalten in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft, in: Materialien der Enquete-Kommission 1995, Band VII/2, S. 1203-1284, hier: S. 1270/71.
[8] Zur Rolle der Medien bei der deutschen Einheit siehe z.B. die Aufsatzsammlung von Bohn, Rainer/Hickethier, Knut/Müller, Eggo (Hg.): Mauer-Show. Das Ende der DDR, die deutsche Einheit und die Medien, Berlin 1992.
[9] Zuallererst das ansonsten überdurchschnittliche Sonderheft 34 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, „Öffentlichkeit, öffentliche Meinung, soziale Bewegungen“ blendet trotz seines Schwerpunktes die DDR-Vorkommnisse völlig aus; weitere Beispiele für Westzentrierung: Bender, Harald: Die Zeit der Bewegung - Strukturdynamik und Transformationsprozesse. Beiträge zur Theorie sozialer Bewegungen und zur Analyse kollektiven Handelns, Frankfurt/M. 1997; Elb, Norbert: Soziale Bewegungen und Parteien, Frankfurt/M. 1996;
[10] Anm.: Dieses zeigte sich besonders in der DDR in z.T. sogar sehr deutlicher Weise: So gab es in der DDR-Bürgerbewegung abseits von der Initiative für Frieden und Menschenrechte noch 1988 die Ansicht, Frieden und Ökologie müsse man vor Demokratie stellen, s. Meuschel 1992, S. 315/316.
[11]Brand, Karl-Werner: Massendemokratischer Aufbruch im Osten: Eine Herausforderung für die NSB-Forschung, in: Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen 2/1990, S. 9-16, hier S. 9/10; Ausnahmen bilden vor allem das gesamte Heft 2/1990 des Forschungsjournals Neue Soziale Bewegungen sowie Brandt, Karl-Werner: Neue Soziale Bewegungen auch in der DDR?, in: Pollack, Rink; Pollack, Detlev (Hg.): Politischer Protest: Politisch alternative Gruppen in der DDR, 1997, S. 235-251; Fehr, Helmut: Unabhängige Öffentlichkeit und soziale Bewegungen. Fallstudien über Bürgerbewegungen in Polen und Ungarn, Opladen 1996; sowie geradezu avantgardistisch für die Bearbeitung des Themas: Knabe, H.: Neue soziale Bewegungen im Sozialismus. Zur Genesis alternativer politischer Orientierungen in der DDR, in: KZfSS 40/1988, S. 511- 569.
[12] Raschke, Joachim: Soziale Bewegungen. Ein historisch-systematischer Grundriß, 2. Aufl. der Studienausgabe Frankfurt/M. 1988.
[13] Z.B. die Autoren der Aufsatzsammlung Roth, Roland/Rucht, Dieter (Hg.): Neue soziale Bewegungen in der Bundesrepublik Deutschland, Frankfurt 1987 sowie Fehr 1996.
[14] Raschke 1988, S. 76/77.
[15] Timmer, Karsten: Vom Aufbruch zum Umbruch - Die Bürgerbewegung in der DDR 1989, Diss. Bielefeld 1999, S. 44-46.
[16] Raschke 1988, S. 78.
[17] Zu den Losungen und Schlachtrufen bei den Demonstrationen der DDR-Bürgerbewegung: Reiher, R.: „Wir sind das Volk“. Sprachwissenschaftliche Überlegungen zu den Losungen des Herbstes 1989, in: Burkhardt, A./ Fritzsche, K.P. (Hg.): Sprache im Umbruch. Politischer Sprachwandel im Zeichen von ‘Wende’ und ‘Vereinigung’, Berlin/ New York 1992, S. 43- 57.
[18] Raschke 1988, S. 78.
[19] Schmid,
Josef: Die politische Rolle der Evangelischen Kirchen in der DDR in den
achtziger Jahren. Gratwanderung zwischen Opposition und Anpassung, in:
Müller-Enbergs, Helmut/Schulz, Marianne/Wielgohs, Jan (Hg.): Von der
Illegalität ins Parlament. Werdegang und Konzept der neuen Bürgerbewegungen,
Berlin 1991, S. 343-365; Meuschel 1992, S. 238.
[20] Zur Wende in der Wende: Meuschel 1992, 320-322.
[21] Fehr, Helmut: Bewegung für Bürgerrechte und Öffentlichkeit - ein Thema der Vergangenheit?, in: Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, Heft 1/1998, S. 103-112.
[22] Fehr 1998, S. 103-112.
[23] Eigenschaften von Neuen Sozialen Bewegungen: Raschke
1988, S. 413-415; zur Sozialstruktur des Kernes der DDR-Bürgerbewegung: Fehr 1996, S. 202-216; darüber hinaus ist zu beachten, dass die Benutzung des
Instrumentariums zu Genese, Struktur und Wirken auf andere osteuropäische
Bewegungen gar nicht zutrifft, so z.B.
auf die Streikbewegung in den Kohleminen der Sowjetunion oder die
nationalen Emanzipationsbewegungen in etlichen multiethnischen Ostblockländern,
die eher alten, im Westen schon überholt geglaubten Bewegungsmustern folgen, s.
dazu: Knabe, Hubertus: Bewegung im Osten, in: Forschungsjournal NSB 1990/2, S.
18/19.
[24] Zu den Möglichkeiten des Protestes und die Auswirkungen der Rezeption der Reformbewegungen in anderen osteuropäischen Ländern durch die DDR-Bürgerbewegung vor 1989: Mehlhorn, Ludwig: Der politische Umbruch in Ost- und Mitteleuropa und seine Bedeutung für die Bürgerbewegung in der DDR, in: Deutscher Bundestag 1995, S. 1409-1436, hier: S. 1412-1417; Dalos, György: Der politische Umbruch in Ost- und Mitteleuropa und seine Bedeutung für die Bürgerbewegung in der DDR, in: Deutscher Bundestag 1995, S. 541-557, hier: S. 544-546.
[25] Zur Bedeutung der Neuen Sozialen Bewegungen bei der Gründung der Grünen: Raschke, Joachim u.a.: Die Grünen. Was sie wurden, was sie sind, Köln 1993, S. 41-54.
[26] Zum Konzept der Zivilgesellschaft: Havel, Vaclav.: Versuch, in der Wahrheit zu leben [1978], Reinbek 1989; zum Einfluss dieser Konzepte auf die DDR-Bürgerbewegung: Timmer 1999, S. 32-44.
[27] Fehr 1996, S. 17/18.
[28] Fehr 1996, S. 15
[29] Staritz 1996, S. 400-402.
[30] Brand 1997, S. 9.
[31] Zur Involvierung der Ausreisewilligen in die oppositionelle Arbeit und den daraus resultierenden Schwierigkeiten s. Rink, Dieter: Ausreiser, Kirchengruppen, Kulturopposition und Reformer. Zu Differenzierungen und Gemeinsamkeiten in Opposition und Widerstand in der DDR in den 70er und 80er Jahren, in: Pollack/Rink 1997, S. 54-77, hier: S. 59/60.
[32] Rucht, Dieter: Öffentlichkeit als Mobilisierungsfaktor für soziale Bewegungen, in: Neidhardt, Friedhelm (Hg.): Öffentlichkeit, öffentliche Meinung, soziale Bewegungen (KZfSS-Sonderheft 34), Opladen 1994, S. 337- 358, hier: S. 339.
[33] Rucht 1994, S. 347.
[34] Raschke 1988, S. 343.
[35] Raschke 1988, S. 343.
[36] Anm.: Diese Form der Propaganda wurde bekanntlich so planmäßig betrieben, dass auch die Versorgung der Bevölkerung mit preiswerten Empfangsteilen (Volksempfänger) straff organisiert war.
[37] Raschke 1988, S. 343; das Beispiel Frankreich 1968 betrachtend: Gilcher-Holtey, Ingrid: Die Nacht der Barrikaden. Eine Fallstudie zur Dynamik sozialen Protests, in: Neidhardt 1994, S. 375-392.
[38] Rucht 1994, S. 348.
[39] Raschke 1988, S. 344.
[40] S. dazu auch Kapitel IV.
[41] Schmitt-Beck, Rüdiger: Über die Bedeutung der Massenmedien für soziale Bewegungen, in: KZfSS 42/1990, S. 642-662, hier: S. 645/646.
[42] Raschke 1988, S. 344.
[43] Rucht 1994, S. 348/349.
[44] Schmitt-Beck 1990, S. 553/554.
[45] Raschke 1988, S. 345, Schmitt-Beck 1990, S. 649/650.
[46] Raschke 1988, S. 345.
[47] Zur Entfremdung von Bewegung und Führer seien als Beispiele Daniel Cohn-Bendit und Petra Kelly genannt, s. Raschke 1988, S. 345.
[48] Ronneberger, Franz: Sozialisation durch
Massenkommunikation, in: ders. (Hg.): Sozialisation durch Massenkommunikation,
Stuttgart 1971, S. 83.
[49] Siehe hierzu die Untersuchung zum „MacArthur Day“ 1951, Lang, Kurt/Lang, Gladis Engel: MacArthur Day in Chicago: Die Einseitigkeit des Fernsehens und ihre Wirkungen, in: Aufermann, Jörg/Bohrmann, Hans/Sülzer, Rolf (Hg.): Gesellschaftliche Kommunikation und Information, Bd. 2, Frankfurt/M. 1973, S. 498-525.
[50] S. dazu vor allem: Luhmann, Niklas: Die Realität der Massenmedien, 2. erw. Aufl. 1996, S. 19-21.
[51] Schulz, Winfried: Die Konstruktion von Realität in den Nachrichtenmedien. Analyse der aktuellen Berichterstattung, Freiburg/München 1976, S. 27.
[52] Schulz 1976, S. 28.
[53] Zur empfundenen Glaubwürdigkeit des Fernsehens: Schütte, Georg: Informationsspezialisten der Mediengesellschaft. Die Produktion und Präsentation von Fernsehnachrichten in den USA, der Bundesrepublik Deutschland und der DDR, Wiesbaden 1994, S. 48-51, sowie, eher die emotionale Wirkung der Bilder beleuchtend: Hickethier, Knut: Fernsehnachrichten als Erzählung der Welt, in: Bentele, Günter/Haller, Michael (Hg.): Aktuelle Entstehung von Öffentlichkeit. Akteure - Strukturen - Veränderungen, Konstanz 1997, S. 511-528, hier S. 521/522.
[54] Schütte 1994, S. 49.
[55] Feige, Andreas: Gesellschaftliche Reflexionsprozesse und Massenkommunikation am Beispiel der DDR, in: Publizistik 4/1990, S. 387-397, hier: S. 396.
[56] So wird zum Beispiel bei Pressekonferenzen oft die Schar der Journalisten gezeigt, während der Nachrichtensprecher über den Inhalt einer auf der Konferenz vorgetragenen Meinungsäußerung berichtet.
[57] Luhmann 1996, S. 55-72.
[58] Rucht 1990, S. 338.
[59] Heil, Karolus Heinz: Fernsehempfang in der SBZ. Empfangsmöglichkeiten, Zuschauerverhalten, Beurteilung. München 1971; kritisch dazu: Linke, Norbert: Die Rezeption der Programme von ARD und ZDF in der DDR als Gegenstand der SED-Kommunikationspolitik, in: Publizistik 32/1987, S. 45-68, hier: S. 47; methodisch genauer: Hesse, Kurt Rudolf: Nutzung und Image des „Westfernsehens“ bei DDR-Übersiedlern, in: Media Perspektiven 4/1986, S. 265-272; weitere Untersuchungen aus diesem Zeitabschnitt in der inhaltlichen Aufschlüsselung des Forschungsstandes (s.u.).
[60] Anm.: Unter Quellen werden in dieser Untersuchung - dem Forschungsinteresse entsprechend - hauptsächlich Fernsehquellen verstanden. Siehe dazu das folgende Teilkapitel „Quellen“.
[61] Wiedemann, Dieter: Von den Schwierigkeiten der Medienforschung mit der Realität, in: Rundfunk und Fernsehen 3/1990, S. 343-356, hier: S. 343/344.
[62] Goss, Anthony John: Deutschlandbilder im Fernsehen. Eine vergleichende Analyse politischer Informationssendungen in der Bundesrepublik Deutschland und der DDR, Köln 1980; ders./Hartmann-Laugs, Petra S.: Deutschlandbilder im Fernsehen 2. Politische Informationssendungen in der Bundesrepublik Deutschland und der DDR. Zeitvergleich und neue Aspekte, Köln 1988; Schütte 1994. Eine ähnliche Zielrichtung, ebenfalls in zwei - allerdings nicht direkt zusammenhängenden Erscheinungen, hat Wilfried Scharf: Scharf, Wilfried: Nachrichten im Fernsehen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR. Objektivität oder Parteilichkeit in der Berichterstattung, Frankfurt/M. 1981 und ders.: Das Bild der Bundesrepublik Deutschland in den Massenmedien der DDR: eine empirische Untersuchung von Tageszeitungen, Hörfunk und Fernsehen, Frankfurt/M. 1985.
[63] S. als kritische Stimme zum theoretischen Bezugsrahmen Goss‘ auch Schneider, Beate: Wenn der Klassenfeind das Programm bestimmt. Medienwirklichkeit in der DDR, in: Publizistik 29/1984, S. 197-202, hier: S. 200.
[64] Bellut, Thomas: Die DDR-Berichterstattung in den Nachrichtenmedien der Bundesrepublik Deutschland, Münster 1983.
[65] Herres, Volker: Kennzeichen D. Über die Schwierigkeiten ein deutsch-deutsches Fernsehmagazin zu machen, Düsseldorf 1983.
[66] Ludes, Peter (Hg.): DDR-Fernsehen intern: von der Honecker-Ära bis „Deutschland einig Fernsehland“, Berlin 1990.
[67] Hesse, Kurt R.: Fernsehen und Revolution: Zum Einfluss der Westmedien auf die politische Wende in der DDR, in: Rundfunk und Fernsehen 3/1990, S. 328-341.
[68] Krüger, Udo Michael/Rinz, Bodo: DDR-Berichterstattung - Renaissance der Information?, in: Media Perspektiven 2/1990, S. 104-121.
[69] Leder, Dietrich: Die Tage im Herbst im West-Fernsehen. Eine Analyse, in: Hall, Peter Christian (Hg.): Revolutionäre Öffentlichkeit. Das Fernsehen und die Demokratisierung im Osten (23. Band Mainzer Tage der Fernsehkritik), Mainz 1990, S. 97-132.
[70] Heil, Karolus Heinz: Fernsehempfang in der SBZ. Empfangsmöglichkeiten, Zuschauerverhalten, Beurteilung. München 1971.
[71] Hesse, Kurt
R.: Westmedien in der DDR. Nutzung, Image und Auswirkungen
bundesrepublikanischen Hörfunks und Fernsehens, Köln 1988, sowie im Vorgriff
auf diese Veröffentlichung: ders. 1986 (a.a.O.).
[72] Hesse 1988, S. 41-43.
[73] Die wenigen kommunikationswissenschaftlichen Diskussionen in der DDR, die die Ost-West-Besonderheit aufgriffen, schildert z.B. Lemke, Christiane: Die Ursachen des Umbruchs 1989. Politische Sozialisation in der DDR, Opladen 1991 im Kapitel 3.4. „Die Massenmedien“ (S. 187-197). Die hier ebenfalls zu findenden, knappen Ausführungen zur Bedeutung des Fernsehens bei der Wende selber beziehen sich im Wesentlichen auf die Ergebnisse von Kurt R. Hesse sowie die von Walter Friedrich geleitete Untersuchung, die im Folgenden vorgestellt wird (s. folgende Fußnote).
[74] S. z.B. Friedrich, Walter: Mentalitätswandlungen der Jugend in der DDR, in: APuZ, B 16/17, 1990, S. 25-37 sowie Förster, Peter: Der lange Weg vom DDR- zum Bundesbürger, in: ders./Schlegel, Uta: Ostdeutsche Jugendliche, Opladen 1997, S. 207-223; zusätzliche Interpretationen dazu bei Stiehler, Hans-Jörg: Medienwelt im Umbruch. Ansätze und Ergebnisse empirischer Medienforschung in der DDR, in: Media Perspektiven 2/1990, S. 91-103.
[75] Karig, Ute/Stiehler, Hans-Jörg: Von „Spaß am Dienstag“ bis „Miami Vice“ - Aspekte des Fernsehumgangs von Kindern und Jugendlichen vor und nach der Wende, in: Schlegel/Förster (a.a.O.), S. 341-353, hier wird auch Bezug auf eine unveröffentlichte Studie aus Leipzig genommen; ; theoretisch-abstrakter sowie zeitlich mit 1994 vergleichend dazu: Kliment, Tibor: Fernsehnutzung in Ostdeutschland und das Bild von der Bundesrepublik. Ein Beitrag zur Kultivierungshypothese, in: Rundfunk und Fernsehen 4/1994, S. 485-509
[76] Goss/Hartman-Laugs 1988, Schütte 1994 und Scharf 1985.
[77] Stiehler 1990; Hanke, Helmut: Macht und Ohnmacht des Mediums. Wandel in Funktion und Gebrauch des DDR-Fernsehens, in: Zeitschrift für Sozialisationsforschung und Erziehungssoziologie, 1. Beiheft (Titel: Sozialisation im Sozialismus), S. 143-154. Gmel, Gerhard/Deimling, Susanne/Bortz, Jürgen: Die Nutzung des Mediums Fernsehen in der DDR vor und nach der Wende, in: Rundfunk und Fernsehen 4/1994, S. 542-554; Braumann, Christa: Fernsehforschung in der ehemaligen DDR, in: Rundfunk und Fernsehen 4/1994, S. 524-541; eingeschränkt: Wiedemann, Dieter 1990; Kreutz, Anja/Löcher, Uta/Rosenstein, Doris: Von „AHA“ bis „Visite“. Ein Lexikon der Magazinreihen im DDR-Fernsehen, Potsdam 1988
[78] Hesse 1990.
[79] Lindgens, Monika/Mahle, Susanne: Vom Medienboom zur Medienbarriere. Massenmedien und Bürgerbewegungen im gesellschaftlichen Umbruch der DDR und im vereinten Deutschland, in: Bohn/Hickethier/Müller 1992, S. 95-112.
[80] Okun, Bernd: Medien und „Wende“ in der DDR, in: Comparativ 3/1991, Titel des Heftes: Medien, Revolution, Historie, S. 11-20.
[81] In anderen, nicht diesem Sonderfall unterzuordnenden Zusammenhängen ist die Bedeutung dieser Quelle wesentlich umstrittener. S. dazu: Loiperdinger, Martin: Probleme des Quellenwerts von Bildmedien für die Geschichtsschreibung, in: Mitteilungen des Studienkreises Rundfunk und Geschichte 2/1988, S. 123-130.
[82] Zu den Magazinen im DFF: Kreutz/Löcher/Rosenstein, a.a.O.
[83] Hesse 1990, S. 334/335, Hesse bezeichnet es nach Aldous
Huxleys Roman ‚Brave New World‘ auch als Soma.
[84] Michel, Lutz P.: TV program flows between the FRG and the
socialist countries of Europe: the market rules, in: Becker, Jörg/Szecskö,
Tamas (Hg.): Europe speaks to Europe. International Information flows between
Eastern and Western Europe, New York 1989, S. 70-92.
[85] Hesse 1986, S. 267.
[86] Hesse 1986, S. 267.
[87] Diese Kostengründe sind auch ausschlaggebend dafür, dass in dieser Studie an z.T. auf diese „Zweitverwertung“ zurückgegriffen wird. Ansonsten stehen die Originalmitschnitte der Tagesschau, von Kennzeichen D, der Aktuellen Kamera sowie einiger Originalmitschnitte von Sondersendungen aus der betreffenden Zeit (aus den Rundfunkarchiven und dem privaten Videoarchiv des Autors) zur Verfügung. Für die Vermittlung des Tagesschaumaterials danke ich Dr. Karsten Timmer.
[88] Diese Sendung lief zum ersten Mal exakt fünf Jahre nach der Wende jeweils vor dem betreffenden Datum. 1999/2000 wurde die Staffel wiederholt.
[89] Wortprotokolle zur Aktuellen Kamera (und zur Tagesschau) hat besonders Peter Ludes angefertigt, s. Ludes 1990, S. 37-51.
[90] Im Folgenden zit. n. Lehr, Wolfgang R./Berg, Klaus (Hg.): Rundfunk und Presse in Deutschland. Rechtsgrundlagen der Massenmedien, Mainz 1970², S. 157.
[91] S. a. Hesse 1988, S. 24.
[92] Lehr/Berg 1970, S. 174.
[93] Jansen, Michael: Hörfunk, Fernsehen und Kalter Krieg. Die „gesamtdeutschen“ Aktivitäten der bundesdeutschen Rundfunkanstalten in den fünfziger und sechziger Jahren, in: Mitteilungen des Studienkreises Rundfunk und Geschichte, 2/1988, S. 152-156, hier: S. 152.
[94] Zit. n. Jansen 1988 S. 152.
[95] WDR-Jahrbuch 1956/57, Köln 1958, S. 21, zit. n. Jansen 1988, S. 153.
[96] Jansen 1988, S. 154.
[97] Jansen 1988, S. 154.
[98] N.N.: Methoden und Tendenzen des Ostfernsehens, in: fff-Archiv-Dienst Funk - Fernsehen - Film 11.8.1960, S. 204, zit. n. Jansen, S. 155.
[99] Zur Sendung Die rote Optik der Moderator selbst: Koch, Thilo: Westlicher Blick: „Die rote Optik“, in: Riedel, Heide (Hg.): Mit uns zieht die neue Zeit..., 40 Jahre DDR-Medien (Ausstellungskatalog), Berlin o.A.J. (1993), S. 125-129.
[100] Siehe bez. drüben: Herres 1983, S. 42/43.
[101] Es wurde in der „Verwaltungsvereinbarung für das Fernseh-Vormittagsprogramm ARD-ZDF“ zudem großer Wert darauf gelegt, dass eben dieses auch in der DDR zu empfangen ist, s. Lehr/Berg 1970, S. 232.
[102] Hachmeister, Lutz: Nicht die große Liebe. Jürgen Engert (Kontraste), in: Kammann, Uwe (Hg.): Die Schirm-Herren. 12 politische TV-Moderatoren, Köln 1989, S. 105-130, hier: S. 125.
[103] Hachmeister 1989, S. 127/128.
[104] Hachmeister 1989, S. 126/127; Hesse 1988, S. 42.
[105] Herres 1983, S. 49.
[106] Herres 1983, S. 50.
[107] Zit. n. Herres 1983, S. 51.
[108] Zit. n. Herres 1983, S. 52.
[109] Herres 1983, S. 71; Timm, Roland: Unter den obwaltenden Umständen. Dirk Sager (Kennzeichen D), in: Kammann 1989, S. 245-263, hier: S. 250/251.
[110] Timm, S. 251.
[111] Hesse 1988, S. 42.
[112] Herres 1983, S. 127-130.
[113] Bellut 1983, S. 48/49.
[114] Bundesministerium für Innerdeutsche Beziehungen (Hg.):
Zehn Jahre Deutschlandpolitik. Die Entwicklung der Beziehungen zwischen der
Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik 1969-1979,
Melsungen 1980, S. 34.
[115] S. z. B. Dönhoff, Marion/Leonhardt, Rudolf W. /Sommer, Theo: Reise in ein fremdes Land. Bericht über Kultur, Wirtschaft und Politik in der DDR, Hamburg 1964.
[116] Herres 1983, S. 34.
[117] Ausländische Journalisten wurden ganz offensichtlich bevorzugt behandelt, auch wenn sie aus dem Westen kamen. Einige Zeitungsreporter durften sogar während der größten politische Eiszeit ständige Büros in Ostberlin aufrechterhalten - jedoch stammten sie meist von kommunistischen Zeitungen, s. Bellut, S. 50/51.
[118] Gordon, Sven: DDR aus zweiter Hand. Die Ostaufzeichnung, in: Ästhetik und Kommunikation. Beiträge zur politischen Erziehung Nr. 73/74, 1990, S. 145-148.
[119] Herres 1983, S. 34/35.
[120] Bellut 1983, S. 83.
[121] Hier und im folgenden zitiert nach Bundesministerium für Innerdeutsche Beziehungen, Teil II, S. 203-205 und Bellut 1983, S. 84/85.
[122] Herres 1983, S. 35.
[123] DDR-Gesetzesblatt vom 1.3.1973, Teil I, Nr. 10, S. 99ff, zit n. Herres 1983, S. 35/36.
[124] DDR-Gesetzesblatt vom 1.3.1973, Teil I, Nr. 10, S. 99ff, zit n. Herres 1983, S. 35/36.
[125] Herres 1983, S. 36.
[126] Zu den Verfahren gegen westliche Journalisten in den fünfziger und sechziger Jahren, s. Bellut 1983, S. 59-61.
[127] Zit. n. Herres 1983, S. 36.
[128] Bellut 1983, S. 113.
[129] Hesse 1988, S. 28.
[130] Zur Größe und Bedeutung der Opposition vor 1989: Pollack, Detlev/Rink, Dieter: Einleitung, in: dies. (Hg.): Zwischen Verweigerung und Opposition. Politischer Protest in der DDR 1970-1989, S. 7-29, hier: S. 9/10; sowie analysierend die anderen Studien in diesem Band.
[131] Bellut 1983, S. 118-120.
[132] Herres 1983, S. 37.
[133] Zit. n. Loewe, Lothar: Abends kommt der Klassenfeind, Frankfurt/M. 1977, S. 113.
[134] So z.B. Neues Deutschland vom 23.12.1976 (s. Bellut, S. 126).
[135] Bellut 1983, S. 126/127.
[136] Herres 1983, S. 39.
[137] Klein, Wolfgang: Stets umsorgt und wohlbehütet - Korrespondent in der DDR, in: Filmer, Werner/Schwann, Herbert (Hg.): Alltag im anderen Deutschland, Düsseldorf/Wien 1985, S. 179-184.
[138] So z.B. in Kennzeichen D vom 14.10.1971, 21.5.1975 und 16.11.1976, s. hier und im Folgenden Kennzeichen D betreffend: Herres 1983, S. 128.
[139] S. Kennzeichen D vom 30.11.1976; Staritz 1996, S. 300-303.
[140] S. Gutzeit, Martin: Möglichkeiten und Formen abweichenden und widerständigen Verhaltens und oppositionellen Handelns, die friedliche Revolution, in: Drechsler, Ingrun u.a.(Hg.): Getrennte Vergangenheit, gemeinsame Zukunft. Ausgewählte Dokumente, Zeitzeugenberichte und Diskussionen der Enquete-Kommission „Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland“ des Deutschen Bundestages 1992-1994 in vier Bänden. Band 2: Opfer, Opposition und Widerstand, S. 115-196, hier: S. 155/156.
[141] Gutzeit 1997, S. 156; Staritz, S. 337.
[142] Bellut 1983, S. 141/142.
[143] Gutzeit 1997, S. 181.
[144] Was auch empirisch belegt ist: S. Friedrich, Walter 1990.
[145] Staritz 1996, S. 333; Timmer 1999, S. 80.
[146] Timmer 1999, S. 59.
[147] Rink, Dieter: Ausreiser, Kirchengruppen, Kulturopposition und Reformer. Zu Differenzen und Gemeinsamkeiten in Opposition und Widerstand in der DDR in den 70er und 80er Jahren, in: Pollack/Rink, S. 54-77, hier: S. 59/60; Staritz 1996, S. 333/334.
[148] Zur Einordnung der Ausreisewilligen und Flüchtlinge als revolutionäre Akteure s. Rink, Dieter: Soziale Bewegungen in der DDR: Die Entwicklung bis Mai 1990, in: Roth, Roland/Rucht, Dieter (Hg.): Neue soziale Bewegungen in der Bundesrepublik Deutschland, 2. Aufl. S. 54-70, hier: S. 60.; zu den vielfältigen Protesten der Ausreisewilligen: Joppke, Christian: East German Dissidents and the Revolution of 1989, London 1995, S. 136-139; Meuschel-Zitat: Meuschel 1992, S. 309, siehe zum Komplex Auswanderung als Opposition auch Opp, Karl-Dieter: DDR `89. Zu den Ursachen einer spontanen Revolution, in: Joas/Kohli 1993, S. 194-221, hier: S. 196 u. 200.
[149] Tagesschau vom 8.6.1987 (20 Uhr und 23 Uhr)
[150] Tagesschau vom 9.6.1987 (20 Uhr)
[151]
Tagesschau vom 09.06.1987 (20 Uhr); s.a. Hesse 1990, S. 336.
[152] Moritz, Torsten: Die
Entwicklung von DDR-Oppositionsgruppen nach 1989 – Das Beispiel
Umweltbibliothek Berlin. Die Tücken der Gruppendynamik, in: Pollack/Rink 1997,
S. 208-234, hier: S. 212; Gutzeit 1997, S. 185.
[153] Gutzeit 1997, S. 184/185; N.N.: Chronik, in: Weidenfeld, Werner/Zimmermann, Hartmut (Hg.): Deutschland-Handbuch. Eine doppelte Bilanz 1949-1989, München/Wien 1989, S. 770-830, hier: S. 828..
[154] Gutzeit 1997, S. 184/185.
[155] Zu den internen Auseinandersetzungen in der Opposition nach der Luxemburg-Demonstration s. Timmer 1999, 132-135.
[156] Tagesschau vom 20.6. und 21.06.1988 (20 Uhr).
[157] Weidenfeld/Zimmermann 1989, S. 829.
[158] MfS, ZAIG, Nr. 25/89: Informationen über die Aktivitäten feindlich-negativer Kräfte in Leipzig im Zusammenhang mit dem 70. Jahrestag der Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, in: Mitter, Armin/Wolle, Stefan: Ich liebe euch doch alle! Befehle und Lageberichte des MfS Januar-November 1989, Berlin 1990, S. 12.
[159] Anlage 2 zu MfS, ZAIG, Nr. 25/89, S. 14.
[160] MfS, ZAIG, Nr. 77/89: Informationen über das „Grün-Ökologische Netzwerk Arche“ in der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg, in: Mitter/Wolle 1990, S. 17-19, hier: S. 18.
[161] Findeisen, Hans-Volkmar: Exodus. Überlegungen zu drei Jahrzehnten Fluchtberichterstattung, in Medium 4/1990, S. 30-33, hier: S. 32.
[162] Bresser, Klaus: Das Fernsehen als Medium und Faktor der revolutionären Prozesse in Osteuropa und der DDR, in: Hall 1990, S. 33-44, hier: S. 38.
[163] Zielinski, Siegfried: Audiovisionen. Kino und Fernsehen als Zwischenspiele der Geschichte, Reinbek 1989, S. 199.
[164] Geserick 1989, Rolf: 40 Jahre Presse, Rundfunk und Kommunikationspolitik in der DDR, München 1989, S. 125 u. 205.
[165] Geserick 1989, S. 366; Ludes 1990,
S. 28.
[166] Ludes 1990, S. 28.
[167] Rexin, Manfred: Massenmedien in der DDR, in: Weidenfeld/Zimmermann 1989, S. 402-412, hier: S. 406; Braumann, S. 530.
[168] Braumann 1994, S. 532; zur DDR-Zuschauerforschung samt Kritik der Verwertbarkeit ihrer Ergebnisse: Stiehler 1990.
[169] Gmel/Deimling/Bortz 1994, S. 552.
[170] Stiehler 1990, S. 99.Gmel/Deimling/Bortz 1994, S. 546.
[171] Braumann verwendet dafür den DDR-typischen Begriff „gesellschaftliches Aktiv“, s. Braumann 1994, S. 547.
[172] Braumann 1994, S. 536/537.
[173] Braumann 1994, S. 541.
[174] Gmel/Deimling/Bortz 1994, S. 548; Braumann 1994, S. 533
[175] Gmel/Deimling/Bortz 1994, S. 546.
[176] Geserick 1989, S. 64.
[177] Geserick 1989, S. 163.
[178] Mühl-Benninghaus, Wolfgang: Medienpolitische Probleme in Deutschland zwischen 1945 und 1989. Zum unterschiedlichen Verständnis der audiovisuellen Medien in beiden deutschen Staaten, in: Riedel (1993), S. 9-20, hier: S. 14.
[179] „Bericht des Politbüros an das ZK der SED“ zur 9. Tagung des ZK am 28./29.5.1973, zit. n. Beutelschmidt, Thomas: Sozialistische Audiovision: Zur Geschichte der Medienkultur in der DDR, Potsdam 1995, S. 273.
[180] Linke 1987, S. 48; s.a. Niemann, Heinz: Meinungsforschung in der DDR: Die geheimen Berichte des Instituts für Meinungsforschung an das Politbüro der SED, Köln 1993.
[181] S. z.B. Hesse 1988, S. 41; N.N.: Originalton West – drüben, in: ARD-Magazin 2/1987, S. 11; Friedrichs 1990, S. 31.
[182] Beutelschmidt, S. 150/151.
[183] Etzkorn, K. Peter/Stiehler,
Hans-Jörg: The „Valley of the Clueless“ – Results From an Historical
Experiment, in: Communications 23/1998, Heft 3, S. 271-298.
[184] Hier ist vor allem der Deutschlandfunk zu nennen.
[185] Friedrich 1990, S. 31; zu einem ähnlich deutlichen Ergebnis kommt die spätere Studie von Kliment: Kliment 1994, S 483-509..
[186] Friedrich 1990, S. 32.
[187] Stiehler 1990, S. 99 (Zitat aus zuvor unveröffentlichten Ergebnissen der Studie Friedrichs, bzw. des Leipziger Institutes für Jugendforschung).
[188] Hesse 1988, S. 42/43.
[189] Anm.: Ähnlich wird dann im Kapitel zum Westfernsehen verfahren.
[190] Meyn, Herrmmann: Massenmedien in der Bundesrepublik Deutschland. Alte und neue Bundesländer, überarbeitet und aktualisierte Aufl. Berlin 1992, S. 43.
[191] Meyn 1992, S. 43.
[192] Holzweißig, Gunter: Massenmedien unter Parteiaufsicht – Lenkungsmechanismen vor der Wende in der DDR, in: Rundfunk und Fernsehen 3/1990, S. 365-376, hier: S. 373.
[193] „Die Union“ vom 27.2.1990, zit. n. Meyn 1992, S. 105.
[194] Ostseezeitung, k.A., zit. n. Meyn 1992, S. 44.
[195] Stern Nr. 23 vom 31.5.1990, zit. n. Meyn 1992, S. 45.
[196] Beschluss des Politbüros des Zentralkomitees der SED vom 7. November 1972, in: Die Aufgaben der Agitation und Propaganda bei der weiteren Verwirklichung der Beschlüsse des VIII. Parteitages der SED, Berlin 1972, S. 84, zit. n.: Hoff, Peter: „Vertrauensmann des Volkes“, in Rundfunk u. Fernsehen 3/1990, S. 385-399, hier: S. 389.
[197] Holzweißig 1990, S. 366.
[198] Holzweißig, Gunter: Massenmedien in der DDR2. völlig überarbeitete Aufl., Berlin 1989, S. 15.
[199] Schabowski, Günter: Der Absturz, Berlin 1991, S. 91/92; Holzweißig, Gunter: Zensur ohne Zensor. Die SED-Informationsdiktatur, Bonn 1997, S. 20.
[200] Loeser, Franz: Die unglaubwürdige Gesellschaft. Quo vadis, DDR, Köln 1984, S. 71/72.
[201] Schabowski 1991, S. 91/92.
[202] Ludes 1990, S. 22. Ludes gibt jedoch kein konkretes Beispiel an; grundsätzlich zur Involvierung Honeckers in die Zensur: Holzweißig 1997, S. 60.
[203] Hoff 1990, S. 390.
[204] Grubitzsch, Jürgen: Traditionen, Altlasten und Neuansätze der Leipziger Journalistenausbildung, in: Rundfunk u. Fernsehen 3/1990, S. 402.
[205] Zit. n. Holzweißig 1989, S. 14.
[206] Holzweißig 1997, S. 134; Ludes 1990, S. 17.
[207] Ludes 1990, S. 9.
[208] Ludes 1990, S. 22/23.
[209] Hanke, Helmut: Das „deutsche Fernsehen“ – doch kein Null-Medium?, in: BFF Bd. 40 (1990), S. 7-23, hier: S. 10; Holzweißig 1989, S. 67.
[210] Schabowski 1991, S. 169.
[211] MfS, ZAIG, Nr. 229/89: Information über beachtenswerte Ergebnisse der Sicherung der Durchführung der Kommunalwahlen am 7. Mai 1989, in: Mitter/Wolle 1990, S. 34-39. Hier sind alle Protestaktionen aufgeführt, die der Staatssicherheit bekannt geworden waren.
[212] Neues Deutschland vom 5.6.1989, zit. n. Timmer, S. 110.
[213] Gutzeit 1997, S. 187.
[214] Zu oppositionellen Aktionen: MfS, ZAIG, Nr. 321/89, in: Mitter/Wolle 1990, S. 79-81; mehr dazu in Kap. IV.1.
[215] Timmer 1999, S. 100.
[216] Hertle, Hans-Hermann: Der Fall der Mauer. Die unbeabsichtigte Selbstauflösung des SED-Staates, Opladen 1996, S. 93; Schabowski 1991, S. 221/222.
[217] Timmer 1999, S. 104.
[218] Timmer 1999, S. 102/103.
[219] Schnibben, Cordt: „Ich bin das Volk“. Wie Erich Honecker und sein Politbüro die Konterrevolution erlebten, in: Der Spiegel v. 16.4.1990, S. 90.
[220] Aktuelle Kamera vom 6.9.1989, gleichlautend: Neues Deutschland vom 7.8.1989.
[221] Anm.: Was aufgrund des analytisch bedingten systematischen Aufbaus in Kap. IV.1. zu zeigen sein wird.
[222] Aktuelle Kamera vom 9.8.1989 (19.30 Uhr)
[223] Aktuelle Kamera vom 13.8.1989 (19.30).
[224] Aktuelle Kamera vom 13.8.1989 (19.30)
[225] Z.B. am 14. und 16.8.1989 in der Aktuellen Kamera (19.30 Uhr).
[226] Aktuelle Kamera vom 19.8.1989 (19.30 Uhr).
[227] Verlauf der Sitzung des SED-Politbüros am 29. August 1989 (Mitschrift des ZK-Abteilungsleiters für Sicherheitsfragen, Wolfgang Herger), in: Stephan, Gert-Rüdiger (Hg.): „Vorwärts immer, rückwärts nimmer!“. Interne Dokumente zum Zerfall von SED und DDR 1988/89, Berlin 1994, S. 96-106, hier: S. 107.
[228] Verlauf der Sitzung des SED-Politbüros am 29. August 1989 (Mitschrift des ZK-Abteilungsleiters für Sicherheitsfragen, Wolfgang Herger), in: Stephan 1994, S. 99.
[229] Aktuelle Kamera vom 4.9.1989 (19.30 Uhr).
[230] Aktuelle Kamera vom 4.9.1989 (19.30 Uhr).
[231] Aktuelle Kamera vom 8.9.1989; Tagesschau vom 8.9.1989;
[232] S. Fernschreiben von Vehres vom 8.9. bis 10.9.1989 in: Stephan, S. 134-142.
[233] Aktuelle Kamera vom 10.9.1989 (19.30)
[234] Aktuelle Kamera vom 11.9.1989; s.a. „Konzertierte Aktion zwischen Bundesregierung und Medien“ im Neuen Deutschland vom 19.9.1989
[235] Horn, Gyula: Freiheit, die ich meine. Erinnerungen des ungarischen Außenministers, der den Eisernen Vorhang öffnete, Hamburg 1991, S. 314/315; Tagesschau vom 25.8.1989 (20 Uhr); Gutzeit 1997, S 188.
[236] Timmer 1999, S. 107.
[237] Verlauf der Sitzung des SED-Politbüros am 29. August 1989, S. 97.
[238] Timmer 1999, S. 107.
[239] Staritz 1996, S. 355.
[240] Z.B. Aktuelle Kamera vom 16.9.1989.
[241] So z.B. in den Ausgaben der Aktuellen Kamera vom 16.9.1989, 22.9.1989 und 23.9.1989.
[242]
Verlauf der Sitzung des SED-Politbüros am 29. August 1989, in: Stephan 1994, S. 123.
[243] Protokoll der Sitzung des SED-Politbüros vom 29. September 1989, Protokoll Nr. 39, in: Stephan 1994, S. 154/155.
[244] Neubert, Ehrhart: Geschichte der Opposition in der DDR 1949-1989, Berlin 1997, S. 829.
[245] Aktuelle Kamera vom 1.10.1989; zur Rolle Honeckers dabei s. Schabowski 1991, S. 235/236.
[246] Timmer 1999, S. 83.
[247] Bourdieu, Pierre: Homo academicus,
Frankfurt/M. 1988, S. 278 u. 274.
[248] Aktuelle Kamera vom 21.9.1989 (19.30 Uhr).
[249] Aktuelle Kamera vom 8.10.1989 (19.30 Uhr); da über diese Demonstration auch ausführlich im Westfernsehen berichtet wurde, mehr dazu im nächsten Kapitel.
[250] Bahrmann, Hannes/Links, Christoph: Chronik der Wende. Die DDR zwischen 7. Oktober und 18. Dezember, Berlin 1994, S. 9/10.
[251] Horst Hano war akkreditierter DDR-Korrespondent der ARD, offensichtlich unterlief dem Autor oder dem Sprecher des Kommentars hier ein Fehler.
[252] Aktuelle Kamera vom 9. Oktober (19.30 Uhr).
[253] Aktuelle Kamera vom 9. Oktober (19.30 Uhr).
[254] Staritz 1996, S. 365/366.
[255] Bahrmann/Links 1994, S. 17, Staritz 1996, S. 366.
[256] Staritz 1996, S. 366.
[257] Staritz 1996, S. 366; zum Verhalten der leitenden Einsatzkräfte sowie der zuständigen Parteifunktionäre an diesem Abend s. Timmer 1999, S. 198-202.
[258] Bourdieu 1988, S. 287; zur Anwendung der abstrakten Begrifflichkeit Bourdieus auf die Ereignisse in der DDR s. Timmer 1999, S. 202/203.
[259] Aktuelle Kamera vom 10.9.1989 (19.30 Uhr).
[260] Die Erklärung der Politbüros wurde in der Aktuellen Kamera vom 11.9.1989 verlesen und am Folgetag im Neuen Deutschland abgedruckt.
[261] Nölte, Joachim: Chronik medienpolitischer Ereignisse in der DDR, in: Claus, Werner (Hg.): Medien-Wende – Wende-Medien: Dokumentation des Wandels im DDR-Journalismus Oktober 1989 - Oktober 1990, Berlin 1991, S. 17-116, hier: S. 26/27.
[262] Besonders deutliches Beispiel für die Fortsetzung der Beschuldigungen war der Kommentar von Eduard Schnitzler in der Aktuellen Kamera vom 14.10.1989; Bekanntgabe der Visumspflicht für Reisen in die CSSR: Aktuelle Kamera vom 12.10.1989.
[263] Beschlüsse des Politbüros vom 17.10.1989 in: Stephan 1994, S. 166.
[264] Aktuelle Kamera v. 18.10.1989; Bahrmann/Links 1994, S. 35; Ludes 1990, S. 53.
[265] Aktuelle Kamera vom 18.10.1989.
[266] Rede im Fernsehen der DDR, 1. Programm vom 18.10.1989.
[267] Akteure, die das Westfernsehen aufgebaut hatte, wie noch zu zeigen sein wird.
[268] Zitat nach Buchtitel (Medien-Wende Wende-Medien) von Claus 1991.
[269] Tagesschau vom 2.5.1989 (20 Uhr).
[270] Bericht eines Flüchtlings in der Budapester Botschaft, zit. n. die tageszeitung vom 10.8.1989, S. 7, zit. n. Timmer, S. 106; s.a.. die tageszeitung, 25.7.1989, S. 7; die tageszeitung vom 9.8.1989, S. 3; FAZ vom 9.8.1989, S. 3. und die Frankfurter Rundschau vom 9.8.1989.
[271] Laut Bericht eines Flüchtlings im Interview mit dem Autor; s. außerdem afp-Meldung Nr. 73 vom 20.6.1989 in Presse- und Informationsamt der Bundesregierung: Deutschland 1989, Bonn 1990, Band 1, (k.S.).
[272] Zu den von den Medien kaum beachteten Botschaftsbesetzungen zwischen 1984-1989 s. Hertle 1996, S. 96.
[273] S. z.B. Kennzeichen D vom 19.7.1989: „Hilfe, die Deutschen kommen!“, Die Welt vom 6.7.1989: „Übersiedler: Rekord seit Mauerbau“; Spiegel vom 31.7.1989: „Sehr allein“.
[274] Die Zeit vom 11.8.1989: „Protest mit den Füßen“.
[275] So z.B. Gerd Poppe in Lindgens/Mahle 1992, S. 99.
[276] Umweltblätter 25/1989 (September), S. 10, zit. n. Rüddenklau, Wolfgang: Störenfried. DDR-Opposition 1986-1989.Mit Texten aus den „Umweltblättern“, 2. überarb. Auflage, Berlin 1992, S. 355.
[277] Tagesschau vom 13.8.1989 (20 Uhr)
[278] Das die DDR-Bevölkerung dieses Procedere wahrnahm, bemerkte auch die Staatssicherheit, s. MfS, ZAIG, B/215, in: Mitter/Wolle 1990, S. 113-138; hier: S. 116/117.
[279] Tagesschau vom 14.8.1989 (20 Uhr).
[280] Tagesschau vom 18.8.1989 (20 Uhr).
[281] Tagesschau vom 19.8.1989 (20 Uhr).
[282] Tagesschau vom 19.8.1989 (20 Uhr).
[283] Tagesschau vom 20.8.1989 (20 Uhr).
[284] Tagesschau vom 5.9.1989 (20 Uhr).
[285] S. dazu vor allem Findeisen 1990, S. 32/33.
[286] Nölte 1991, S. 21; Hesse 1991, S. 337.
[287] Hesse 1991, S. 337.
[288] Timmer 1999, S. 109/110.
[289] Stephan 1994, S. 100.
[290] Hinweise auf beachtenswerte Reaktionen von Mitgliedern und Funktionären der SED zu einigen aktuellen Aspekten der Lage in der DDR und zum innerparteilichen Leben, MfS, ZAIG, 0/223 vom 11.9.1989, in: Mitter/Wolle, S. 148-150, hier: S. 150.
[291] Tagesschau vom 10.9.1989 (20 Uhr)
[292] Kennzeichen D vom 13.9.1989; ähnlich: heute-journal vom 14.9.1989; s.a. Neubert 1997, S. 829.
[293] Tagesschau vom 11.9.1989 (20 Uhr)
[294] Tagesschau vom 11.9.1989 (20 Uhr)
[295] Verlauf der Sitzung des SED-Politbüros am 12. September 1989, in: Stephan 1994, S. 146-154, hier: S. 147.
[296] Tagesschau vom 20.9.1989 (20 Uhr)
[297] Zur Häufigkeit der Berichte zum Thema DDR-Flüchtlinge s. die Sendeabläufe der Tagesschau und der Tagesthemen dieser Tage.
[298] Luhmann 1996, S. 55-72; s.a. S. 17 dieser Studie.
[299] Brand 1990, S. 10.
[300] S. etliche Tagesschauberichte, beispielhaft: 13.8.1989 (Budapest) und 20.9.1989 (Prag); zur Wirkung dieser Bilder selbst auf die Mitglieder des Politbüros s. Schabowski 1991, S. 234.
[301] Luhmann 1996, S. 60/61.
[302] Zur Entscheidung der Erlaubnis zur Ausreise siehe: Protokoll der Sitzungen des SED-Politbüros vom 29.9.1989 und 4.10.1989, in Stephan 1994, S.
[303] Schabowski 1991, S. 234; s.a. Bericht von Horst Hano in der Tagesschau vom 1.10.1989 (20 Uhr).
[304] Tagesschau vom 1.10.1989 (20 Uhr), die betreffende Szene wurde ganz am Anfang – noch vor der Begrüßung – gesendet, wo die Tagesschau nur bei außergewöhnlichen Ereignissen sogenannte „O-Ton-“ und „Atmo“-Bilder platziert.
[305] Tagesschau vom 1.10.1989 (20 Uhr), Interpunktion wie auf dem Transparent.
[306] Marlis Menge: „Hoffentlich knallt es nicht“, in: Die Zeit vom 6.10.1989, S. 9, zit. n. Timmer 1999, S. 123.
[307] Pleitgen, Fritz: „Am Tropf der westlichen Medien“, in: Die Zeit vom 20.10.1989, zit. n. Presse- und Informationsamt 1990, Band 13, S. 1861.
[308] Tagesschau vom 1.10.1989 (20 Uhr).
[309] S. dazu Timmer 1999, S. 123.
[310] MfS, Dokument Nr. 103624, Mielke an Leiter der Dienststellen, in: Mitter/Wolle 1990, S. 195-198; Tagesschau vom 3.10.1989 (20 Uhr), s.a. Frankfurter Rundschau vom 4.10.1989: „Im geschlossenen Käfig“, zit. n. Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Band 10, S. 1259..
[311] Tagesschau vom 3.10.1989 (20 Uhr).
[312] Schabowski 1991, S. 235.
[313] Tagesschau vom 1.10.1989 (20 Uhr).
[314] Staritz 1996, S. 361.
[315] Timmer 1999, S. 126.
[316] Timmer 1999, S. 114/115.
[317] Brand 1990, S. 10.
[318] Timmer 1999, S. 115.
[319] Zur Rosa-Luxemburg-Demonstration und die damit stattgefundenen Festnahmen z.B. Kennzeichen D vom 18.1.1989 (inkl. eines Interviews mit dem damaligen Verteidiger von Oppositionellen, Gregor Gysi).
[320] Tagesschau vom 7.5.1989 (20 Uhr).
[321] Information über beachtenswerte Ergebnisse der Sicherung der Durchführung der Kommunalwahlen am 7. Mai 1989, MfS, ZAIG, Nr. 229/89, in: Mitter/Wolle 1990, S. 34-37, hier: S. 36; Neubert, S. 812.
[322] Kennzeichen D vom 10.5.1989; ein Beispiel dafür, dass auch das Westfernsehen sich mit der Berichterstattung des anderen Systems beschäftigte.
[323] Kennzeichen D vom 24.5.1989.
[324] MfS, ZAIG, Nr. 150/89, in: Mitter/Wolle1990, S. 46-71, hier: S. 47.
[325] Lindgens/Mahle 1992, S. 100.
[326] S. z.B. am Beispiel der Durchsuchung der Umweltbibliothek Berlin 1987: Moritz 1997, S. 212 oder bei der Rosa-Luxemburg-Demonstration 1989, s. Rüddenklau 1992, S. 275.
[327] Bohley, Bärbel: DDR – Zwischenzeiten, in: Grenzfall 1-12, Samisdat Berlin 1988, S. 28-30, zit. n. Neubert 1997, S. 807.
[328] Z.B. in Kennzeichen D vom 5.7.1989: Dort wurde zum einen über die Berichterstattung des staatlichen Fernsehens der DDR berichtet, zum anderen auch über die Aktionen der Oppositionellen anhand von Amateurvideoaufnahmen; zur Wirkung der Berichterstattung auf die DDR-Bevölkerung s. Lindner, Bernd: Die demokratische Revolution in der DDR 1989/90, Bonn 1998 (Bundeszentrale für politische Bildung), S. 33/34; Timmer 1999, S. 110/111; Baule, Bernward: „Wir sind das Volk!“. Politische Bedienungsfelder der Freiheitsrevolution in der DDR, in: Löw, Konrad (Hg.): Ursachen und Verlauf der deutschen Revolution 1989, Berlin 1991, S. 17-44, hier: S. 36.
[329] Informationen über die Durchführung kirchlicher Solidaritätsveranstaltungen im Zusammenhang mit den konterrevolutionären Ereignissen in der VR China, MfS, ZAIG, Nr. 321/89 vom 30.6.1989, in: Mitter/Wolle 1990, S. 79-81.
[330]
Informationen über die Durchführung kirchlicher Solidaritätsveranstaltungen...
(ZAIG, Nr. 321/89), S. 81, Sendedatum unbekannt.
[331] Zur Arbeit der Opposition in den Sommermonaten: Neubert 1997, S. 818/819.
[332] S. dazu Pleitgen 1989.
[333] Erich Loest in Kennzeichen D vom 2.8.1989, Jurek Becker in der Sendung vom 16.8.1989.
[334] Kennzeichen D vom 16.8.1989 (Stolpe) und vom 30.8.1989 (Schorlemmer); Material mit Schorlemmer laut ZDF bei Brand vernichtet.
[335] So z.B. Stefan Heym am 11.8.1989 im Bericht aus Bonn und Manfred Stolpe im heute-journal v. 16.8.1989.
[336] Tagesschau vom 4.9.1989 (20 Uhr).
[337] Lindner 1998, S. 27.
[338] S. a. Neubert 1997, S. 825.
[339] Diese Einschätzung wurde am selben Abend in der Ansage für den Bericht durch Sabine Christiansen noch einmal verstärkt: „Nicht alle der jungen Leute wollen ausreisen. Es gingen vor allem die mit auf die Straße, die sich für mehr Demokratie und Reisemöglichkeiten einsetzen“, Tagesthemen vom 4.9.1989 (22.30).
[340] Tagesschau vom 4.9.1989 (20 Uhr)
[341] Tagesschau vom 7.9.1989 (20 Uhr)
[342] Tagesschau vom 11.9.1989.
[343] Kennzeichen D vom 13.9.1989.
[344] Timmer 1999, S. 156.
[345] Zu den Stasivermutungen s. MfS, ZAIG, Nr. 150/89: Informationen über beachtenswerte Aspekte des aktuellen Wirksamwerdens innerer feindlicher, oppositioneller und anderer negativer Kräfte in personellen Zusammenschlüssen, in: Mitter/Wolle 1990, S. 46-71, hier: S. 50; zur illegalen Einfuhr von Druckmaschinen und Farbe für die oppositionellen Druckschriften durch Journalisten s. Interview mit dem Drucker des „telegraph“, Frank Ebert, in: „Chronik der Wende: 14.10.1989“ vom 13.10.1999 (ARD).
[346] Amateurvideo in Kennzeichen D vom 13.9.1989.
[347] Amateurvideo in Kennzeichen D vom 13.9.1989.
[348] Gründungsaufruf des Neuen Forums: Eine politische Plattform für die ganze DDR, in: Rein, Gerhard (Hg.): Die Opposition in der DDR. Entwürfe für einen anderen Sozialismus, Berlin 1989, S. 13.
[349] Aufruf zum „Demokratischen Aufbruch – sozial, ökologisch“, in: Rein 1989, S. 34-37, hier: S. 34.
[350] Tagesthemen vom 18.9.1989 (22.30 Uhr).
[351] S. dazu Raschke 1988, S. 345, Schmitt-Beck, S. 649/650 sowie S. 14 dieser Untersuchung.
[352] Zit. n. Lindgens/Mahle 1992, S. 101.
[353] Tagesthemen vom 18.9.1989 (22.30 Uhr).
[354] So Stefan Waldau, Mitbegründer des Neuen Forums Görlitz, in: Schneider, M.: „Und plötzlich ging alles so schnell“ - Wende und Wandel in Görlitz, Wiesbaden 1991, S. 141, zit. n. Timmer 1999, S. 157.
[355] Timmer 1999, S. 155.
[356] Zit. n. Lindgens/Mahle 1992, S. 98.
[357] Diskussionsbeitrag Rainer Eppelmanns, in: Materialien der Enquete-Kommission 1995, Bd. VII/1, S. 303; s.a. Timmer 1999, S. 156.
[358] Zit. n. Lindgens/Mahle 1992, S. 99.
[359] Tagesthemen vom 22.9.1989 (22.30 Uhr).
[360] Zum Solidaritätsappell von Künstlern s. a. Kennzeichen D vom 29.9.1989.
[361] Tagesthemen vom 19.9.1989 (22.30 Uhr), grammatikalischer Fehler im Zitat durch Kirchner.
[362] Tagesschau vom 20.9.1989 (20 Uhr).
[363] Kennzeichen D vom 27.9.1989, Tagesschau vom 26.9.1989 (20 Uhr).
[364] Tagesschau vom 19.9.1989 (20 Uhr), zur Bedeutung der Berichterstattung auf die Formierung des Protestes in Leipzig s. auch Zwahr, Hartmut: Ende einer Selbstzerstörung. Leipzig und die Revolution in der DDR, Göttingen 1993², S. 50..
[365] Tagesschau vom 22.9.1989 (20 Uhr); Bärbel Bohley informierte die westlichen Medien unmittelbar nachdem sie über die Nichtzulassung informiert wurde, s. Stephan 1994, S. 169.
[366] Tagesschau vom 24.9.1989 (20 Uhr); zur Falschmeldung auch Timmer 1999, S. 158.
[367] Tagesschau vom 26.9.1989 und vom 2.10.1989 (jeweils 20 Uhr).
[368] Baule 1991, S. 35/36.
[369] Tagesschau vom 8.10.1989 (20 Uhr); Bahrmann/Links 1994, S. 8.
[370] Laut Leder 1990, S. 107 in einem ZDF-Spezial mit dem Titel „Was tun für Deutschland?“
[371] Tagesschau vom 8.10.1989 (20 Uhr).
[372] Neubert 1997, S. 852.
[373] Später mit „wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ übersetzt.
[374] Tagesschau vom 6.10.1989 (20 Uhr) und Tagesthemen vom gleichen Tag, sowie Kennzeichen D vom 11.10.1989
[375] Joppke 1995, S. 152; zur Einschätzung der Sowjetunion durch die DDR-Bürger s. Opp, Karl-Dieter/Voß, Peter: Die volkseigene Revolution, Stuttgart 1993, S. 246.
[376] Staritz 1996, S. 364.
[377] Reiche 1993, S. 23/24.
[378] Tagesschau vom 8.10.1989 (20 Uhr).
[379] Timmer 1999, S. 156.
[380] Tagesschau vom 8.10.1989 (20 Uhr).
[381] Tagesschau vom 6.9. u. 7.9.1989 (20 Uhr), heute vom 6.9.1989 (19 Uhr).
[382] Kennzeichen D vom 11.9.1989.
[383] Reiche, Steffen: Motivation der Gründergeneration, in: Dowe, Dieter/Eckert, Rainer (Hg.): Von der Bürgerbewegung zur Partei. Die Gründung der Sozialdemokratie in der DDR, Bonn 1993, S. 21-28, hier: S. 25.
[384] Lindgens/Mahle 1992: S. 99.
[385] Tagesschau vom 9.10.1989 (20 Uhr).
[386]
Zit. nach Schlegelmilch, C.:
Die politische Wende in der DDR am Beispiel der sächsischen Stadt Wurzen, in:
Fischer, Alexander/ Heydemann, Günther (Hg.): Die politische
„Wende“ 1989/90 in Sachsen, Weimar/
Köln/ Wien 1995, S. 117-146, hier: S. 131/132., s. a. Timmer, S.
201; ähnlich eine Gedächtnisprotokoll in: Zwahr 1993, S. 98, s.a.Lindgens/Mahle
1992, S. 98/99.
[387] Tagesschau und Tagesthemen vom 10.10.1989.
[388] Fernschreiben Erich Mielkes an die Leiter der Diensteinheiten vom 8.10.1989, in: Mitter/ Wolle 1990, S. 201- 203, Zitat S. 202/203.
[389] „Leipzig vor zehn Jahren“, Sendereihe im Morgenmagazin der ARD, Zitat vom 11.10.1999, die Terminierung der Aufnahmen bei Bahrmann/Links (16.10.) und daraus folgend auch in der Fernsehdokumentarreihe „Chronik der wende“ ist ganz offensichtlich falsch, vgl. Bahrmann/Links 1994, S. 33 sowie „Chronik der Wende: 16.10.1989“ (ARD, 15.10.1999), s. a. Der Spiegel 41/1999: „Keine Gewalt“, der die Aufnahmen ebenfalls auf den 9.10.1989 terminiert..
[390] Aram Radomski in „Durch die Straße hallte der Ruf: ‚Wir sind das Volk’“, Berliner Morgenpost vom 9.9.1999, zitiert aus Hypertextdokument http://archiv.berliner-morgenpost.de/cgi-bin/e?u=/archiv1999/991009/politik/story158180.html.
[391] „Chronik der Wende: 16.10.1989“ (ARD, 15.10.1999), Der Spiegel 41/1999: „Keine Gewalt“.
[392] „Leipzig vor zehn Jahren“, 11.10.1999.
[393] Tagesschau vom 10.10.1989 (20 Uhr).
[394] Ähnliche Bewertung in Kennzeichen D vom 11.10.1989.
[395] Tagesschau vom 10.10.1989 (20 Uhr).
[396] Tagesschau vom 11.10.1989 (20 Uhr).
[397] Bahrmann/Links 1994, S. 22.
[398] Kennzeichen D vom 11.9.1989.
[399] Opp 1993, S. 202.
[400] Kennzeichen D vom 11.9.1989.
[401] Tagesthemen vom 11.10.1989.
[402] Hager in der Tagesschau vom 12.10.1989 und Gerlach in der Tagesschau vom 13.10.1989 (beide 20 Uhr).
[403] Tagesschau vom 13.10.1989 (20 Uhr)
[404] Tagesschau vom 13.10.1989 (20 Uhr).
[405] Tagesschau vom 17.10.1989 (20 Uhr), auch schon in der Spätausgabe der Tagesschau (vgl. Bahrmann/Links S. 33 u. Sendeabläufe der Tagesschau.
[406] Tagesthemen vom 18.10.1989.
[407] Tagesthemen vom 18.10.1989.
[408] Telefoninterview mit Rias-TV am 18.10.1989, Sendezeit unbekannt, Ausschnitt aus „Chronik der Wende“ zum 18.10.1989 vom 17.10.1999.
[409] Ausschnitt aus „Chronik der Wende“ zum 18.10.1989 vom 17.10.1999, vermutlich der Spätausgabe der Tagesschau vom 18.10.1989 entnommen, s. Ablaufpläne der Tagesschau.
[410] Hesse 1990, S. 339.